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Vural Öger über Billigreisen: "99 Euro - das kann nicht gehen"

Drei Schüler aus Lübeck starben, als sie bei einer Klassenfahrt in die Türkei gepanschten Alkohol tranken. Wie gefährlich ist der Billigtourismus in das Land? Im stern.de-Interview spricht der Reiseveranstalter Vural Öger über supergünstige All-inclusive-Reisen, gefährlichen Wodka und eine zerstörte Küste.

Herr Öger, im Internet findet man Flugreisen in die Türkei ab 99 Euro. Wie kann so etwas gehen?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Es kann nicht gehen. Je nach Qualität der Airline und nach der Auslastung variiert der Einkaufspreis für einen Flug hin und zurück zwischen 200 und 350 Euro. Restplätze geben Sie billiger weg, aber so viele gibt es davon nicht.

Und dann ist man erst geflogen. Man ist noch nicht im Hotel, hat keine Handtücher und kein Wasser verbraucht - und gegessen hat man auch noch nichts.

Früher haben die billigeren Hotels vor allem in schwachen Saisonzeiten zu Niedrigpreisen Halbpension an ihre Kunden gegeben, in der Hoffnung, dass die im Hotel sitzen und nebenbei etwas konsumieren. Damit wurde das Geld verdient. Die Teppichhändler oder Schmuckhändler in der Türkei subventionieren zum Teil solche Reisen. Die sagen: Wenn du mit einem Bus zu uns kommst, kriegst du pro Kopf 40 oder 50 Euro von mir oder 20 Prozent vom Verkauf. Und in den Ledergeschäften und Teppichfabriken sind die Verkäufer so geschult, da würde selbst ich einen Teppich kaufen.

Macht Öger-Tours das auch?

Wir hatten vor langer Zeit in der schwachen Wintersaison solche Reisen im Programm - und haben sie auch explizit als Shoppingreisen ausgeschrieben. Aber wir haben Sie sehr schnell wieder aus dem Programm genommen. Es gab nur unnötige Aufregung. Die Gäste kamen mit Teppichen nach Hause, die sie bei Karstadt für die Hälfte bekommen.

Immer mehr Leute buchen all-inclusive. Die verlassen das Hotel gar nicht mehr, da kann man ihnen auch keine Verkaufstour aufzwingen. Wie sind solche Preise dann zu halten?

Natürlich kann man in der Türkei günstiger produzieren. Wenn Sie bei den Bauern und Großmärkten direkt Gemüse kaufen, sind die Preise weit unter 1 Euro pro Kilo. Wenn Sie als Hotelier ein Hotel mit 700 bis 800 Betten haben, rechnen Sie im Durchschnitt für die Verpflegung 5 bis 8 Euro und 3 bis 5 Euro für die Getränke pro Kopf und pro Tag. Hinzu die übrigen Kosten für Wasser, Strom und Personal. Der Erstellungspreis für ein Hotel liegt bei einem einwöchigen Aufenthalt je nach Saison bei 350 bis 500 EUR pro Person für ein normales 5-Sterne-Hotel. Hinzu kommen noch der Flugpreis, die Provision für das Reisebüro und der Veranstalter muss auch etwas verdienen.

Alle Preise, die unter diesem Niveau liegen können nur Resteverwertung sein. Also: Wenn eine All-inclusive-Anlage eine Woche für 250 Euro anbietet, würde ich so ein Angebot nicht annehmen.

Wer bietet denn so etwas an?

Da tummeln sich Leute, die in einem Zimmer Veranstalter spielen. Die heißen heute X-Reisen und morgen Y-Reisen und wenn etwas schief geht, sind sie weg.

Die Alkoholika sind bei "all-inclusive" ein ganz entscheidender Kostenfaktor, auch weil die Steuern in der Türkei so hoch sind. Der Steueranteil bei einer Flasche Wodka beträgt 80 Prozent.

Exakt. Die jetzige Regierung hat auf Alkoholverkauf hohe Steuern erhoben. Manche wollen das umgehen, um ihre Preise zu halten. Entweder schmuggeln sie, oder die Alkoholika werden gestreckt. Daher kommt es, dass in manchen Hotels gepanschter Alkohol in den Umlauf kommt.

Besteht die Gefahr überall?

Ein seriöser Veranstalter kann es sich nicht erlauben, solche Hotels ins Programm aufzunehmen. Ein einziger Fall dieser Art kann sein wirtschaftliches Ende bedeuten. Aber manchen Leuten ist egal, wer die Reise veranstaltet. Hauptsache der Preis stimmt.

Jeder zweite Mittelmeerurlauber bucht heute "all-inclusive". Ist das, touristisch gesehen, ein guter Weg?

Teils, teils. Die All-inclusive-Idee ist in den 50er Jahren geboren worden für Clubs an entlegenen Orten, wo die nächste Stadt weit entfernt war. Wenn Sie auf einer Insel in den Malediven sind, können Sie nicht aus dem Hotel gehen und in einem netten Restaurant essen. Das gibt es nämlich nicht.

In der Türkei hat vor 20 Jahren eine Anlage in Kemer damit begonnen. Da haben die Türken gesagt, das ist interessant, lass es uns auch machen. Den Urlaubern gefiel das. Sie wissen im Voraus genau, wie viel sie ausgeben. So waren sie, was die Preise betrifft, vor Überraschungen sicher. Was im damals abgelegenen Kemer begann, findet jetzt in vielen, vor allem neu entstandenen Orten wie Lara und Kundu statt. Allein die türkische Riviera hat mehr 5-Sterne-Hotels als ganz Spanien. Aber wenn Sie die 5-Sterne-Luxushotels verlassen, gibt es nicht eine Piano-Bar oder ein gutes Restaurant oder einen Club. Die Orte bieten nichts, weil die Gäste im Hotel bleiben und die bleiben im Hotel, weil die Orte nichts bieten. Es ist ein Teufelskreis.

Was kann man tun?

Man sollte bestimmte Kriterien festlegen, welche Anlagen genehmigt werden, und in welcher Entfernung vom Stadtkern die sein dürfen. Und eine 3-Sterne-Anlage all inclusive finde ich unannehmbar. Die Hotels haben keine Lobby, haben keine Bar, nichts. Sie haben einen Eingang und dann geht's zum Zimmer. Wo sollen sich die Gäste den ganzen Tag aufhalten? In neu entstandenen Orten fehlt die touristische Infrastruktur wie Parks, Promenaden und gehobene Gastronomie, um Gäste aus den Hotels zu locken. Hier müsste dringend investiert werden.

Lässt sich das Rad zurückdrehen?

Das wird vor allem an der Riviera nur sehr schwer umzukehren sein. Der Trend wird getrieben durch den Kunden, der die Budgetsicherheit von All Inclusive sehr schätzt, vor allem in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. An der Ägäis gibt es dagegen einige sehr gute Beispiele für eine gelungene Tourismusentwicklung, wie in Bodrum, Alaçatı oder Çesme. Dort sind historische Ortskerne erhalten geblieben, es gibt zahlreiche Boutique-Hotels und eine lebendige Szene mit wunderbarer Gastronomie.

Was würden Sie sagen, worauf Urlauber achten sollen?

Seriöse Veranstalter buchen! Auf die Preise achten! Fragen Sie sich selbst, ob der Preis plausibel ist. Wenn Ihnen hier in Deutschland jemand am Straßenrand für 500 Euro einen Mercedes anbietet, dann wissen Sie auch: da stimmt was nicht.

Interview: Frauke Hunfeld und Metin Yilmaz
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