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Winnenden: "Es gibt kein Verständnis über Amokläufe"

Fast zehn Monate nach dem Amoklauf suchen die Hinterbliebenen der Opfer von Winnenden nach der Rückkehr ins normale Leben. Jurij Minasenko ist einer von ihnen. Er verlor seine Tochter. Dem stern erzählte er, was er sich vom Prozess gegen Tim K.'s Vater erhofft und wie er die Tat heute sieht.

Der Vater eines Opfers des Amoklaufes von Winnenden fordert eine intensivere Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Amokläufen. "Bis jetzt gibt es in Deutschland kein richtiges Verständnis über Amokläufe", sagte Jurij Minasenko, der Vater der 16jährigen Viktorija, in einem Interview in der neuen, bereits am Dienstag erscheinenden Ausgabe des stern. Ein Schulmassaker wie das von Winnenden sei mehr als ein erweiterter Suizid, so der aus der Ukraine stammende Psychiater. Es bedeute Rache und Protest des Täters, nach dem Motto: "Ich werde Euch zeigen, wer ich bin. Ihr kennt mich gar nicht. Ich sterbe nicht, weil ich schwach bin, sondern weil ich stark bin." Sterben "als Demonstration der Macht" könnte ein Trend werden, fürchtet Minasenko,"wenn der Einzelne beschließt, dass für ihn das Gewaltmonopol des Staates nicht mehr gilt".

Der Psychiater verlor bei dem Amoklauf im März mit Viktorija sein einziges Kind. Im stern-Interview spricht er sowohl als betroffener Vater wie auch als Arzt, der die Ermittlungsakten studiert hat. Tim K. sei sehr klar gewesen in dem, was er tat. "Er hatte keine Bewusstseinsstörung, er hörte keine Stimmen. Er war nicht chaotisch, er war ordentlich. Er hat sein Magazin in Seelenruhe wieder aufgeladen und weiter geschossen", sagte Minasenko. Dennoch sei für ihn klar, dass der Täter eine massive Persönlichkeitsstörung hatte. "Doch die ist nicht wie ein plötzlicher Herzinfarkt, sondern das Resultat einer pathologischen Entwicklung, die schon in der frühen Kindheit beginnt."

2010 soll der Prozess gegen den Vater von Tim K. eröffnet werden. Die Staatsanwaltschaft wirft Jörg K. unter anderem fahrlässige Tötung vor. Er soll die Tatwaffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt haben. Der Prozess, so Minasenko, sei für die Aufklärung der Ursachen enorm wichtig, nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für die Gesellschaft. Er will als Nebenkläger Aufklärung darüber, "was Tims Eltern wussten. Ich möchte wissen, wie sie auf die Warnsignale reagiert haben". Es gebe eine "Kette von Ursachen, die schließlich zum Amoklauf führten. In dieser Kette war der Vater das wichtigste Glied".

Jurij Minasenko spricht im stern-Interview auch über die Trauer, die er und seine Frau nach dem Tod ihres Kindes empfinden. "Meine Frau war wie ein Stein, sie konnte nicht weinen, auch in den nächsten vier Monaten nicht. Nach dem Begräbnis mussten wir flüchten. Wir konnten nicht mehr in der Wohnung bleiben mit all ihren Sachen. Ich dachte, wir werden auch sterben, wenn wir bleiben. Die Grenze zwischen Leben und Tod war aufgehoben." Seine Frau Lena spricht nicht in der Öffentlichkeit über ihre Trauer, sie drückt sie mit Hilfe der Musik aus. Ein Klavierstück, das sie für die Tochter nach deren Tod komponiert hat, ist von Dienstag an auf stern.de zu hören (www.stern.de/viktorija).

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