Vierfachmord von Eislingen Eine tödliche Freundschaft


Es traf seine ganze Familie. Zuerst wurden die Schwestern erschossen, dann die Eltern. Ab Montag steht der 18-jährige Andreas Häussler wegen des Vierfachmordes vor Gericht. Gemeinsam mit seinem besten Freund soll er die Tat begangen haben. Völlig unklar ist das Motiv.
Von Malte Arnsperger

Wir waren das zusammen." Dieser Satz von Frederik Begenat, den er in einer Vernehmung gesagt haben soll, kommt dem Motiv des rätselhaften Vierfachmordes von Eislingen wohl am nächsten. Ab Montag stehen der 19-jährige Frederik und sein Freund Andreas Häussler, 18, vor dem Ulmer Landgericht, weil sie Andreas' Familie getötet haben sollen. Die Eltern und die Schwestern von Andreas Häussler waren in der Nacht zu Karfreitag in ihrem Haus im schwäbischen Eislingen mit insgesamt 30 Schüssen regelrecht hingerichtet worden. Möglicherweise, so sieht es der Anwalt von Andreas Häussler, war die Tat die Folge eines jahrelangen Konfliktes zwischen Andreas und seinem Vater - und einer missverstandenen Freundschaft zwischen zwei jungen Männern.

Offenbar planvoll und kaltblütig

Die Fakten sind schnell erzählt: Am Morgen des 10. April ruft der Schüler Andreas Häussler beim Roten Kreuz an und meldet, seine ganze Familie zu Hause tot aufgefunden zu haben. Da es keine Einbruchspuren gibt, geraten er und sein Freund Frederik schnell in Verdacht. Die Ermittler finden Schmauchspuren an ihren Händen. Der geständige Frederik - "wir waren das zusammen" - führt sie zu einem Versteck im Wald, wo die Tatwaffen vergraben liegen, an den Pistolen werden später DNA-Spuren der jungen Männer gefunden.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft gingen Frederik und Andreas äußerst planvoll vor. Zunächst erschossen sie die beiden Schwestern Ann-Christin, 24, und Annemarie, 22, danach trafen sie Else, 55, und Hansjürgen Häussler, 57, in einer Gaststätte, kehrten kurz darauf zum Haus der Häusslers zurück und lauerten dort den Eltern auf. Alles geschah "gemeinschaftlich und arbeitsteilig", betont die Staatsanwaltschaft, weshalb beide wegen Mordes angeklagt sind.

Die Anwälte der beiden Angeklagten kündigten gegenüber stern.de an, dass ihre Mandanten die Tat einräumen werden. "Frederik bleibt bei seinen Angaben und wird ein Geständnis machen", sagte Klaus Schulz, Verteidiger von Frederik Begenat. Ähnlich äußerte sich Hans Steffan, der Verteidiger von Andreas Häussler. "Die Tatvorwürfe werden von meinem Mandanten im Prozess nicht bestritten." Für beide Anwälte geht es in dem Prozess darum, dass die beiden jungen Männer nicht nach Erwachsenenstrafrecht, sondern nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt werden, das bis zum 21. Lebensjahr angewandt werden kann. Bei Jugendstrafrecht läge die Höchststrafe wegen Mordes bei maximal zehn Jahren anstatt lebenslänglich.

Das Motiv ist unklar

Doch nicht die Strafzumessung wird im Zentrum des Interesses stehen, sondern das Motiv. Hans Steffan, der Anwalt von Häussler, sucht es vor allem in der Familie von Andreas. Der Vater war Heilpraktiker und engagierte sich in der Kirche, die Mutter war Lehrerin, die Schwestern studierten auf Lehramt. Bruder Andreas, der die 12. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums besuchte, war überall beliebt, Mitglied beim DLRG und im Schützenverein.

Doch im Inneren der Familie sah es offenbar anders aus. Vater Hansjürgen soll ein dominanter und autoritärer Mensch gewesen sein. Andreas, so sieht es Anwalt Hans Steffan, war der einzige in der Familie, der sich gegen den Vater auflehnte. Die Mutter und die Schwestern, die ebenfalls unter dessen Launen gelitten hätten, hätten Andreas aber regelmäßig die Unterstützung gegen den Vater verweigert. "Andreas hat der Respekt, die Zuneigung und die Solidarität der Familie gefehlt", sagt Hans Steffan. Andreas habe sich von seiner Familie immer mehr entfremdet. Das Motiv seines Mandanten für den Mord sei - neben der Freundschaft zu Frederik - in dem Verhältnis von Andreas zu seinen Angehörigen zu suchen.

Ein Mord aus Hass gegen einen despotischen Vater also? Beweise für diese Version werden nicht leicht zu finden sein. Die wichtigsten Zeugen sind tot. Die Staatsanwaltschaft sieht ein ganz anderes Motiv: Habgier. Demnach wollte Andreas seine Eltern und Schwestern umbringen, um als Alleinerbe über ein sechsstelliges Guthaben auf einem Schweizer Konto seiner Mutter verfügen zu können. Sein Freund Frederik sollte auch davon profitieren.

Frederiks Eltern Suse und Manfred Begenat haben in einem Interview mit dem stern jedoch materielle Probleme als Motiv für die Tat bei ihrem Sohn ausgeschlossen. "Frederik hat es nie an etwas gefehlt, das hat er uns auch jetzt im Gefängnis bestätigt", sagte Manfred Begenat. Und auch Frederiks Anwalt sieht in Habgier kein Motiv. "Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse, dass die beiden von dem Geld auf dem Konto wussten."

Mord als Freundschaftsdienst

Doch wenn Andreas seine Familie wirklich aus Verbitterung getötet hat, warum machte Frederik bei diesem Wahnsinn mit? Seit rund drei Jahren war Frederik der beste Freund von Andreas. Bis dahin war der schüchterne Frederik isoliert, hatte kaum Freunde. Mit Andreas traf er auf einen selbstbewussten Jungen, der in der Freundschaft offensichtlich den Ton angab. Diese wurde immer inniger. Möglicherweise aus purer "Abenteuerlust", so glaubt Anwalt Steffan, brachen die beiden mehrfach in Supermärkte und Vereinsheime ein und wurden immer kühner. Im Herbst 2008 raubten sie 17 Waffen - darunter die beiden späteren Tatwaffen - und 1700 Schuss Munition aus dem Schützenverein. Die "kriminelle Tätigkeit" habe sie zusammengeschweißt, so Steffan. "Die beiden haben dadurch absolutes Vertrauen zueinander bekommen."

Doch mit pubertärer Räuberromantik lässt sich die Tat wohl kaum erklären. Diese sei geplant gewesen, meint Steffan. Was aber letztlich der Auslöser war, müsse der Prozess zeigen. Sein Kollege Schulz sieht eine völlig missverstandene Nibelungentreue der beiden Freunde: "Die Tat ist nur mit der unheilvollen Beziehung von Frederik und Andreas zu erklären."

Die analysiert nun ein psychiatrischer Gutachter. Vielleicht kann er erklären, warum zwei nette junge Männer aus guten Familien zu einer derartigen Tat fähig waren.


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