Vierfachmord von Eislingen Ohne Kompass in die Bluttat

Welche Beziehung hatten die mutmaßlichen Vierfachmörder von Eislingen? Antworten auf diese Fragen gibt das psychiatrische Gutachten. stern.de liegen die wichtigsten Erkenntnisse vor.
Von Malte Arnsperger

Viele Stunden hat Peter Winckler mit den beiden mutmaßlichen Mördern verbracht. Immer wieder besuchte der Tübinger Psychiater in den vergangenen Wochen Andreas Häussler und Frederik Begenat im Gefängnis. Winckler ist der psychiatrische Sachverständige im Prozess um den Vierfachmord von Eislingen und soll dem Landgericht Ulm eine Einschätzung liefern, wie diese zwei Jungs ticken, die am 9. April die Familie von Andreas Häussler erschossen haben sollen. Vor ein paar Tagen hat Winckler die zwei Gutachten über die beiden 19-Jährigen abgeliefert. Sie umfassen 270 Seiten. Offenbar ist es selbst einem so erfahrenen Gerichtspsychiater wie ihm schwer gefallen, ein klares Bild der Psyche von Andreas Häussler und Frederik Begenat zu zeichnen. Nur eins ist für Winckler ganz klar: Die Angeklagten sind voll schuldfähig , eine krankhafte psychische Störung besteht bei beiden nicht.

Nach stern.de-Informationen schildert Winckler in seinen Berichten zwei junge Männer, denen bis zu ihrer Tat ein Kompass, eine klare Richtung im Leben fehlte. Eigentlich nicht ganz unnormal für dieses Alter, in dem man lernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Aber genau dieser Prozess scheint bei den beiden enorme innere Spannungen und Konflikte ausgelöst haben. Vor allem bei Andreas. Die größten Probleme hatte er ganz offensichtlich mit seinem Vater Hansjürgen. Diesen beschreibt er als herrschsüchtigen und cholerischen Despoten, der die Familie mit harter Hand führte und keinen Widerspruch duldete. Seine Mutter und seine beiden Schwerstern Ann-Christin, 24, und Annemarie, 22, hätten sich dem Vater gefügt. Er selber, so sagte es Andreas dem Psychiater, habe keine gute Beziehung ihm gehabt. Er habe sich sogar die Frage gestellt, ob er ein "Kuckuckskind" sei. Dennoch, und darin zeigt sich die innere Zerrissenheit von Andreas, vermisse er den Vater nun am meisten von all seinen toten Familienmitgliedern.

Das Dilemma von Andreas Häussler

In welchem Dilemma Andreas Häussler offensichtlich steckte, beweisen auch Aussagen, die er gegenüber einem Sozialarbeiter im Gefängnis gemacht haben soll. Winckler zitiert diese Angaben in seinem Gutachten. Demnach war es die Sorge um seine eigene finanzielle Lage, die Andreas davon abhielt, aus dem Elternhaus auszuziehen. Sein Vater habe ihm deutlich gemacht, dass er nur den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt bekommen würde. Obwohl ihm elterliche Liebe gefehlt habe und ihn die Schwestern stets bevormundet hätten, habe er die Sicherheit im Elternhaus einer womöglich unsicheren finanziellen Situation vorgezogen. Innerhalb der Familie habe er sich aber so unwohl gefühlt, dass er sogar an Selbstmord gedacht habe, sagte Andreas offenbar dem Sozialarbeiter. Der Psychiater Winckler fragte Andreas, was er sich am meisten wünschen würde, wenn er die Zeit nochmal um ein Jahr - in die Zeit vor dem Vierfachmord - zurückdrehen könnte. Häussler antwortete darauf, er hätte sich gewünscht, dass er sich besser von seiner Familie emanzipieren kann.

Solche Probleme hatte Frederik Begenat offensichtlich in seiner Familie nicht. Vielmehr schildert Winckler einen jungen Mann mit Entwicklungsstörungen, der unter Kontaktstörungen litt und wenig Selbstvertrauen hatte. Mit 15 Jahren hatte Frederik wohl die Sorge, eine autistische Störung zu haben. Seine Unreife zeigt sich für den Gutachter auch im Umgang mit dem anderen Geschlecht: Einem Mädchen, dass er im Sommer 2008 kennengelernt und mit dem er sich danach fast nur im Internet unterhalten habe, habe er per eMail einen Heiratsantrag inklusive Zukunftspläne gemacht.

Frederiks Unsicherheit zeigt sich auch in seiner Beziehung zu Andreas Häussler. Die beiden sind zwar erst vor wenigen Jahren zu engen Freunden geworden. Dennoch entwickelte sich Andreas für Frederik schnell zu einer Art Leitfigur. Das hatten schon Frederiks Eltern im stern bestätigt. "Andreas war sicher der Dominante. Wenn er anrief, dann sprang Frederik." Ähnliches berichtete Frederik nun dem Gutachter. Er habe Andreas bewundert, da dieser all das habe, was ihm selber fehle, zum Beispiel Selbstvertrauen, Beliebtheit, Unternehmungsgeist. Frederik beschreibt Andreas wie einen Lehrer, dem er als Schüler überall hin folgte. Demnach war es sogar eine Beziehung wie zwischen Herr und Hund. Ein Ausdruck der möglichen Abhängigkeit war im Ulmer Gerichtsprozess die Aussage Frederiks, er alleine habe die tödlichen Schüsse auf Bitten von Andreas abgegeben.

Gleichberechtigt oder Herr und Diener?

Andreas schilderte dem Gutachter offenbar eine ganz andere Freundschaft. Nicht er sei der Leithammel gewesen. Vielmehr seien sie gleichberichtigt gewesen und er habe er Frederiks Urteilsvermögen geschätzt. Psychiater Winckler will sich in dieser Frage nicht festlegen. Allerdings gebe es keine Anzeichen, dass einer der beiden extrem abhängig vom anderen war oder ihm gar hörig. Ebenfalls sei nicht davon auszugehen, dass Andreas und Frederik eine homosexuelle Beziehung führten.

Unbeantwortet lässt der Sachverständige auch die Frage, ob die beiden Angeklagten nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen sind. Ein entscheidendes Detail in dem Prozess, schließlich steht nach Erwachsenstrafrecht auf Mord eine lebenslange Haft, nach Jugendstrafrecht sind zehn Jahre Gefängnis die Höchststrafe. Da Andreas Häussler und Frederik Begenat zum Tatzeitpunkt unter 21 Jahre alt waren, können die Richter entscheiden, nach welchem Recht sie urteilen. Anhaltspunkte dafür soll das psychiatrische Gutachten liefern und zeigen, ob sich die beiden eher wie Erwachsene oder noch wie Jugendliche verhalten.

Winckler beschreibt drei Szenarien und kommt zu unterschiedlichen Wertungen - je nachdem, welches Motiv bei den beiden vorlag: Sollten die Richter zum Schluss kommen, der Hauptgrund für die Tat sei tatsächlich Andreas‘ Hass auf seine Familie gewesen und ein ihm höriger Frederik habe daran teilgenommen, dann plädiert er für die Anwendung von Jugendstrafrecht. Denn ein Vierfachmord aus diesen Gründen sei nur mit Reifeverzögerungen zu erklären. Wenn die beiden aber aus Habgier - wie es die Staatsanwaltschaft annimmt - oder gar aus purer Mordlust gehandelt haben, sei wohl eher das härtere Erwachsenstrafrecht in Betracht zu ziehen, zumindest bei Andreas. Seiner Ansicht nach, so der Gutachter, könnten die beiden die Tat auch aus einer Mischung aus diesen drei Motiven begangen haben. Ob dann Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist, müsste in der Gerichtsverhandlung besprochen werden.

Mittwoch soll Andreas Häussler aussagen

Frederik Begenat hatte sich am vergangenen Mittwoch im Prozess zu den Morden geäußert. Er gab an, er alleine habe die tödlichen Schüsse auf die vier Häusslers abgegeben. Sein Anwalt hatte danach gesagt, mit einem Motiv tue sich sein Mandant schwer. Habgier sei es aber keinesfalls gewesen. Am kommenden Mittwoch wird wohl auch Andreas Häussler zum ersten Mal aussagen.

Dem Gutachter hat Andreas gesagt, dass er Mitleid für Frederik empfinde. Alleine hätte der nicht geschossen. Er könne, so Andreas, derzeit nichts Positives an sich selber finden. Er hoffe aber, die Chance auf ein normales Leben nach der Haft zu bekommen. Am liebsten wären ihm zwei Dinge: Das wieder alles so ist, wie es vor den Morden war. Und dass er Frederik nie getroffen hätte.


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