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Keine Beweise für Folter: Warum der Fall Otto Warmbier möglicherweise nie geklärt wird

Nordkorea habe Otto Warmbier gefoltert, unfassbar gefoltert, twittert Donald Trump. Doch stimmt das überhaupt? Eine Gerichtsmedizinerin findet keine Beweise dafür und sagt: Der Fall könne möglicherweise nie geklärt werden.

Otto Warmbier auf einer Pressekonferenz im März 2016 in Nordkorea

Otto Warmbier auf einer Pressekonferenz im März 2016: 17 Monate verbrachte der Amerikaner in nordkoreanischer Haft, als er in die USA zurückkehrt, stirbt er

Der letzte Tag, an dem Fred und Cindy Warmbier ihren Otto sahen, war im Dezember 2015. Otto, so wie sie ihn kannten. Dann stieg ihr 21-jähriger Sohn in ein Flugzeug nach Nordkorea. Dort wollte er fünf Tage bleiben. Am  2. Januar 2016 nahm die Polizei Warmbier in Pjöngjang fest, er soll ein Propaganda-Plakat gestohlen haben, insgesamt  17 Monate verbrachte er in nordkoreanischer Haft. Was dort passierte, ist bis heute nicht geklärt. Doch als Warmbier im Juni dieses Jahres in die USA zurückkehrte, "war das nicht mehr Otto wie wir kannten", sagen seine Eltern heute. Wenige Tage später war tot.

Warmbiers Eltern sprechen im Fernsehen

Jetzt, mehr als drei Monate nach seinem Tod, erzählen Fred und Cindy Warmbier erstmals vom Wiedersehen mit ihrem Sohn, den sie als solchen im Sommer kaum mehr erkannt haben wollen: Der, der mit rasiertem Kopf festgebunden auf der Bahre lag, unmenschlich heulte und mit riesigen Augen um sich starrte, das sei nicht mehr ihr Otto gewesen, sagen sie. Warmbiers untere Zähne hätten ausgesehen, als wären sie mit einer Zange neu angeordnet worden, Hände und Beine völlig deformiert. "Nordkorea ist kein Opfer", sagt Fred Warmbier. Nordkorea habe ihren Otto zu Tode gefoltert.

Rückendeckung erhält die Familie Warmbier vom Präsidenten. Donald Trump twittert: "Großartiges Interview. Otto Warmbier wurde von Nordkorea unfassbar gefoltert." Es ist das erste Mal, dass Trump die nordkoreanische Führung explizit der Folter an Warmbier beschuldigt. 

Gerichtsmedizinerin: Keine Beweise für Folter

Mit diesem Tweet stellt Donald Trump etwas als Fakt dar, das bisher nur vermutet werden kann. Was mit Otto Warmbier in den 17 Monaten in Nordkorea geschah, ist bis heute ein Mysterium. Nordkorea bestreitet die Folter-Vorwürfe vehement. Und eine Gerichtsmedizinerin sagt nun, einen Tag nach der Ausstrahlung des Gesprächs mit Otto Warmbiers Eltern auf Fox News, der Presse: "Am Ende wissen wir nicht, was mit ihm passiert ist." Und: "Wir werden es nie wissen, es sei denn, diejenigen, die dabei waren, sagen es uns."

Lakshmi Sammarco ist Gerichtsmedizinerin im Bundesstaat Ohio und hat den 22-jährigen Warmbier nach seinem Tod im Juni untersucht. Sie sagt, sein Leichnam habe keine eindeutigen Folterspuren aufgewiesen, nur kleinere Wunden, die bis auf eine Ausnahme von medizinischen Geräten stammen könnten. Warmbier habe aufgrund von Sauerstoffmangel Hirnschäden erlitten. Was seine Verletzung verursacht habe, sei aber unklar. Sie habe sich nach den Interview-Äußerungen von Warmbiers Eltern veranlasst gesehen, ihre Erkenntnisse öffentlich zu machen, sagt sie. "Sie sind trauernde Eltern. Ich kann ihre Sichtweise nicht kommentieren."

Otto Warmbier: Fall könnte Konflikt weiter verschärfen

Der Fall Otto Warmbier und seine Deutung könnten den Konflikt zwischen Nordkorea und den USA weiter verschärfen. Nach dem Tod Warmbiers im Sommer erließ die US-Regierung bereits ein Reiseverbot für US-Bürger nach Nordkorea. Gleichzeitig spitzte sich der Konflikt zwischen Washington und Pjöngjang um das nordkoreanische Atomprogramm weiter zu. 

pg / DPA