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Vierfachmord von Eislingen: Andreas' und Frederiks tödliche Welt

War es Hass? Oder Habsucht? Der Prozess gegen die mutmaßlichen Vierfachmörder von Eislingen hat ihre Parallelwelt offenbart - aber die Tat nicht erklärt. Heute fällt das Urteil.

Von Malte Arnsperger

Als die beiden Schwestern tot auf dem Bett in ihrem Zimmer liegen, muss der Freund zum Weitermachen ermuntert werden. "Halt' durch, bald ist es vorbei", sagt Andreas (18) und legt seinen Arm um Frederik (19). Dann treffen die Jungs in einer Musikkneipe Andreas' Eltern Hans Jürgen und Else Häussler, sprechen, scherzen und lachen mit ihnen. So, als sei nichts geschehen. Zwei Stunden später liegt auch das Ehepaar tot in seiner Wohnung – mutmaßlich ebenfalls von Andreas und Frederik erschossen.

Das Landgericht Ulm versucht seit einem halben Jahr, einen der mysteriösesten Fälle der jüngeren Vergangenheit zu lösen, den Vierfachmord an der Familie Häussler aus Eislingen. An diesem Mittwoch fällt das Urteil. Dabei scheint der Fall auf den ersten Blick klar: Es gibt Beweise, dass Andreas Häussler und Frederik Begenat in der Nacht zu Karfreitag 2009 im schwäbischen Eislingen erst Andreas' Schwestern und dann auch seine Eltern getötet haben: Die Tatwaffen tragen ihre DNA-Spuren. Die beiden jungen Männer haben die Morde gestanden. Frederik habe alleine geschossen, auf Bitten von Andreas, weil der mit seiner Familie nicht mehr klar gekommen sei, sagten sie übereinstimmend. Die Staatsanwaltschaft fordert eine zehnjährige Jugendstrafe für den heute 20-jährigen Frederik, der als Heranwachsender noch einem Jugendlichen gleichzustellen sei. Das gelte aber nicht für den 19-jährigen Andreas, der zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen sei.

"Die Welt ist schlecht"

Doch war das Motiv wirklich Hass? Oder war es schnöde Habgier? Und wer sind die beiden "Bubi-Killer", wie sie die Bild-Zeitung nennt? Zwei ausführliche psychiatrische Gutachten sollten helfen, die Fragen zu beantworten. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Gerd Gugenhahn arbeitete zudem mit fast schon quälender Gründlichkeit eine schier endlos lange Zeugenliste ab. Aber selbst die weit über 30 Zeugen aus dem Umfeld der Angeklagten konnten nur Bruchstücke liefern, die meist glatte Oberfläche zweier netter Jungs von nebenan beschreiben. Andreas und Frederik hatten es verstanden, ihr Inneres zu verbergen - so gut, dass selbst der erfahrene psychiatrische Sachverständige Peter Winckler zugeben musste, dass er die Angeklagten nicht zu durchschauen vermochte. "Ich habe bei den beiden nie festen Boden gefühlt."

Die beiden sind Mittelschichtskinder, standen kurz vor dem Abitur, waren noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Und selbst wenn die seelische Not hinter der Fassade viel größer war, als die Umgebung je wahrzunehmen vermochte - die jungen Männer befanden sich objektiv nie in einer ausweglosen Situation. Es gab selbst in den Stunden vor dem Mord immer noch die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden. Wieso also entschieden sie sich dafür?

Es ist keine eindeutige Erklärung für einen Mord - aber der Prozess zeigte, wie sehr sich Andreas und Frederik Schritt für Schritt von ihrer Umwelt abgekapselt hatten, wie sehr sie sich ein Universum geschaffen hatten, in dem nur ihre Regeln zu gelten schienen. Gutachter Winckler nannte das eine "Parallelwelt". In typisch pubertärer Pose überhöhten sich die beiden Freunde selbst und verdammten den Rest der Welt. "Wir kamen uns ziemlich privilegiert und cool vor", sagte Frederik. Und: "Die Welt ist schlecht." Auch das noch nichts Ungewöhnliches für Jugendliche in diesem Alter. Außergewöhnlich war aber die Systematik, mit der sie Schritt für Schritt Grenzverstöße ausprobierten. Sie quälten Tiere und stiegen in Schulen, Vereinsheime und Supermärkte ein. Im Herbst 2008 dann der Einbruch in ein Schützenhaus, bei dem die zwei Kumpels 17 Waffen erbeuteten, darunter auch die beiden späteren Tatwaffen. Damit schossen sie auf Tierschädel, um die Durchschlagskraft von Patronen zu testen.

Weil die beiden nie erwischt wurden, fühlten sie sich bald unbesiegbar. Sie hatten sogar einen geheimen Code: 5142. Die Zahl steht für die fünf Mitglieder der Familie Häussler. Nur einer, Andreas, würde überleben, denn vier würden sterben müssen. Und am Ende würden nur Andreas und Frederik übrigbleiben. Die Grenzen zwischen Realität und ihrer eigenen Welt waren verschwommen. "Es ist uns um den Kick gegangen", sagte Andreas. "Wir hatten kein Unrechtsbewusstsein."

Risse in der Vorzeigefamilie

Einerseits brave Mittelschicht, andererseits tiefe Abgründe. Nicht nur über die mutmaßlichen Täter, auch über die Familie Häusler brachte der Prozess Widersprüchliches ans Licht. Am achten Verhandlungstag im vergangenen Dezember saß auf dem Zeugenstuhl ein weißhaariger Mann im dicken Wollpulli. In bayerischem Dialekt erzählte Waldemar D., Hüttenwart eines Naturfreundehauses im Allgäu, von den Häusslers, die seit Jahren regelmäßig auf seiner Hütte zu Gast gewesen waren. Er berichtete von harmonischen Abenden mit Musik und Brettspielen. "Ich dachte immer, die Häusslers sind eine Vorzeigefamilie", sagte Waldemar D. Es gibt viele, die diesen Eindruck hatten.

Vor allem Beschreibungen von Hans Jürgen Häussler lassen die Fassade der heilen Welt schnell bröckeln. Zwar lag dem Vater offenbar viel an einem geordneten Familienleben, er engagierte sich in der Kirche. Aber er soll auch ein cholerischer, rechthaberischer Pedant gewesen sein, einer, der die Familie mit merkwürdigen Essensvorschriften traktierte. So musste es etwa jeden Mittwoch zwingend Salat mit Brottrunk, einem milchsauren Gärgetränk, zu essen geben.

Das Vater-Sohn-Verhältnis war kompliziert, ambivalent, eine Mischung aus Bewunderung und unendlichem Hass. Die beiden, sagten Zeugen, seien sich in vielem ähnlich gewesen - narzisstisch, rechthaberisch, aufbrausend und aggressiv. So konnte es vorkommen, dass der Vater den Sohn anbrüllte, ihn an die Wand presste, nur weil er bei einem Brettspiel verloren hatte. Andreas reagierte bisweilen mit Unterwürfigkeit, bisweilen mit offener Aggressivität auf die Launen des Vaters.

Einen weiteren Knacks bekam das Verhältnis an Andreas' 18. Geburtstag. Ausgerechnet der Familienmensch Hans Jürgen Häussler nahm das Geburtstagskind zur Feier des Tages in ein Bordell mit. Seinem verdutzten Sohn erklärte er, die Frau zuhause sei vor allem ein Kumpel, alles andere bekomme man gegen Bezahlung. Dieses Erlebnis habe er als "ziemlich abstoßend empfunden", sagte Andreas dem Psychiater. "Es hat für mich die letzte Bastion familiärer Harmonie zerstört." Nach dem Mord sagte Andreas jedoch, er vermisse seinen Vater "am meisten". Gleichzeitig bezeichnet er stets den Konflikt mit seinem Vater als Hauptmotiv für die Tat. Das "Gute" vom Vater fehle ihm, jetzt, wo das "Böse" tot sei, bilanziert sein Anwalt Hans Steffan.

Hauptmotiv Habgier?

Doch warum musste nicht nur Hans Jürgen, sondern mussten auch Mutter Else (55) und die Schwestern Annemarie (22) und Ann-Christin (24) sterben? Übereinstimmend erzählten die Zeugen, dass Else Häussler ihren Jüngsten abgöttisch geliebt hat. "Prince sleeps here". Ein Schild mit diesem Schriftzug hing an der Tür zu Andreas' Schlafzimmer, ein Geschenk seiner Mutter. Andreas sagte dem Gutachter: "Ich habe meine Mutter geliebt." Seine Schwestern habe er "sehr gemocht". Hätte er nur den Vater getötet, so die krude Logik des Sohnes, hätte ihn der Rest der Familie nie mehr akzeptiert. Gutachter Winckler: "Das gehört für mich zu den großen Rätseln dieses Falles."

Nicht mit Hass, sondern mit einem anderen Motiv erklärt Oberstaatsanwältin Brigitte Lutz die Morde. Habgier sei der Hauptgrund für die Tat gewesen, zumindest bei Andreas, sagt sie. Der habe sich das Erbe sichern wollen. Vor allem um ein Bankkonto mit rund 250.000 Euro sei es ihm gegangen. Lutz dient vor allem eine Art To-do-Liste von Andreas, auf der er "Oma anrufen wegen Beerdigung" oder "Finanzcheck" aufgeführt hat, als eindeutiges Indiz. Der Angeklagte streitet dies ab.

Ein anderes Rätsel dieses Falls ist die Rolle Frederik Begenats. Was trieb ihn dazu, seinem Freund mutmaßlich selbst beim Morden treu zu bleiben? Ein eigenes Interesse, so Oberstaatsanwältin Lutz, habe er nicht gehabt, auch kein finanzielles."Frederiks Motiv war es, seinem Freund zu helfen und damit die Freundschaft auf ewig zusammenzuschmieden", sagte sie.

Ein Mord als Freundschaftdienst, ein Vierfachmord sogar? Frederik ist ein blasser Junge, der im immergleichen grau-weiß gestreiften Kapuzenpulli in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl hockt, auf den blanken Tisch starrt, kaum hörbar spricht, wenn er etwas gefragt wird, und den Blicken seiner Eltern ebenso ausweicht wie dem seines einstigen Freundes. Dieser Junge, der von sich selber behauptet, ein "Mängelwesen" zu sein, soll mit zwei Pistolen, bestückt mit selbstgebastelten Schalldämpfern aus Cola-Flaschen, vier Menschen ermordet haben? Und das, weil er es als seine Pflicht ansah, seinem Freund beizustehen. "Freund fürs Leben" nannte Frederik den ein Jahr jüngeren Andreas. "Für Frederik war die Aussicht, die Morde zu begehen, weniger schlimm, als die Aussicht, den Freund zu verlieren", sagte sein Anwalt Klaus Schulz.

Langsames Erwachen aus der "Parallelwelt"

Im Prozess wurden Zweifel an Frederiks tatsächlicher Tatbeteiligung und seinen wahren Motiven laut. Ein Waffensachverständiger hatte erklärt, er halte es für unwahrscheinlich, dass Frederik - wie von ihm behauptet - beide Waffen in der Hand halten konnte und nacheinander zielgenau auf die Opfer geschossen habe. Und Richter Gugenhahn hatte den Angeklagten an einem der letzten Verhandlungstage ermahnt: "Es könnte zu Ihrem Vorteil sein, wenn Sie uns nicht verschweigen, was wirklich in dieser Nacht passiert ist."

Es wird wohl das Geheimnis der beiden Freunde bleiben, die nun langsam aus ihrer "Parallelwelt" zu erwachen scheinen. In seinem letzten Wort vor Gericht stammelte Andreas: "Ich muss sagen, dass es mir leid tut, so viele Leben verändert, geändert oder Eingriff darauf genommen zu haben. Vor allem auch beim Frederik." Und der murmelte: "Selbst nach dieser schrecklichen Tat habe ich sehr lange gebraucht, um einzusehen, dass das mit Andreas sehr schlecht war."