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Mutter tötete Kind um Kind: Die toten Babys von Wallenfels

Acht Kinder bringt Andrea G. allein zur Welt - und lässt sie sofort verschwinden. Niemand will etwas von ihren Schwangerschaften bemerkt haben. Nun steht sie wegen Mordes vor Gericht.

Von Anette Lache

Eine unscheinbare Hausfassade im fränkischen Wallenfels. In der Sauna im 2. Stock wurden im November die Babyleichen entdeckt

Eine unscheinbare Hausfassade im fränkischen Wallenfels. In der Sauna im zweiten Stock wurden im November die Babyleichen entdeckt

Sie brachte die Kinder meist in der Küche zur Welt, im Stehen. Ganz schnell ging es, nicht länger als eine halbe Stunde dauerten die Geburten. Wenn eines der Babys schrie, drückte sie ihm ein Handtuch auf Mund und Nase. Bis es still war. Dann wickelte sie das Neugeborene in das Tuch und legte es in eine Plastiktüte. Sie verschloss die Tüte mit einem Knoten und verstaute sie in der stillgelegten Sauna hinter dem Bad.

Achtmal ging Andrea G. zwischen 2003 und 2013 mit solch einer Tüte in die Sauna. Achtmal legte sie ein totes Kind in einen Eimer, einen Korb oder eine Plastikbox. Eines versteckte sie hinter der Wandverkleidung.

"Ich wollte die Babys bei mir haben, die haben irgendwie dazugehört, es waren ja meine. Ich hätte sie nicht wegschmeißen können", sagte sie später ihrem Anwalt.

Hat niemand die Schwangerschaften bemerkt?

Warum hat sie nicht verhütet oder sich für Abtreibungen entschieden? Kann es tatsächlich sein, dass niemand etwas von den Schwangerschaften bemerkt hat? Weder in ihrer großen Familie noch in ihrem kleinen Heimatort Wallenfels in Oberfranken, wo jeder jeden kennt? Und: Wo war ihr Mann bei alledem?

Wallenfels in Oberfranken

Wallenfels in Oberfranken. So idyllisch der Ort wirken mag, Andrea G. wollte als junge Frau weg. Es ist ihr nicht gelungen

Der Anwalt Till Wagler hat seine Mandantin in den vergangenen Monaten oft im Untersuchungsgefängnis besucht, auch, um eine Erklärung dafür zu finden, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Warum Andrea G. in ihrer Hilflosigkeit verharrte, warum sie keinen anderen Ausweg sah, als die Kinder zu töten. Doch selbst für einen erfahrenen Strafverteidiger wie ihn ist das kaum möglich. Denn Andrea G. hat selbst mehr Fragen als Antworten. Eines hat sie ihm aber gesagt: dass sie ihr Leben lang niemanden hatte, mit dem sie über ihre Probleme, ihre Nöte sprechen konnte. Auch mit Johann nicht, dem Vater der acht toten Babys. Mit ihm am allerwenigsten.

Am 12. Juli beginnt vor dem Landgericht Coburg der Prozess gegen die 45-Jährige. Andrea G. ist angeklagt wegen vierfachen Mordes. Bei drei Säuglingen konnten die Rechtsmediziner nicht mehr feststellen, ob sie nach ihrer Geburt tatsächlich gelebt haben und lebensfähig waren. Und eines der Kinder, das letzte, kam tot zur Welt. Deshalb bezieht sich die Anklage nur auf vier Kinder.

Manche Frauen verdrängen ihre Schwangerschaft

Es ist nicht das erste Strafverfahren dieser Art in Deutschland. Immer wieder stehen Frauen vor Gericht, die wie Andrea G. ihre Schwangerschaften mehr oder weniger stark verdrängt und die Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt getötet haben. Die die Nabelschnur mit einer Nagelschere, einem Schlüssel oder einem Küchenmesser durchtrennt haben. Meist wurden die Babyleichen zufällig gefunden – in Kühltruhen und Koffern, in Blumenkästen und Bahn-Schließfächern. Bei einer Frau wurden neun tote Säuglinge entdeckt, es ist die bislang höchste Zahl. Das war vor elf Jahren im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd.

Es handelt sich dabei fast immer um Frauen mit besonderen Persönlichkeitsstrukturen. Frauen, die nicht das Rüstzeug haben, Probleme, die sie selbst betreffen, anzugehen oder gar zu lösen. Wenn sie dann unter Druck geraten, etwa durch Konflikte mit ihrem Mann, kann das dazu führen, dass sie ihre Schwangerschaft innerlich abwehren und ihr Kind ohne Hilfe zur Welt bringen. "Ich denke, dass bei Frauen, die mehrmals heimlich schwanger werden und keinen anderen Weg finden, als das Kind umzubringen, eine psychische Störung vorliegt, eine Unzulänglichkeit des Denkens und Wahrnehmens", sagt Isabella Heuser, Psychologin und ärztliche Direktorin an der Charité in Berlin.

Solche Täterinnen kommen eher selten aus prekären Verhältnissen, das haben kriminologische Untersuchungen anhand von Strafverfahrensakten gezeigt. Sie leben öfter im Reihenhaus als im 13. Stockwerk eines Hochhauses in einem Problemviertel. In 63 Prozent der 199 betrachteten Fälle hatten die Frauen einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss. Auch Andrea G. gilt mit einem IQ von knapp über 100 als intelligent.

Anna G.s Verteidiger Till Wagler

Anna G.s Verteidiger Till Wagler hat sie oft in der U-Haft besucht, auch auf der Suche nach Erklärungen für die Tragödie. Aber die 45-Jährige hat selbst mehr Fragen als Antworten

Ihre erste Tochter bekam sie als Teenager

Mit 18 wurde sie das erste Mal schwanger – ohne es bemerkt haben zu wollen. Wie es zu dieser Verdrängung kam, lässt sich heute nicht mehr schlüssig erklären. Sie hatte bereits Wehen, als sie das erste Mal zum Frauenarzt ging. Nur wenige Stunden später kam ihre Tochter zur Welt. Sie ist heute 26 Jahre alt.

Andrea G. heiratete den Vater des Kindes, ihre Jugendliebe, sie kannte ihn seit der Schulzeit. 1995 bekamen sie eine weitere Tochter. Andrea G. arbeitete in einer Firma für elektronische Geräte im nahe gelegenen Kronach. Ursprünglich hatte sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsgehilfin gemacht.

Viel lieber wäre sie damals auf ein Sportinternat in München gegangen, endlich raus aus dem engen Wallenfels, wo es nur ein Schwimmbad gibt und sonst vor allem nichts. Sie wäre gern geflüchtet vor ihrer herrischen und, so ihr Empfinden, wenig liebevollen Mutter. Ihre Lehrer hatten den Wechsel in die Sportschule vorgeschlagen und sich bei ihren Eltern dafür eingesetzt, weil sie sie für eine talentierte Leichtathletin hielten. Doch Vater und Mutter waren gegen das Internat, sie blieben hart. Die Tochter sollte lieber etwas Ordentliches lernen.

Als ihre Ehe zwölf Jahre später vor dem Aus steht, beginnt Andrea G. ein Verhältnis mit Johann G., ihrem heutigen Ehemann. Schnell ist sie schwanger, 2001 bekommt sie Zwillinge, zwei Mädchen. 2002 bringt sie eine Tochter zur Welt.

Andrea G. ist Mutter einer Großfamilie

Die Großfamilie lebt in Johann G.s Elternhaus in der Ortsmitte von Wallenfels, unterhalb der katholischen Kirche und nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Die Schwiegermutter und die Kinder ihres Mannes aus seiner vorherigen Beziehung wohnen auch dort. Andrea G. kümmert sich um die Kinder, Johann G., den sie 2003 heiratet, verdient das Geld. Der gelernte Metzger arbeitet in einem Industriebetrieb in der Region.

Andrea G. hat mit ihrer großen Familie viel Arbeit, vor allem mit den drei Kleinsten. Aber ihre Sehnsucht nach weiteren Kindern bleibt bestehen. Anders ist es bei Johann: Fünf eigene Kinder und zwei Stiefkinder sind ihm genug. Andrea G.s Mutter redet auf ihre Tochter ein, sie solle sich endlich sterilisieren lassen. Und zu deren Kummer solidarisiert sich ihr Mann mit der Mutter. Ihre Wünsche hätten wie so oft niemanden interessiert, erzählt sie später ihrem Anwalt.

Andrea G. hält dem Druck nicht stand. Sie lässt sich von Johann nach Erlangen vor eine Klinik bringen. Aber sie geht nicht hinein, sondern nimmt sich in einer nahe gelegenen Pension ein Zimmer. Am nächsten Tag lässt sie sich von ihrem Mann wieder vor der Klinik abholen. Sie bringt es nicht über sich, den Eingriff machen zu lassen. Sie erzählt niemandem davon.

Das erste Baby, das sie in die Sauna legt

Sie wird erneut schwanger, ihre jüngste Tochter ist da noch kein Jahr alt. Es wird das erste Baby sein, das sie in die Sauna legt. Heute glaubt sie sich zu erinnern, dass sie in der ganzen Zeit nur zwei- oder dreimal versucht hat, mit ihrem Mann über die Schwangerschaften zu sprechen. "Aber sie ist sich nicht sicher, ob die Botschaften jemals bei ihm angekommen sind", sagt Till Wagler. "Er habe nie darauf reagiert."

Polizisten der Spurensicherung gehenin ein Haus in Wallenfels

Im Fall der acht Babyleichen von Wallenfels hat die Staatsanwaltschaft Coburg Anklage gegen die Mutter und den Vater erhoben


Andrea G. sagte ihrem Anwalt auch, dass sie danach "in diese Spirale" geraten sei, aus der sie nie mehr herausfand: Einsamkeit. Sprachlosigkeit. Verdrängung. Die Tat. Wieder Verdrängung. Und danach wieder alles von vorn. Das war die dunkle Seite von Andrea G.

Die andere Seite zeigte die fünffache Mutter in der Öffentlichkeit: Die Menschen in Wallenfels erlebten die kleine Frau mit den kurzen, dunklen Haaren als offen, lebenslustig, freundlich. Andrea G. feierte gern, sagen sie, und trank am Wochenende auch schon mal ein paar Bier. Im Sommer habe sie manchmal am Kiosk im Freibad ausgeholfen, und bei schönem Wetter sei die Familie fast immer auf dem angrenzenden Campingplatz gewesen.

2013 bringt Andrea G. das letzte der acht Babys zur Welt. Wie immer hatte sie sich zunächst für einen kurzen Moment gefreut, als sie die Schwangerschaft bemerkte, wie immer hat sie diese dann aber bis zur Geburt "weggeblockt", so sagte sie das ihrem Anwalt. Bis sie wieder mit Wehen in der Küche steht. Und eine halbe Stunde später ein Baby auf dem Küchenboden liegt, das nicht sein darf.

Die Kinder schlafen. In der Küche tötet sie ihr Baby

Aus Untersuchungen weiß man, dass viele der Frauen, die Schwangerschaften verdrängen, im Geburtsstress in einen Ausnahmezustand geraten und in ihrer Steuerungsfähigkeit stark eingeschränkt sind – Psychologen sprechen von dissoziativen Zuständen. Inwieweit das bei Andrea G. der Fall war, kann bestenfalls der Gutachter im Prozess beantworten. "Wie ein Film" sei alles vor ihren Augen abgelaufen, sagte sie ihrem Anwalt. "So, als ob ich gar nicht selbst daran beteiligt war."

Die Geburten fanden laut Andrea G. alle abends statt, als die anderen Kinder schon schliefen und ihr Mann noch unterwegs war oder ebenfalls schon im Bett. In keiner der Schwangerschaften habe sie mehr als sieben Kilo zugenommen.

Die Ehe mit Johann G. läuft zunehmend schlechter, die beiden streiten viel. Sex haben sie nur noch, wenn sie getrunken haben. Andrea G. fühlt sich einsam, weil ihr Mann in ihren Augen abends viel zu oft mit seinen Kumpeln unterwegs ist. Erst ist sie unglücklich, dann wütend auf ihn. Immer weniger haben sie miteinander zu tun. Womöglich ist das der Grund, dass Andrea G. nicht noch einmal schwanger wird. Allerdings ist sie da auch schon Anfang 40.

Im Sommer 2015 lernt sie in einem Biergarten den zehn Jahre älteren Richard Peine* kennen. Groß und gemütlich schaut er aus, auf den Unterarm hat er sich ein riesiges Kreuz tätowieren lassen. Er hört ihr zu, ist aus ihrer Sicht viel einfühlsamer als ihr Ehemann. Sie verlieben sich, beide ziehen zu Hause aus. Und Andrea G. wünscht sich nun ein Kind von ihm.

Der Ehemann ist mitangeklagt

Am 12. November 2015 stoßen die Untermieterin und eine der erwachsenen Töchter von Johann G. in der Sauna im zweiten Obergeschoss auf eine Babyleiche und informieren die Polizei. Die Beamten entdecken wenig später sieben weitere Bündel in dem Raum, dessen Fenster Andrea G. immer gekippt gelassen hatte. Haben die beiden Frauen gewusst, wonach sie suchen? Johann G. soll seiner Tochter zuvor gesagt haben, Andrea G. habe ihm gegenüber im Streit und alkoholisiert von einer Fehlgeburt erzählt. Er habe Angst bekommen, dass irgendwo im Haus ein totes Kind liege.

Blumen und Kerzen sind auf dem Fensterbrett eines Hauses in Wallenfels zu sehen

Die Polizei hatte in dem Haus die sterblichen Überreste von acht Säuglingen gefunden

Am Abend des nächsten Tages stoppt die Polizei den Wagen von Richard Peine in Kronach. Wenig später nehmen die Beamten Andrea G. in einer kleinen Pension fest, wo sie sich mit ihrem Freund für wenig Geld ein Zimmer genommen hat.

Andrea G. ist nicht überrascht, als die Polizisten in ihrem Zimmer stehen. Sie hat in den Fernsehnachrichten bereits ihr Haus gesehen, mit einem Leichenwagen davor. Dass ihr Geheimnis aufgeflogen ist, nimmt sie mit einer gewissen Erleichterung hin. Till Wagler: "Sie sagt, die Lügen und die Scheinwelt hätten für sie damit endlich aufgehört."

Andrea G. trug immer weite Oberteile

Seit der Entdeckung der acht Bündel zwischen dem Gerümpel in der Sauna fragen sich die Menschen in Wallenfels: Wie konnte sich diese Tragödie von allen unbemerkt mitten in ihrer Gemeinde abspielen? Nie habe einer von ihnen auch nur den kleinsten Verdacht gehabt, dass Andrea G. schwanger sei. Es gab, sagen sie, keinen Anhaltspunkt dafür – außer vielleicht, dass Andrea G. immer weite Oberteile trug.

Aber konnte der Ehemann die Schwangerschaften übersehen?

Johann G. soll bei der Polizei bestritten haben, etwas von Schwangerschaften und Geburten gewusst zu haben. Die Coburger Staatsanwaltschaft hat den 55-Jährigen mitangeklagt, wegen Beihilfe zum Mord. "Allerdings ohne an den Tathandlungen selbst beteiligt gewesen zu sein", sagt Staatsanwalt Christian Pfab. Es gehe um "psychische Beihilfe". Johann G. ist einer der wenigen Väter, die mit auf der Anklagebank sitzen. Selten werden die Männer in die Verantwortung genommen.

Kommende Woche wird Andrea G. im Gerichtssaal erstmals wieder ihre Familie sehen. Weder ihr Mann noch die Kinder haben sie in der Untersuchungshaft in der JVA Bamberg besucht. Und auch Richard gibt es nicht mehr in ihrem Leben. "Irgendwann will Andrea G. versuchen, wieder mit ihren Kindern in Kontakt zu kommen", sagt Till Wagler. "Wenn sie sich selbst besser versteht."

*Name von der Redaktion geändert


Diese Reportage stammt aus dem aktuellen stern