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Wiederaufnahmeverfahren: Ein Freispruch ist für Mollath nicht genug

Vor Gericht kämpfen seine Verteidiger darum, die Tatvorwürfe rund um die Körperverletzung auszuräumen. Ihr Mandant Gustl Mollath kämpft indes an einer ganz anderen Front.

Von Lisa Rokahr

Gustl Mollath muss sich in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem  Landgericht Regensburg wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung verantworten

Gustl Mollath muss sich in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem
Landgericht Regensburg wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung verantworten

Dass ein Angeklagter nicht mit dem übereinstimmt, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, ist vor Gericht Alltag. Dass sich ein Angeklagter aber ausschließlich als Opfer fühlt, ist eher selten. Doch im Fall Gustl Mollath ist einiges außergewöhnlich. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm in der Anklageschrift Körperverletzung vor, Mollath soll seine Frau vor 13 Jahren geschlagen, gebissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben. Außerdem soll er Autoreifen zerstochen haben. Gegen diese Vorwürfe wehrt sich Mollath in seinem Wiederaufnahmeverfahren nur bedingt, denn er kämpft vor allem gegen den Vorwurf, er sei wahnsinnig.

Im ursprünglichen Prozess 2006 wurde er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen – ihm wurde ein "paranoider Wahn" attestiert, weil er vermutete, wegen eines Schwarzgeldskandals, den er aufdecken wollte, mundtot gemacht zu werden. Im Wiederaufnahmeverfahren will er nun erneut beweisen, dass seine Vorwürfe von damals kein Hirngespinst waren, sondern wahr.

Doch wieder muss sich Mollath in diesem Verfahren auch den Gutachtern stellen, von denen ihm einige über Jahre hinweg immer wieder eine Persönlichkeitsstörung attestierten. Auch im derzeitgen Verfahren sind wieder einige von ihnen geladen, Hans Simmerl und Klaus Leipziger, bei dem Mollath bis zuletzt im BKH Bayreuth untergebracht war, auch deren Kollege Friedemann Pfäfflin sagte bereits aus.

Mollath wird zum Ankläger

Für Mollath ist dieser Prozess nicht leicht. Und umgekehrt will er es hier keinem leicht machen: nicht den Zeugen, nicht den Richtern, nicht seinen eigenen Anwälten. Dass er sich mit der Rolle des Angeklagten nicht zufrieden gibt, steht nicht erst seit Prozessbeginn fest, sondern seit zehn Jahren, seit dem ersten Prozess in dieser Sache gegen ihn. Schon damals wies er immer wieder auf die angebliche Verschwörung gegen ihn hin. Hier in Regensburg geht Mollath noch einen Schritt weiter. Vom Angeklagten wird er zum Ankläger, seine Gutachter geht er besonders hart an.

Mollath: "Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Dr. Leipziger?"

Mollath: "Warum haben Sie nicht ins Protokoll geschrieben, was ich Ihnen über die Kunden meiner Frau erzählt habe? Warum steht da nicht, dass Herr D. Geld bei der Schweizer Bank hatte?"

Pfäfflin: "Sie haben mir so viele Details genannt, dass ich nicht alle mitschreiben konnte, auch weil ich nicht den Zusammenhang gesehen habe zu dem, was relevant ist."

Fast alle Fragen, die Mollath stellt, beziehen sich auf die Schwarzgeldverschwörung, die er wittert. Sie sollen ihn entlasten – nicht von den Taten, derer Mollath in Regensburg angeklagt ist, sondern indem sie das Schwarzgeldkomplott beweisen. Mollaths Problem ist: Für das Unrecht, das ihn persönlich am meisten belastet, wurde er nicht weggesperrt. Die Anklageschrift beschuldigt ihn nicht, eine Schwarzgeldverschwörung aufzudecken, sie beschuldigt ihn, seine Frau geschlagen und Reifen zerstochen zu haben. Weil es aber seine Behauptungen waren, wegen denen Mollath ein "paranoider Wahn" unterstellt wurde, der ihn in die Psychiatrie brachten, geht er vor allem gegen sie an.

Zeugen im Kreuzverhör

Der Psychiater Pfäfflin berichtet, dass die eigentlichen Tatvorwürfe schon bei seinem ersten Treffen mit Mollath kaum Thema waren. "Das Thema interessierte ihn nicht, da brauchte man nicht mit ihm drüber reden, das war er nicht, sagte er, damit war es für ihn geklärt."

Nicht geklärt aber ist bis heute die Frage: Ist der Mann verrückt? War er jemals verrückt? Mollath will mehr als einen Freispruch, er will einen Freispruch erster Klasse, die vollständige Rehabilitation. Nicht schuldig reicht ihm nicht, erwiesenermaßen unschuldig, das ist sein Ziel.

Und so kann er nicht anders, als immer wieder nachzuhaken. Nach Staatsanwalt und Verteidiger selbst das Wort zu ergreifen, die Zeugen nicht nur zu befragen, sondern anzuklagen. "Warum haben sie verhindert, dass ich Einblick in meine Krankenakte bekomme?", fragt er Klaus Leipziger, in dessen Klinik er zuletzt untergebracht war. Mit strengem Blick, unerbitterlich, als wolle er die Wahrheit aus dem Menschen herausstarren. Und wütender: "Kennen sie die Dokumentation, in der die Verletzungen festgehalten sind, die man mir zufügte? Was man mir angetan hat?" Leipziger schaut Mollath nicht an, nicht ein einziges Mal.

Tatvorwürfe interessieren Mollath nicht

Für Pfäfflin ist diese Fragerei ein Déjà-vu. Schon vor dreieinhalb Jahren, als er Mollath in Bayreuth begutachtete, drehten sich die beiden im Kreis. Er wies Mollath damals darauf hin, dass er nicht wegen seinem vermeintlichen Insiderwissen im Maßregelvollzug untergebracht sei, dass er nicht des Wahnsinns angeklagt gewesen sei, sondern der Körperverletzung.

Mollath: "Ich versuche, Ihnen die Situation wiederzugeben, wie ich sie erlebte, nicht mit Wahnvorstellungen, sondern mit Nachweisen."

Alle drei Gutachter berichten, dass Mollath in Gesprächen kaum auf die ihm vorgeworfenen Taten eingeht, sondern erläutern will, wie er überhaupt in die Klinik gekommen ist. Der Grund liege für ihn nicht in einer Körperverletzung, sondern darin, "ihn mundtot zu machen, darauf besteht er", so Gutachter Simmerl.

Mollath: "Wenn man sich nicht den Verlauf anschaut, kann man leicht glauben, das ist alles Wahnsinn."

Was ist normal?

Doch für Gutachter Pfäfflin ist genau die Beharrlichkeit auf das nicht Tatrelevante ein Indiz für eine Krankheit.

Er schreibt in seinem Gutachten: "An die externe Begutachtung hat er die vage Hoffnung geknüpft, der Gutachter solle zur Aufklärung des von ihm behaupteten Bankenskandals beitragen. Alleine schon diese Erwartung an den Gutachter spricht für eine verzerrte Realitätswahrnehmung, denn diese Personen sind keine Kriminalisten."

Sein Kollege Hans Simmerl, der Mollath 2007 begutachtete, widerspricht dem jedoch: "Wenn jemand eingesperrt ist, und überall nur gegen Wände rennt, keinen Ansprechpartner hat, ist es doch völlig normal, dass er demjenigen, der dann mal kommt, um ihm zuzuhören, auch alles im Detail erzählt – und sei es ein Gutachter."

Etwas räumt Simmerl dann aber doch noch ein. "Als er dann aber schon skeptisch wurde, weil einer der Gutachter ein Konto bei der HypoVereinsbank (die von Mollath beschuldigte Bank, Anmerkung der Redaktion) angegeben hatte, da dachte ich, ein bisschen verrannt hat er sich schon."

Mit Anwälten überworfen

Doch Mollath kann nicht anders, eine weitere Chance, einem Gericht so detailliert seine Geschichte zu erzählen, wird er vielleicht nicht bekommen. Er hat sich akribisch auf diesen Prozess vorbereitet, monatelang ging er eigenständig alle Akten durch, erstellte eigene Zeugenlisten, ohne seinen Anwalt Gerhard Strate. Schon damals ahnte er, dass es zu Konflikten mit seinen Verteidigern kommen könnte: "Für einen Anwalt ist es natürlich das Beste, die Tatvorwürfe schnell auszuräumen und einen schnellen Freispruch zu erwirken", sagte Mollath. "Aber für mich reicht das nicht." Schließlich hätten seine Schwarzgeldinformationen dazu geführt, dass er sieben Jahre weggesperrt wurde. "Warum war das damals Thema, aber jetzt darf es plötzlich kein Thema mehr sein?"

Das Gericht mache es sich zu einfach, sagt Mollath am elften Prozesstag, man nehme ihm die Möglichkeit einer wahrheitsgemäßen Darstellung. "Ich bin befremdet und entsetzt über die Auswahl der Zeugen. Ich selbst habe mehr als 30 Zeugen benannt, durch die sich ein ganz anderes Bild ergeben würde." Das ist gleichsam Kritik an seinem Anwalt, der Mollaths Anträge nicht einbrachte, seiner Linie nicht folgt. Strate widersprach Mollaths Kritik an der Richtern gestern deutlich: "Ich habe selten ein Gericht gesehen, das so sorgfältig um die Aufklärung bemüht ist."

Mollaths Missbilligung führte selbst für seinen Anwalt zu weit, es folgte das Zerwürfnis: Strate und sein Kanzleikollege Johannes Rauwald legten ihre Mandate als Wahlverteidiger nieder, sie sahen das Vertrauensverhältnis zum Angeklagten erschüttert. Doch das Gericht bestellte sie daraufhin zu Pflichtverteidigern, damit der komplexe Prozess fortgesetzt werden kann. Und so geht das Verfahren weiter, Strate verfolgt seine Strategie, Mollath eine andere. Bisher läuft es nicht schlecht für den Angeklagten, notwendig sind Mollaths Angriffe auf Gericht, Zeugen und seine Anwälte daher nicht, vielleicht schadet er sich sogar selbst damit. Doch sein Verteidiger Strate räumt ein: "In einer so belastenden Situation ist es nicht immer ganz einfach, Freund und Feind zu unterscheiden.“