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Winnenden trauert: "Ich will einfach nur schreien"

Hunderte Menschen gaben ihr das letzte Geleit: Ein Mädchen wurde beerdigt, das zu den Opfern des Amoklaufs von Winnenden gehört. Jan war dabei, als seine Mitschülerin von Tim K. getötet wurde, musste mit ansehen, wie er ihr eine Kugel in den Kopf jagte. Jan ist nicht danach, zu schweigen: "Ich will einfach nur schreien."

Von Frank Gerstenberg, Winnenden

Im schwäbischen Winnenden ist an eine Rückkehr zur Normalität auch am dritten Tag nach dem Amoklauf an der Albertville- Realschule nicht zu denken. Die 28.000-Einwohner-Stadt im württembergischen Remstal ist vielmehr zu einer großen Trauergemeinde geworden. Gottesdienste, Kondolenzen, Mahnwachen und Beileidsbekundungen bestimmen das Stadtbild. Rund 50 Schulpsychologen sind rund um die Uhr im Einsatz, um die Angehörigen der Opfer sowie die überlebenden Schüler, die teils schwer traumatisiert sind, zu betreuen. Am Montag kommen weitere 30 aus Nordrhein-Westfalen und Bayern hinzu. Unterdessen ist das erste Opfer, ein 16-jähriges Mädchen, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof von Winnenden beerdigt worden.

Ministerpräsident Günther Oettinger war am Freitag der Erste, der sich mit schwarzem Füller in das blaue Kondolenzbuch der Stadt Winnenden eintrug: "Fassungslos, entsetzt und ratlos stehen wir da. Uns fehlen die Worte, wir haben keine Antwort", notierte der CDU-Politiker. Seinem Aufruf, ihre Trauer und Anteilnahme niederzuschreiben, folgten bis Samstagabend zahlreiche Menschen aus Winnenden und ganz Baden-Württemberg.

Um 10 Uhr am Morgen sollte das Rathaus geöffnet werden. Stadtrat Willi Halder musste jedoch schon um 9 Uhr aufschließen, da sich vor der Tür an der Torstraße bereits eine Schlange gebildet hatte. Bis um 14 Uhr erlebt er "keinen Moment, in dem niemand hier war". Drei Kondolenzbücher liegen im Foyer des kleinen Rathauses aus. Sie scheinen kaum zu reichen. Bis auf die Straße stehen die Menschen zeitweise, sie schweigen und warten, bis sie ausdrücken dürfen, was sie in dieser "dunkelsten Stunde der Stadt", so drückt es Oberbürgermeister Bernhard Fritz aus, bewegt.

Das Online-Kondolenzbuch der Stadt, das seit Donnerstag geöffnet ist, zählte binnen weniger Stunden über tausend Einträge aus dem In- und Ausland. In bewegenden Worten formulieren die Menschen ihre Botschaften. So schreibt etwa Christine Schob aus Vilseck: "Ich kann das Leid nicht aus der Welt schaffen, nicht den Schmerz lindern, den du empfindest. Alles, was ich tun kann, ist mit dir zu fühlen und in Gedanken in dieser schweren Zeit bei dir zu sein."

Im Foyer des Rathauses verharrt eine ältere Dame lange an dem Stehpult, bevor sie in geschwungener Schrift Dietrich Bonhoeffers zitiert: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag". Danach setzt sie sich an einen kleinen Tisch, starrt ins Leere, nimmt ihre Brille ab und wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen. "Vielleicht begreifen die Menschen jetzt endlich, wie wertvoll jeder Tag ist."

Thilo Sehne (18) und Paul Söhnke* sehen in dieser Hoffnung den einzigen Sinn in der "Wahnsinnstat", die über die Stadt ein "Leichentuch" ausgebreitet und Winnenden zu "einer einzigen großen Trauergemeinde" gemacht habe. Derzeit spüren sie nur "Leere" im Kopf, momentan kann keiner an die Zukunft denken, wie sie erzählen.

Das Trauma ist aber vielleicht eine Chance, dass die Menschen in Winnenden "näher zusammenfinden", sagt Gymnasiast Thilo mit ernster Miene. Sein Mitschüler Paul Söhnke* meint bereits erste Anzeichen zu erkennen, dass sich das Miteinander ändert: "Ich merke, dass sich die Menschen weniger über Kleinigkeiten aufregen, zum Beispiel auf der Straße nicht sofort hupen, wenn sie es eilig haben". Die beiden Jungs tragen sich zusammen mit drei Freunden in das Kondolenzbuch ein, "um unser Mitgefühl, unsere Trauer und unser Entsetzen auszudrücken". Paul hat dazu besonderen Grund.

Er musste mit ansehen wie sie starben

Sein jüngerer Bruder Jan (Anm.: Name von der Redaktion geändert) war in der Klasse 10d, als Tim K. in schwarzem Kampfanzug hineinstürmte, zwei Mädchen erschoss, hinaus ging, innerhalb von Sekunden wieder hinein kam und fünf weitere Kinder mit seiner 9mm-Beretta hinrichtete. Der Bruder musste alles mit ansehen, auch, dass drei Schüler aus dem dritten Stock der Albertville-Realschule hinaus in die Tiefe sprangen, sich dabei mehrere Knochen brachen. Panisch und in Todesangst schleppten sich die Schwerverletzten in Sicherheit. Jan und zehn weitere Schülerinnen und Schüler kletterten schreiend und weinend die Feuerwehrleiter hinunter. Den Rest des Tages habe sein Bruder "komischerweise relativ normal verbracht". Erst in den kommenden Tagen werde sich zeigen, wie er das Erlebnis verarbeitet hat, "wenn er realisiert, was geschehen" ist.

Es kann Jahre dauern, bis die Kinder damit klar kommen

Dabei helfen wollen Jan und den anderen Kindern sowie den Angehörigen der Opfer rund 50 Schulpsychologen. In den zwei großen Veranstaltungshallen der Stadt führen die Psychologen sowie Notfallseelsorger von Polizei und Kirche Gespräche oder hören ganz einfach nur zu, wie Dieter Glatzer, Chef-Koordinator der psychologischen Betreuung beim Regierungspräsidenten, auf der heutigen Pressekonferenz in Winnenden erklärte. Ob alle Kinder das schreckliche Ereignis auf lange Sicht verarbeiten können, sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen. "Es kann Jahre dauern, bis die Kinder damit klar kommen", sagt Glatzer, der auf der Pressekonferenz weitere zusätzliche Stellen für die psychologische Betreuung an Baden-Württembergs Schulen forderte. Über den Effekt der psychologischen Betreuung scheint es bei den Betroffenen allerdings geteilte Meinungen zu geben: "Wir möchten einfach nur mal schreien oder wenigstens gefragt werden und erzählen", sagte Jan seinem Bruder Paul. Stattdessen versammle man sich in großen Schweigerunden.

An Unterricht in der Albertville Realschule ist indes derzeit vorerst nicht zu denken, sagt Winnendens stellvertretender Bürgermeister Richard Fischer. Der Schulbetrieb wird aller Voraussicht nach erst ab der übernächsten Woche wieder anlaufen. Allerdings nicht am Tatort, der nach wie abgesperrt ist, sondern möglicherweise an anderen Schulen. Ob an der Albertville-Realschule jemals wieder unterrichtet wird, ist zur Stunde fraglich, so Fischer. Am Samstag konnten die Kinder ihre Wertsachen und Schultaschen aus der Schule holen, die sie bei ihrer Flucht zurücklassen mussten.

"Der Tod ist viel zu nahe gerückt"

Ebenfalls am Samstag wird das erste Opfer des Amoklaufs beerdigt. Rund 1100 Menschen verabschieden sich mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Friedhof von Weiler zum Stein von der 16-jährigen Nicole. "Der Tod ist viel zu nahe gerückt. Das Grundvertrauen in einen Ort ist zerbrochen", sagt der evangelische Dekan Eberhard Gröner. Er wagt nicht an Vergebung zu denken, "die müssen wir Gott überlassen." Pfarrerin Rosemarie Gimbel-Rueß spricht von einer "Mauer des Schreckens", die der Amokläufer mit seiner Tat am Mittwoch errichtet hat.

Auf dem Stuttgarter Schlossplatz kommen gleichzeitig mehrere hundert Schüler zusammen und zünden für die Opfer Kerzen an. Auch in Wendlingen, wo der Amokläufer in einem Autohaus zwei Menschen erschossen und sich dann selbst getötet hatte, gibt es einen Gedenkgottesdienst. "Wir haben gemerkt, wie hilf- und wehrlos wir alle sind!", sagt hier Gemeindepfarrer Helmut Buchmann. Am kommenden Samstag, den 21. März, veranstaltet die Stadt Winnenden einen großen Gedenkgottesdienst, zu dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler erwartet werden.

*Namen von der Redaktion geändert

Anmerkung der Redaktion

Für den oben stehenden Text wurde stern.de vom Presserat eine Missbilligung ausgesprochen. Im Text äußert sich Paul Söhnke (Name v.d. Redaktion geändert) über seine Erlebnisse. Dabei flossen auch Eindrücke seines minderjährigen Bruders Jan (Name v.d. Redaktion geändert) ein. Der Presserat erkannte bei der Verwendung des Zitates des jüngeren Bruders einen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht. Für den Leser entstehe in dem Beitrag der Eindruck, dass der jüngere Bruder direkt von der Redaktion befragt worden sei. Offensichtlich habe jedoch der ältere Bruder die Aussage des jüngeren an die Redaktion weitergegeben. Dies hätte die Redaktion auch so darstellen müssen.

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(