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Vierfachmord von Eislingen "Wir haben ihn ja nicht in die Mülltonne gesteckt"

Frederik Begenat ist einer der beiden geständigen Vierfachmörder von Eislingen. Nur vage beschrieben die ersten Zeugen den 19-jährigen Gymnasiasten. Jetzt hat ein ehemaliger Schulkamerad erstmals ausführlich über den Angeklagten ausgesagt. Er zeichnete das Bild eines Außenseiters.
Von Malte Arnsperger

Frederik Begenat ist einer der beiden geständigen Vierfachmörder von Eislingen. Der 19-jährige Gymnasiast hat zugegeben, die tödlichen Schüsse auf die Familie Häussler abgegeben zu haben, während sein Freund Andreas daneben stand. Seit rund zwei Monaten versucht das Ulmer Landgericht mit Hilfe von Zeugen, sich ein Bild von den beiden jungen Männern zu machen. Andreas Häussler, der Sohn der Familie, wird als ein beliebter, freundlicher Junge geschildert, ein gut aussehender Sunnyboy, der bei den Mädchen gut ankam.

Doch wer ist sein Freund Frederik? Meist in einen grau-schwarz gestreiften Kapuzenpulli gekleidet, sitzt er zusammengekauert auf seinem Stuhl und starrt auf den Tisch. Er wirkt apathisch, lässt kaum eine Gefühlsregung erkennen. "Unscheinbar" - "der Kumpel vom Andreas" - "schüchtern", so vage beschrieben die ersten Zeugen Frederik Begenat. Konkreter wurde jetzt erstmals Tim W. Am achten Verhandlungstag berichtete der 19-jährige Abiturient ausführlich über Frederik. Er zeichnete das Bild eines Außenseiters, den auch seine Freunde nur duldeten.

"Wir haben Frederik immer mitgeschleift"

"Von klein auf sind wir zusammen aufgewachsen", erzählte Tim W. "Ich habe mitbekommen, wie er sich entwickelt hat". Sie besuchten gemeinsam die Realschule bis zum Abschluss. Doch ein wirklich enger Freund sei Frederik nie gewesen. Er habe bald festgestellt, "dass unsere Entwicklung verschieden verläuft." Er und seine Freunde hätten Frederik in der Folge nur noch "geduldet". Gönnerhaft sagte Tim: "Wir haben Frederik immer mitgeschleift."

Vom Vorsitzenden Richter nach einem konkreten Beispiel gefragt, erinnerte sich Tim an einen Vorfall vor einigen Jahren: Man wollte zu einer Maifeier gehen. Für Frederik sei da kein Platz gewesen, vor allem die Mädchen seien strikt dagegen gewesen. Trotzdem hätten sie Frederik erlaubt, mitzukommen. "Auf der Straße hat Frederik urplötzlich angefangen, Silvesterböller in offene Zimmerfenster und Keller zu werfen", empörte sich Tim W. "Da sagten die Mädchen: Wir haben es doch gewusst - mit dem kann man sich nicht zusammen sehen lassen."

Tim W. spricht von unberechenbarem Verhalten

Warum? Darauf weiß Tim W. keine richtige Antwort. Frederiks Kleidung wurde als uncool belächelt. In der Schule habe sich Frederik "komisch" verhalten. Einem Mitschüler habe er ins Gesicht geschlagen, nachdem der ihn aus Versehen mit einem Schneeball beworfen habe. Selbst bei Kleinigkeiten, wenn ihm beispielsweise ein Stift geklaut wurde, sei Frederik völlig ausgerastet und habe seinen Tisch umgeworfen.

Dieses impulsive, unberechenbare Verhalten von Frederik habe ihn dazu bewogen, die Polizei nach dem Einbruch im Eislinger Schützenhaus im Oktober 2008 anonym auf den Jugendlichen hinzuweisen. Bei dem Einbruch hatten Frederik und Andreas Häussler Waffen und Munition gestohlen, mit denen sie wenige Monate später die Familie Häussler erschossen. Warum er Frederik verdächtigt habe, wollten Staatsanwalt und Richter wissen. "Es war schon immer so eine seltsame Aura um Frederik", sagte der Zeuge. "Wir hatten einfach Schiss". so Tim W., dass Frederik, falls er die Waffen gestohlen hat, "etwas damit macht, was uns nicht zusagt."

"Wir haben ihn doch nicht gemobbt"

Zu diesem Zeitpunkt hatten sie allerdings kaum mehr Kontakt. Er und seine Freunde seien froh gewesen, als sich die Wege trennten und der merkwürdige Frederik aufs Wirtschaftsgymnasium wechselte. Kopfschüttelnd verfolgte Frederiks Anwalt die Aussagen des jungen Mannes. "Haben Sie ein schlechtes Gewissen?", fragte er den Zeugen. "Wir haben ihn doch nicht gemobbt, wir haben ihn geduldet und nicht in eine Mülltonne gesteckt."

Doch diese "Duldung" empfand Frederik Begenat anders, nämlich als Demütigung. Mit stockender Stimme erzählte er, wie er vor einigen Jahren von Tim W. mit harschen Worten abgewiesen wurde, als er die Clique auf das Cannstatter Volksfest begleiten wollte. "Ich wollte mich erkundigen, wer da hingeht und wann die hingehen", schilderte Frederik die Situation. "Doch der Tim meinte: Wenn es etwas für dich gibt, dann sagen wir es dir schon." Nach einer kurzen Pause fügte Frederik hinzu: "Damit war das für mich geklärt und ich bin weggegangen."


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