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Zementmord-Prozess: Hass, ein Clown und der Tod im Beton

Sie haben Tränen in den Augen, und es fällt ihnen schwer, den mutmaßlichen Mördern ihres Sohnes Ivan gegenüberzustehen. Fabienne und Pierre Schneider verfolgen trotzdem den Beginn des "Zementmord-Prozesses" in Stuttgart. Die vier Angeklagten schilderten Details der grausamen Tat.

Von Eva Wolfangel, Stuttgart

Es ist das erste Mal, dass Fabienne und Pierre Schneider auf die mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes treffen. Das Paar sitzt im größten Verhandlungssaal des Stuttgarter Landgerichts. Der Raum ist mit 150 Zuschauern vollbesetzt, mehrere Hundert Interessierte warten vor der Tür. Fabienne Schneider, die Mutter des Opfers, dreht sich hin und wieder um und wirft einen unsicheren Blick in den Zuschauerraum. Sie und ihr Mann haben sich mithilfe einer Therapeutin auf diesen Moment vorbereitet und sich vorgenommen, tapfer zu sein. Bis auf die geröteten Augen Fabienne Schneiders ist den Eltern der Schmerz kaum anzumerken.

Beinahe reglos mustern sie die vier Angeklagten auf der gegenüberliegenden Seite. Sessen K., die Jüngste, sitzt dort mit gesenktem Kopf, die Hände gefaltet, die Schultern zusammengefallen. Sie sieht aus wie eine demütige Kirchenbesucherin, die ins Gebet vertieft ist. Der Eindruck wird nur unterbrochen, wenn sich die 17-Jährige nervös ein paar Strähnen aus dem Gesicht streicht. Die krausen Haare zu einem ordentlichen Zopf gebunden, eine blaue Strickjacke mit Fellkragen, ein Ring am Zeigefinger: Sessen ist sichtlich bemüht, einen aufgeräumten Eindruck zu machen.

Rasend vor Eifersucht

Doch der passt nicht mit dem zusammen, was in der Nacht auf den 22. August 2007 geschah: Sessen soll damals im schwäbischen Rommelshausen bei Stuttgart ihren Bekannten Yvan Schneider unter einem Vorwand auf eine Streuobstwiese gelockt haben. Dort sollen ihn zwei der drei angeklagten jungen Männer brutal erschlagen haben, um die Leiche in den folgenden Tagen zu zerteilen und in Eimer einbetoniert im Neckar zu versenken.Neben Sessen sitzen auch Roman K., 18, und Kajeta M., 23, mit auf der Anklagebank.

Sessen K. vermeidet es, in die Richtung von Pierre und Fabienne Schneider zu schauen, die Eltern des Jungen, den sie gegenüber ihrem Freund Deniz als ihren ersten Mann bezeichnet haben soll, mit dem sie intim gewesen sei. Diese Behauptung wurde für den 19-jährigen Yvan zum Verhängnis - denn daraufhin, so der Staatsanwalt in seiner Anklage, habe Deniz E. rasend vor Eifersucht den Plan gefasst, Yvan umzubringen.

Die Zuschauer sind empört

Die Schneiders verfolgen starr, wie der Hauptangeklagte Deniz E. mit schleppendem Gang in den Gerichtssaal geführt wird, die klirrende Fußfessel zieht er hinter sich her. Deniz E. hat den Kopf mit einer Kapuze verhüllt, er geht gebückt und nimmt die Kapuze auch während der Verhandlung nicht ab.

Erst als der Prozess unterbrochen wird, weil Verteidiger Maximilian Pauls beantragt, Deniz E. für verhandlungsunfähig zu erklären, fällt die Haltung ein wenig von den Schneiders ab. Pauls wirft dem Gericht vor, seinen Mandanten im größten Verhandlungssaal des Landgerichts der Öffentlichkeit vorzuführen. "Das Zuschaustellen Behinderter auf Jahrmärkten ist glücklicherweise inzwischen verboten" - sein Vergleich stößt im Publikum und bei Schneiders auf Empörung.

"Ich sehe einen Clown", sagt Pierre Schneider in der Verhandlungspause verächtlich über Deniz E., "er mag psychische Probleme haben, aber wir sind hier nicht im Theater." Als Musiktherapeut habe er oft mit psychisch Kranken zu tun: "Aber so etwas habe ich noch nie gesehen." Trauben von Kameras umringen ihn, immer wieder hört er dieselbe Frage: Empfinden Sie Hass? "Man muss auch ohne Hass leben können", sagt er. Seine Stimme klingt brüchig.

Gewalt und Drogen haben im Leben der Mitangeklagten Roman K. und Kajeta M. schon immer eine Rolle gespielt. Kajeta M., 23, beschreibt vor Gericht seinen alkoholkranken Vater, eine Zeit im Heim, schließlich habe er sein Leben mit dem Verkauf von Drogen finanziert. Auch Roman K. berichtet von zerrütteten Familienverhältnissen, einem trinkenden Vater und Eltern, die sich mehrmals trennen wollten. Lediglich die 17-jährige Sessen scheint in behüteten Verhältnissen aufgewachsen sein. Ihre Eltern sitzen neben ihr im Gerichtssaal und hören zu, wie sie mit sehr leiser Stimme erzählt, wie sie Deniz kennen- lernte, der sie mit Geschenken aus dem Laden seines Vaters beeindruckte.

Deniz E. verweigert die Aussage. Sein Anwalt betont, dass er nicht verhandlungsfähig sei. Sein Mittäter Roman K. schildert dagegen bereitwillig die Tat: Deniz habe sich durch die Beziehung zu Sessen sehr verändert, er habe öfter gesagt, dass er sich umbringen wolle. Er habe angefangen, seine Mutter zu schlagen, und er habe sich oft mit Sessen gestritten und sei sehr eifersüchtig gewesen. Eines Tages habe er Roman K. gefragt, ob er ihm helfen könne, einen Jungen zu verprügeln, "der ihn nervt."

Mit Tränen in den Augen hören Pierre und Fabienne Schneider die Details der Tat. Roman beschreibt, wie er das Opfer gemeinsam mit Deniz E. mit einem Baseballschläger und Fäusten so lange geschlagen haben, bis der Junge röchelnd am Boden lag. Wie Sessen zugeschaut und geweint habe. Wie Deniz auf Yvans Kopf gesprungen sei und dieser schließlich aufgehört habe zu röcheln. Wie er mit Deniz und Kajeta M. die Leiche abtransportiert und schließlich zerstückelt habe.

Weinend verlässt Pierre Schneider zusammen mit seiner Frau den Gerichtssaal.

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