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Zivilcourage: "Das hätte ins Auge gehen können"

In München zeigt ein Mann Zivilcourage und wird dafür totgeprügelt. Und alle schauen weg. Kein Einzelfall. In Hamburg schlägt ein Mann eine Frau. Und niemand hilft. Nur stern-Autorin Kerstin Herrnkind riskierte es. Nochmal würde sie es allerdings kaum tun.

Von Kerstin Herrnkind

Es war noch hell draußen. Und sehr warm. Ich kam aus dem Büro, fuhr mit der U-Bahn nach Hause. Der Waggon war voll besetzt, einige Leute standen in den Gängen. Plötzlich, die U-Bahn fuhr gerade in den Bahnhof "Hamburg-Mundsburg" ein, stand ein junger Mann von seinem Sitz auf. Er war vielleicht 17, 18 Jahre alt, groß und kräftig. Er schrie: "Du alte Schlampe", holte mit der Hand aus und schlug einer jungen Frau, die ihm gegenüber saß, mit einer solchen Wucht ins Gesicht, dass ihr Kopf an die Scheibe flog. Das Mädchen schrie. Der Typ lachte. Niemand im Waggon sagte ein Wort. Die Fahrgäste, darunter viele Männer, die dem Typen hätten Paroli bieten können, sahen verschämt zur Seite oder auf den Boden.

Ich holte tief Luft, spürte, wie mein Herz schneller schlug. Ich glaube, ich stammelte noch etwas wie: "Äh, also..." Doch die Türen öffneten sich, die Leute drängten nach draußen, konnten kaum erwarten, der Situation zu entfliehen. Der Täter ging, begleitet von zwei anderen Typen, seelenruhig zur Treppe Richtung Ausgang. Die junge Frau hatte ich aus den Augen verloren. Ich zückte mein Handy und rief noch beim Aussteigen die Polizei. Plötzlich drehten sich der Täter und seine beiden Freunde um. Sie hatten offenbar mitbekommen, dass ich die Polizei rief. Der Täter machte sich aus dem Staub, lief die Treppe hinunter. Sein Freund kam zurück, direkt auf mich zu. Mein Herz raste. Ich spürte, wie meine Hände schweißnass wurden. "Du rufst jetzt nicht die Polizei", schrie mich der Typ an und riss mir das Handy aus der Hand.

"Her mit dem Handy", schrie er

Passanten eilten vorbei, keiner blieb stehen. In diesem Moment explodierte etwas in mir. Ich kochte. Kochte plötzlich vor Wut. Eine rasende Wut, die wie eine gewaltige Welle durch meinen Körper schwappte und die Angst innerhalb von Sekunden wegspülte. Was bildete dieser Knilch sich eigentlich ein? "Du gibst mir sofort mein Handy zurück", schrie ich und riss dem Typen das Handy wieder aus der Hand. Der Freund des Schlägers, er war bestimmt zwei Köpfe größer als ich, sah mich verdattert an. Dass eine kleine, zierliche Frau so wütend werden konnte, brachte ihn offenbar aus der Fassung. Doch nach einer Schrecksekunde hatte er sich wieder gefangen. "Her mit dem Handy", schrie er und nahm mir das Telefon wieder ab. "Das ist mein Handy", schrie ich und ging einen Schritt auf den Typen zu, so dass er zurückwich. Ich riss das Telefon wieder an mich.

Der Typ sah sich um. Seine Freunde waren verschwunden. Plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, drehte er sich um und lief seinen Freunden hinterher. Ich atmete durch. Einmal, zweimal und rannte die Treppe hinunter zum Ausgang. Nicht, um die drei Typen zu verfolgen. Gleich neben der U-Bahn-Station ist die Polizeiwache. Unten in der Halle stand das Mädchen, tränenüberströmt. "Ich hab’ schon die Polizei geholt", rief ich ihr zu. "Kanntest Du den Typen?" Das Mädchen sah mich mit verheulten Augen an und schüttelte den Kopf. Ich rannte in die Wache, wiederholte dort, was geschehen war. Zwei Beamte machten sich sofort mit einem Zivilwagen auf den Weg, fuhren mit mir die Straßen um die "Mundsburg" ab.

"Mutig, mutig, aber riskant"

Doch die Täter schienen verschwunden. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war ich völlig fertig. Aufgelöst saß ich auf dem Sofa eines guten Freundes, der glücklicherweise mein direkter Nachbar war. In der Hand zitterte das Glas Rotwein. Die Angst, die der Adrenalinspiegel die ganze Zeit über in Schach gehalten hatte, brach durch. Und auch die Fassungslosigkeit darüber, dass niemand geholfen hatte. An Schlaf war nicht zu denken. Allmählich dämmerte mir, was alles hätte passieren können... Wenn der Schläger zurückgekommen wäre... Sein Freund ein Messer gezückt hätte... Ein paar Monate später schickte mir die Kripo eine Vorladung. Die Polizei hatte die Täter tatsächlich geschnappt. Meine Aussage wurde gebraucht. Der Kripobeamte nickte anerkennend. "Ganz schön mutig", sagte er. "Aber auch gefährlich. Was hätten Sie denn gemacht, wenn der ein Messer gezogen hätte?" Ich zuckte mit den Achseln. In dem Moment, als der Typ vor mir stand, habe ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht. Dieser Gefühlscocktail aus Angst, die in Wut umgeschlagen war, hatte das Kommando im Kopf übernommen, mir diktiert, was ich tun sollte.

Der Kripobeamte meinte, er würde dem Freund des Schlägers "noch einen versuchten Raub reinknallen." Kurz darauf bekam ich den Anruf einer Staatsanwältin. Sie ermittelte gegen den Typen, der versucht hatte, mir das Handy abzunehmen. Wieder erzählte ich meine Geschichte. Auch sie sagte: "Mutig, mutig, aber riskant." Einen versuchten Raub, könne sie nicht erkennen, meinte die Staatsanwältin noch. Und stellte das Verfahren ein. Der Schläger allerdings, wurde angeklagt. Er saß zusammengesunken auf der Anklagebank. Das Mädchen war mit ihrem Vater gekommen. Ich machte meine Aussage. Auch der Richter zeigte sich beeindruckt. Doch auch er meinte: "Das hätte aber auch ins Auge gehen können." Ich verließ den Gerichtssaal. Zu welcher Strafe der Schläger verurteilt wurde, weiß ich nicht. Ob ich es wieder tun würde? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht.

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