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Zehn Jahre in Gefangenschaft Die unglaubliche Rettung der Amanda Berry


"Helfen Sie mir! Ich bin Amanda Berry." So begann der wichtigste Anruf im Leben der 27-Jährigen und beendete ihr rätselhaftes, zehnjähriges Verschwinden. Die Geschichte einer Befreiung.
Von Thomas Schmoll

Die gewaltige Aufregung ist in jedem Atemzug, in jeder Silbe zu hören. "Helfen Sie mir! Ich bin Amanda Berry." Die Frau, die ihren Notruf entgegennimmt, ist ein Profi und fragt die Anruferin als erstes, ob sie die Polizei, die Feuerwehr oder einen Krankenwagen benötigt. "Ich brauche Polizei." Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagt: "Okay. Und was ist passiert?" Amanda Berry antwortet: "Ich wurde entführt und werde seit zehn Jahren vermisst und ich bin, ich bin hier. Ich bin frei."

Die Mitarbeiterin der Notrufzentrale von Cleveland bleibt cool. Sie fragt nach der Adresse. "2207 Seymour Avenue ", lautet die Antwort. "2207 Seymour. Sieht danach aus, dass Sie mich von 2210 anrufen." Amanda Berry versteht den Satz in ihrer Aufregung nicht. "Ich kann Sie nicht hören." Die Frau vom Notruf die Nummer des Hauses, aus dem der Anruf kommt. Das Entführungsopfer sagt: "Ich bin schräg gegenüber. Ich benutze das Telefon." Die Beamtin gibt die Anweisung, in dem Haus zu bleiben und auf die Einsatzkräfte zu warten. "Sprechen sie mit der Polizei, wenn sie da ist." Amanda Berry fängt an zu weinen.

Die Telefonistin bleibt weiter ruhig und wiederholt die Verhaltensanweisungen. Nun sagt die Anruferin "okay." Ihr Gegenüber verspricht eine Streife, sobald eine zur Verfügung steht. Amanda Berry fleht: "Nein, ich brauche sie jetzt, bevor er zurück ist." Die Beamtin verspricht, die Bitte zu erfüllen, und fragt die Anruferin, wen sie meint. Amanda Berry nennt seinen Namen (Ariel C.) und sein Alter (52). Dann sagt sie abermals: "Ich bin Amanda Berry. Ich bin zehn Jahre lang in den Nachrichten gewesen." Die Frau vom Notruf erwidert: "Ich hab, ich hab das, Liebes." Sie fragt noch einmal nach dem Namen und ob er ein Weißer, ein Schwarzer oder ein Hispano ist. "Hispano." Was hat er an? "Ich weiß es nicht, weil er gerade nicht hier ist. Deshalb konnte ich fliehen." Die Beamtin hakt nach, was der Mann trug, als er das Haus verließ. "Wer weiß", erwidert Amanda Berry. Dann endlich sagt die Beamtin: "Die Polizei ist auf dem Weg." Wieder versteht die Anruferin nicht. "Ich sagte, sie sind unterwegs. Sprich mit ihnen, wenn sie da sind." Amanda Berry antwortet: "Alles klar, okay. Bye."

Glückliches Ende

So endet der wichtigste Anruf im bisherigen Leben der Amanda Berry. So endet das Martyrium der jungen Frau. Kurz nach dem Notruf trifft die Polizei ein und befreit zwei weitere Mädchen aus dem Haus, in dem Amanda Berry, inzwischen 27 Jahre alt, gefangen gehalten wurde. Alle drei werden seit einem Jahrzehnt vermisst. Sie kommen ins Krankenhaus. Polizisten und Ärzte äußern sich zufrieden über den Gesundheitszustand der drei Befreiten. Gerald Maloney, ein Arzt in der Notaufnahme des Metro Health Medical Centers von Cleveland, spricht via CNN aus, was wohl die ganze Nation denkt. "Das ist nicht das Ende, wie wir es bei solchen Geschichten normalerweise hören. Deshalb sind wir sehr glücklich. Wir freuen uns sehr für sie." Im Krankenhaus trifft Amanda Berry ihre Schwester Beth zum ersten Mal nach zehn Jahren. Das Bild von der glücklichen Wiedervereinigung geht bald um die Welt.

Amanda Berrys Daueralbtraum beginnt am 16. April 2003. Nur einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag verschwindet sie spurlos. Ihrer Schwester teilt sie an jenem Schicksalstag mit, jemand werde sie nach der Arbeit bei Burger King abholen und nach Hause bringen. Dort kommt sie nicht an. Das Gebäude, in dem sie - nach Vermutungen der Polizei seit ihrem Verschwinden - gefangen gehalten wird, liegt nur wenige hundert Meter von dem Haus, in dem sie aufwächst.

Ramsey denkt zuerst an häusliche Gewalt

Dass sie ihr Gefängnis niemals mehr betreten müssen, haben die drei Frauen Charles Ramsey zu verdanken, der als Held von Cleveland gefeiert wird. Er hört - während er Essen von McDonalds verspeist - Hilferufe aus dem Gebäude. "Das Mädchen flippte total aus und versuchte, aus dem Haus zu gelangen", berichtet er später zahleichen TV-Sendern. "'Hol mich hier raus', ich bin seit langer Zeit hier drin." Charles Ramsey denkt erst an häusliche Gewalt, also an eine Frau, die von ihrem Mann bedroht oder verprügelt wird. Er sagt einen Satz, der auch ein Schlaglicht auf das Miteinander von Weißen und Schwarzen in dem Viertel wirft. "Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, wenn ein kleines hübsches weißes Mädchen in die Arme eines schwarzen Mannes läuft. Entweder sie ist obdachlos, oder sie hat Probleme."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ihr Retter versucht zu begreifen, was er gerade erlebt und mit wem er Tür an Tür gewohnt hat.

Der unheimlich normale Nachbar

Ramsey tritt die Tür ein und verhilft der aufgelösten Frau zur Flucht. Sie sagt beim Verlassen ihres Gefängnisses: "Ruf 911, mein Name ist Amanda Berry." 911 ist in den USA die zentrale Notrufnummer. "Sie kommt raus mit einem kleinen Mädchen", berichtet Charles Ramsey später. Bei dem Kind handelt es sich um eine Sechsjährige, nach Angaben von US-Boulevardmedien die Tochter von Amanda Berry. Eine Anwohnerin lässt die Befreite telefonieren. Charles Ramsey wählt ebenfalls die 911. Gleich danach versucht der Retter von Cleveland zu begreifen, was er gerade erlebt und mit wem er Tür an Tür gewohnt hat. Den mutmaßlichen Entführer der Frauen sah er seinem Bericht zufolge jeden Tag. Das Verhältnis beschreibt er als gutnachbarlich. "Ich habe mit dem Kerl gegrillt, wir haben Rippen gegessen und Salsa gehört. Ich hatte keine Ahnung, dass das Mädchen in dem Haus war." Und: "Du musst echt dicke Eier haben, um das durchzuziehen."

Der herbeigeeilten Polizei erklärt Amanda Berry, dass sie nicht die Einzige in dem Haus ist. "Da gibt es noch mehr Mädchen", wird sie in US-Medien zitiert. Die Ermittler durchsuchen das Gebäude und entdecken zwei weitere Frauen, die seit langer Zeit vermisst werden. Georgina "Gina" DeJesus ist als 14-Jährige am 2. April 2004 auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Michelle Knight, heute 32 Jahre alt, wird der Polizei zufolge seit ihrem 20. Lebensjahr vermisst. Das Haus der Familie DeJesus liegt ebenso wie das der Berrys nur ein paar wenige hundert Meter entfernt von der Bleibe des mutmaßlichen Entführers. Er und zwei weitere Verdächtige im Alter von 50 und 54 Jahren werden wenige Stunden nach der Befreiung festgenommen. Sie sind nach Angaben der Polizei Brüder.

"Es ist unglaublich, was wir erlebt haben, und ein Segen für die Gemeinde, die Polizei und ihre Familien, dass sie noch am Leben sind", sagt derweil der stellvertretende Polizeichef von Cleveland, Ed Tomba. "Wir sind sehr glücklich." Das Wort "glücklich" fällt immer wieder an diesem frühsommerlichen Tag. Hunderte Menschen versammeln sich vor dem Haus und feiern - umgeben von einem Massenauflauf an Presse - die Rückkehr der Vermissten.

Die Mutter ist vor Kummer gestorben

Nancy Ruiz, die Mutter von Georgina DeJesus, sieht ihre Tochter wenig später im Krankenhaus. Sie ist immer der Überzeugung gewesen, Menschenhändler hätten Gina gekidnappt. Ein Verwandter sagt bei CNN: "Sie hatte nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihre Tochter am Leben ist. Sie hat immer gesagt, dass sie es fühlen konnte, eine Verbindung, wie sie nur eine Mutter fühlen kann." Die Mutter von Michelle Knight, Barbara Knight, hat nach eigener Aussage die Einschätzung von Polizisten und Sozialarbeitern nie geglaubt, dass ihr Kind weggelaufen sei. Sie hat inzwischen eine weitere Tochter zur Welt gebracht.

Die Familie von Amanda Berry ist - wie sollte es auch anders sein - ebenso überglücklich über die frohe Kunde. Ihre Schwester Beth hatte die Hoffnung niemals aufgegeben. Wenn sie Mädchen auf der Straße sah, erzählte sie dem TV-Sender ABC, dachte sie: "Könnte sie es sein?" Amanda Berrys Cousine Tasheena Mitchell sagt vor dem Krankenhaus, in dem die drei Frauen und die Sechsjährige versorgt werden: "Sie ist meine beste Freundin. Ich bin so nervös. Ich bin so aufgeregt." Amanda Berrys Mutter kann die Freude nicht teilen, ihre Tochter nicht nach zehn Jahren wieder in die Arme nehmen. Sie starb im März 2006. Sie war krank und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich, wie Verwandte sagen - vor Kummer.


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