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Vierfachmord von Eislingen Die Suche nach dem Warum


Aus Wut gegen den allzu dominanten Vater wollen die beiden geständigen Vierfachmörder von Eislingen die Famillie Häussler ausgelöscht haben. Vor Gericht schilderten Zeugen den Vater als Mann mit einigen Macken - aber nicht als gefühllosen Tyrannen.
Von Malte Arnsperger

Als Gustavo Politi seine Zeugenaussage beendet hat, sucht er Blickkontakt mit den beiden Angeklagten. Doch da kommt nichts zurück. Frederik Begenat starrt auf die Tischplatte, Andreas Häussler schreibt eifrig Notizen. Ein Justizbeamter geleitet Politi aus dem Gerichtssaal, in dem über den Mord an einer vierköpfigen Familie - seiner Freundin Ann Christin, deren Schwester und ihren Eltern - verhandelt wird. Rund zwei Stunden hatte der 27-jährige Politi über die Familie Häussler Auskunft gegeben. Richter, Staatsanwältin, Verteidiger und Gutachter hofften, mit seiner Hilfe Erklärungen für die Tat zu finden. Denn auch am siebten Verhandlungstag am Ulmer Landgericht war die Frage nach dem Warum immer noch ungeklärt. "Ich, ich kann nix… Ich finde einfach keinen Grund", sagte Gustavo Politi mit stockender Stimme.

Es ist einer der mysteriösesten Mordfälle der jüngsten Vergangenheit. Andreas Häussler und Frederik Begenat, zwei mittlerweile 19-jährige Jungs aus gutem Hause, erschießen die Eltern und die Schwestern von Andreas Häussler. Sie haben die Tat inzwischen gestanden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, aus Habgier gehandelt zu haben. Sie hätten es auf das Vermögen der Eltern, rund 250.000 Euro auf einem Schweizer Konto der Häusslers, abgesehen. Die Verteidiger der Angeklagten dagegen meinen, dass das Motiv vor allem in der Persönlichkeit des Vaters Hans-Jürgen, einem Heilpraktiker und bekennenden Christen, zu suchen sei. Der Sohn ließ durchblicken, dass er das Leben unter seinem Dach als Hölle empfand. Doch wie dominant war dieser Vater Hans-Jürgen wirklich?

"Ich habe die Atmosphäre als warm empfunden"

Gustavo Politi ist ein besonnener junger Mann. Als Pflegeleiter in einer Station für demente und schizophrene alte Menschen hat er täglich mit schwierigen Schicksalen zu tun. Mit ruhiger Stimme schilderte er sein Bild der Familie Häussler. Seit 2002 ging er dort ein- und aus, war als zukünftiger Schwiegersohn Teil der Familie. Vater Hans-Jürgen habe zweifellos die Familie dominiert. Er habe eine Liebe zu Details gehabt, alles musste perfekt organisiert sein. So habe es stets pünktlich um sechs Uhr Abendessen gegeben, darauf habe der Vater Wert gelegt "Diese Genauigkeit und Struktur habe ich erst dort kennen gelernt", sagte der gebürtige Argentinier Politi fast bewundernd. "So etwas kenne ich aus meiner Familie nicht." Ähnliches hatte auch Arno Mild in seiner Zeugenvernehmung geschildert. Vater Hans-Jürgen sei ein dominanter, fast schon krankhaft perfektionistischer Mann gewesen, sagte der 23-jährige Industriekaufmann Mild, der seit vier Jahren mit der 22-jährigen Annemarie liiert war.

Die beiden Freunde der getöteten Schwestern sagten aus, dass es oft zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Andreas und seinem Vater gekommen sei. "Sie waren beide ziemliche Sturköpfe", erinnerte sich Mild. Meistens sei es um Kleinigkeiten gegangen. Andreas sei wiederholt wütend auf sein Zimmer gestürmt. Aber, so sagte Gustavo Politi, "Andreas konnte sich wehren, er ist ja nicht auf den Kopf gefallen."

Der Vorsitzende Richter fragte Politi, ob seine Freundin jemals von schweren Problemen in der Familie berichtet habe. Politi schüttelte den Kopf: "Chrissi hat mir alles erzählt, aber so etwas nie." Der psychiatrische Gutachter Peter Winckler hakte nach und befragte die beiden Freunde intensiv nach ihren Eindrücken. "Wie haben Sie die Atmosphäre innerhalb der Familie empfunden?", erkundigte sich Winckler. "Die Familie hat zusammengehalten", sagte Politik. "Jeder hat nach dem anderen geschaut". Ähnliches hatte auch Arno Mild berichtet. "Meistens war es sehr harmonisch bei Häusslers. Ich habe die Atmosphäre als warm empfunden."

"Mein Onkel musste immer Recht haben"

Andreas Häusslers Verteidiger sieht das anders. Für ihn ist eine Winter-Wanderung vor rund einem Jahr bezeichnend für die rücksichtslose Art von Vater Häussler. Damals soll dieser seine Familie inklusive der Freunde Frederik Begenat und Arno Mild durch tiefen Schnee auf eine Berghütte im Allgäu getrieben haben. Durchnässt und total erschöpft hätte die ganze Wandertruppe auf den Vater geschimpft, sagt Anwalt Hans Steffan. Doch nur Sohn Andreas habe den Mut gehabt, den Vater anschließend zur Rede zu stellen, während sich seine Begleiter plötzlich auf die Seite des Vaters gestellt hätten. "Das hat ihn schwer getroffen", sagte Anwalt Steffan. Arno Mild erinnerte sich aber auch nach wiederholter Nachfrage nicht an diesen Streit zwischen dem Vater und Andreas.

Dass Hans-Jürgen Häussler ein strenges Regiment führte und zu einsamen Entscheidungen neigte, zeigten die Aussagen von Verwandten. Bis 2007 habe es eine enge Freundschaft zwischen den Familien gegeben, schilderten die beiden Frauen vor Gericht. Doch urplötzlich habe Hans-Jürgen Häussler den Kontakt unterbunden, offenbar, weil er eine Familien-Taufe nicht organisieren durfte. "Mein Onkel musste immer Recht haben und alles musste so gemacht werden, wie er es wollte", sagte Andreas Cousine Lucia R. "Sonst ist er völlig ausgetickt." Dennoch erkläre dies nicht die Tat, sagte ihre Mutter Nora R.: "Ich versteh es nicht. Wenn man mit seinen Eltern nicht klarkommt, ist das doch keine Lösung."

"Es tut mir leid, was ich dir angetan habe"

Ohne seine Tante und seine Cousine anzuschauen, verfolgte Andreas Häussler deren Aussagen. Mit gerunzelter Stirn schrieb er Notizen auf ein Blatt Papier. Sein Kumpel Frederik wirkte während der Verhandlung wie versteinert. Nur zwei Mal hob er kurz den Blick. Stockend, mit tränenerstickter Stimme, entschuldigte er sich bei Arno Mild. "Ich möchte sagen, dass es mir leid tut, was ich dir angetan habe". Auch Andreas richtete einige Worte an die Freunde seiner Schwestern. Leise und kaum verständlich sagte er zu Politi: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich zu entschuldigen." Langsam antwortete Politi: "Du musst es erst mal vor dir selber entschuldigen. Ich glaube nicht, dass du das schaffen wirst."


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