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Der Fall des Truckers Jürgen H.: Wie aus dem "Helden von Schrobenhausen" ein verurteilter Brandstifter wurde

Als der Trucker Jürgen H. seinen brennenden Tanklaster aus einer Ortschaft hinaussteuerte, war er der "Held von Schrobenhausen". Ein Jahr später stand er wegen der Horrorfahrt vor Gericht.

Von Ingrid Eißele

"Held von Schrobenhausen" wegen fahrlässiger Brandstiftung verurteilt

Am 17. Juli 2017 löschen außerhalb der oberbayerischen Kleinstadt Schrobenhausen Feuerwehrleute den Brand. Jürgen H. gab anschließend TV-Interviews. Im Ort wollte man damals eine Feier für ihn ausrichten

Es ist ein Julimorgen, neun Uhr in der Früh, als Jürgen H. Platz nimmt im Saal 109 des Amtsgerichts Pfaffenhofen. Um ihn herum schlichte Tische und Stühle, an der Wand ein Kreuz mit dem Lamm Gottes. Jürgen H. sieht aus, als wäre er jetzt gern woanders. Ein paar Minuten lang erlaubt sein Verteidiger Aufnahmen von dem 50-Jährigen, dann verscheucht er Kameraleute und Fotografen mit einer entschlossenen Handbewegung.

Es gab eine Zeit, da war es Jürgen H. nicht unangenehm, fotografiert zu werden. Fast genau ein Jahr ist das her. Damals wurde H. kurz zum Medienstar, weil er seinen brennenden Tanklaster gerade noch rechtzeitig aus einer Kleinstadt gefahren hatte. Damals zeigten sie sein Bild im Fernsehen und im Internet, sie druckten es in den Zeitungen. Jürgen H. war der mutige Trucker, der im richtigen Moment das Richtige getan hatte. Der "Held von Schrobenhausen".

Retter oder Brandstifter?

Nun sitzt er in diesem Saal, und die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn der Brandstiftung. Das Gericht muss klären, ob H. tatsächlich einer ist, der Menschen vor großer Gefahr bewahrt hat. Oder ob er eben ein Brandstifter ist, ohne den es die Gefahr erst gar nicht gegeben hätte.

Jürgen H., markanter Kahlschädel und Kinnbart, ist anzumerken, wie unangenehm er die neuerliche Aufmerksamkeit findet, ebenso seinem Chef und seiner Chefin, die im Zuschauerraum sitzen. Er sei ein Mann ohne Fehl und Tadel, versichern die Spediteure dem stern. Er arbeite seit fast 20 Jahren für sie und habe sich nicht das Geringste zuschulden kommen lassen. "Und dann machst du einen einzigen Fehler!"

Der Tag, auf den das Gericht blickt, ist der 17. Juli des vergangenen Jahres. Damals holt der Lastwagenfahrer 8883 Liter Benzin und 25 810 Liter Diesel in einer Raffinerie in Oberbayern ab, er soll den Treibstoff etwa 250 Kilometer weit ins Allgäu transportieren. Das Wetter ist gut, Jürgen H. fährt eine drei Jahre alte Sattelzugmaschine vom Typ Mercedes Actros mit einem acht Jahre alten Auflieger der Firma Rohr, erst vor zwei Monaten war der Truck bei der Hauptuntersuchung.

Zentrum von Schrobenhausen

Zentrum von Schrobenhausen

Doch auf der Bundesstraße, so wird es Jürgen H. später in einer ersten Version seiner Geschichte erzählen, platzt plötzlich einer der hinteren Reifen des Aufliegers. H. nimmt die nächste Abfahrt, landet in einem Industriegebiet in Schrobenhausen, steigt aus – und sieht, dass der Reifen brennt. Offene Flammen schlagen unter der Hinterachse empor. H. hat zwei Feuerlöscher an Bord, aber ihm ist klar: Die reichen nicht.

Was ihm ebenfalls klar ist: Er muss sofort weg. In dem Industriegebiet arbeiten Menschen in Bürogebäuden, 200 Meter entfernt von seinem Standort liegt eine Tankstelle. Der Trucker ruft die Polizei, ein Beamter aus der Leitstelle lotst ihn per Handy aus Schrobenhausen. Mit Vollgas und hupend "wie ein Irrer" fährt er Richtung freies Feld.

Eine "Scheißangst" gehabt

H. kann nicht sehen, was genau am hinteren Ende seines Lasters passiert, es ist ein rollendes Himmelfahrtskommando. Brennende Teile lösen sich in Fetzen von den Rädern. Auf der Höhe des Stadtrands explodiert der nächste Reifen. Er habe eine "Scheißangst" gehabt, wird H. später sagen.

Am Ende bringt er den Sattelzug neben einem Feld zum Stehen. Inzwischen schlagen die Flammen meterhoch am Tank empor. 130 Feuerwehrleute kämpfen mehrere Stunden lang und schaffen es, die explosive Ladung wieder herunterzukühlen. Am späten Nachmittag können sie Entwarnung geben.

Jürgen H. habe Mut und Verantwortung bewiesen, sagt darauf die Polizei. Und binnen Stunden rauscht eine schöne Geschichte durch das Internet und die TV-Kanäle. Es ist eine Geschichte, die viel über die Sehnsucht erzählt nach Menschen, die in einem bestimmten Moment über sich hinauswachsen, die Großartiges leisten und zu Vorbildern werden.

Doch die Geschichte, die Jürgen H. erzählt, hat einen Schönheitsfehler: Sie ist nur die halbe Geschichte.

Wenige Tage nach der dramatischen Feuerfahrt, als die Stadt schon angekündigt hat, H. mit einer Dankesfeier zu ehren, meldet sich bei der Polizei ein Fahrer. Er habe den Tanklastzug knapp 30 Kilometer von Schrobenhausen entfernt in Oberstimm gesehen, einer Gemeinde bei Ingolstadt. Dort habe der Sattelschlepper an einer Bushaltebucht geparkt. Das Irritierende: Schon dort sei Rauch von dem Wagen aufgestiegen. Dabei sei er noch etwa eine halbe Stunde von Schrobenhausen entfernt gewesen.

Hat er die Gefahr schon früher erkannt?

Der Fahrer ist nicht der einzige Zeuge, auch andere Passanten wollen den rauchenden roten Tanklastzug weit vor Schrobenhausen gesehen haben. Die Polizei wertet den digitalen Fahrtenschreiber aus und stellt fest, dass die Daten zeitlich zu den Beobachtungen passen: Eine halbe Stunde vor dem Brand hat der Lastwagen angehalten. Um 13.05 Uhr, genau zwölf Minuten lang. Hat Jürgen H. also die Gefahr schon viel früher erkannt, als er angibt? Ist er sehenden Auges weitergefahren? Warum hätte er das tun sollen?

Jürgen H. schweigt. Im Februar 2018 erhebt die Staatsanwaltschaft Ingolstadt Anklage wegen Brandstiftung. Darauf stehen in solchen Fällen bis zu fünf Jahre Haft. "Erst Feuer-Held, jetzt Trucker-Depp", ätzt die "Bild". Doch ist die Häme gerecht? Wer sieht, wie H. einen Tag nach dem Brand bei Sat 1 mit Reportern spricht, dem fällt auf, dass der allerorts Gefeierte sich nicht selbst auf die Schulter klopfen wollte. "Es reden jetzt alle von Held", sagt er, "aber wenn ich ein Kind totgefahren hätte, was wäre dann?" Man kann das als Bescheidenheit ansehen. Oder als Versuch, sich an etwas anzunähern, das zu diesem Zeitpunkt nur er kennt: die Wahrheit.

Die soll nun vor Gericht an den Tag kommen. Richter Konrad Kliegl ist ein gemütlich wirkender Mann, der breites Bayerisch spricht und manchmal an den altgedienten Fernsehkommissar Columbo erinnert, wenn er eine beiläufige Frage hinterher schiebt. "Der Reifen raucht, ist das nicht ein Ereignis, das einem zu denken geben müsste, gerade als Gefahrguttransporter?" Jürgen H. lässt seinen Anwalt eine Erklärung verlesen, dann ergänzt er die zweite Version seiner Geschichte. Danach war er gerade mal 20 Kilometer gefahren, als er plötzlich Hunger bekam. In Oberstimm hielt er an einer Bushaltestelle, um etwas Käse aus einem Staufach am Lkw zu holen. Da habe er gesehen, dass ein Reifen hinten am Auflieger rauchte, und die Kollegen in der Werkstatt seiner Firma angerufen, um ihren Rat einzuholen. Doch die Kollegen waren in der Mittagspause.

Jürgen H. sagt, er habe als Ursache der Rauchentwicklung festsitzende Bremsen vermutet und ein paar Minuten gewartet. "Der Rauch wurde weniger und war bald nicht mehr erkennbar." Dann sei er ins Fahrerhaus geklettert und habe zur Sicherheit einen kurzen Bremstest gemacht. "Alles wunderbar. Und dann bin ich weitergefahren."

Jürgen H. hat seinen Lkw-Führerschein bei der Bundeswehr gemacht, er ist ein routinierter Trucker, der 100.000 Kilometer pro Jahr fährt. Seit fast 20 Jahren transportiert er riskante Fracht. Als spezialisierter Gefahrgutfahrer muss er alle fünf Jahre eine Schulung absolvieren, zu der auch das Erkennen von Bränden gehört – die spätestens seit der Katastrophe von Herborn ein Horrorszenario für jeden Tanklastfahrer sind. Damals, im Jahr 1987, war ein mit Treibstoff beladener Lkw in die hessische Kleinstadt gerast und dort explodiert, er hatte sechs Menschen in den Tod gerissen. Als Konsequenz sollten die Auflagen für gefährliche Transporte verschärft werden.

Nichts gerochen und nichts gehört

Einen Tag lang vernimmt Richter Kliegl Polizisten, Autofahrer, Anwohner des Industriegebiets und den Angeklagten selbst, dann ergibt sich für die Zeit nach H.s Stopp an der Bushaltestelle der folgende Ablauf: Während der Trucker die 30 Kilometer nach Schrobenhausen fährt, wird die Rauchwolke hinter ihm dunkler. Auf den letzten fünf Kilometern bemüht sich der Fahrer eines Kleintransporters, ihn zu warnen, er hupt. Aber Jürgen H. reagiert nicht. Die Fenster seien geschlossen gewesen, die Klimaanlage eingeschaltet, sagt er. Er habe nichts gerochen, nichts gehört, das Radio sei gelaufen. Er habe immer wieder in den Rückspiegel geschaut. "Mir ist nichts aufgefallen, sonst hätte ich angehalten."

Was er tatsächlich wahrgenommen hat, das bleibt sein Geheimnis. Es sei denkbar, dass er den Rauch lange nicht bemerkt habe, sagt der Sachverständige Karl Gäßler. Der Fahrtwind blase Rauchschwaden nach hinten.

Hätte er vorher den Ernst der Lage erfassen können, an jener Bushaltestelle weit vor der Stadt? Der Brand habe nicht von den Reifen hergerührt, sondern von einem Radlager, sagt Gutachter Gäßler. Das sei nicht allzu häufig und anfangs schwer zu erkennen, und es gehe sehr schnell. Das Verschleißteil läuft heiß, das Rad dreht sich dennoch weiter, weil die gut 400 PS starke Zugmaschine den Widerstand eines blockierten Radlagers mühelos überwindet. Der Rauch, den H. offenbar falsch interpretiert hat, sei das einzige Warnzeichen.

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Auch ein Assistenzsystem hat H. nicht helfen können. Aus einem einfachen Grund: Es gab damals keins, und das nicht nur in seinem Wagen. Erst seit März 2018 bietet Daimler ein Sicherheitssystem an, das Probleme am Auflieger elektronisch meldet. Während Pkw-Fahrer schon seit Jahren bei allen erdenklichen Unregelmäßigkeiten Warnmeldungen bekommen, steckt ausgerechnet bei Gefahrgut-Trucks die Überwachungstechnik in den Anfängen. Man kann auch sagen: Das einzige Warnsystem war Jürgen H. selbst.

Er hätte bemerken müssen, was die Ursache des Rauchs war, sagt Hans-Hubert Glock, Präsident des Gefahrgutverbands Deutschland. Schließlich würden Gefahrgutfahrer dafür ausgebildet. Ein einfacher Handgriff hätte gereicht, um den Grund für die Rauchentwicklung zu erkennen, so Glock zum stern: "Einen Reifen muss man nur berühren, um festzustellen, ob er heiß gelaufen ist, das Gleiche gilt für Radlager." Der nächste Schritt wäre gewesen, die Feuerwehr zu rufen, die den Transport auf der Bundesstraße bis zu einem sicheren Ort begleitet hätte, wo man das Rad hätte herunterkühlen können. Dann, so Glock, "wäre überhaupt nichts passiert."

Großer Knall bei Schrobenhausen

So sieht es auch das Gericht. Jürgen H. habe seine Sorgfaltspflicht verletzt, als er nach dem ersten Halt weiterfuhr. Als Transporteur von gefährlichen Gütern "muss man genauer hinschauen und genauer überlegen, was man macht". Einen Mechaniker holen etwa. "Dann steht der Transport eben mal fünf Stunden." Stattdessen habe Jürgen H. darauf gehofft, dass es schon irgendwie gut gehen werde – bis zum großen Knall bei Schrobenhausen. Das Gericht verurteilt Jürgen H. wegen fahrlässiger Brandstiftung zu einer Geldstrafe von 3200 Euro und einem Fahrverbot von einem Monat. Er ist damit nicht vorbestraft und kann weiterhin als Lkw-Fahrer arbeiten.

Das Urteil gehe in Ordnung, sagt sein Anwalt danach. "Er ist mit einem blauen Auge davongekommen." Da ist Jürgen H. schon verschwunden.

Der Artikel über den "Helden von Schrobenhausen" ist dem aktuellen stern entnommen:

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