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Zivilcourage: "Du machst mir keine Angst"

Sie zögerte keinen Moment, als sie sah, dass ein Mann zusammengeschlagen wurde und Hilfe brauchte: Irene Durukan aus Bad Aibling stürzte sich auf die Täter und zeigte damit Zivilcourage. In welcher Gefahr sie selbst war, wurde ihr erst viel später bewusst.

Von Frauke Hunfeld

Sie hat überhaupt nicht nachgedacht. Nicht abgewogen, nicht gezögert, in dieser Mainacht vor zwei Jahren. Sie lag im Bett, und da war dieses Getrappel, diese vielen Schritte in der Nacht, diese Ahnung eines Keuchens, dieses Gefühls von Todesangst. Anders als sonst. Anders als das angetrunkene Gegröle und die schweren Schritte, die die Heimkehr von Feiernden manchmal begleiteten. Sie sah aus dem Fenster, und sie konnte wenig erkennen, einer lief die Straße hoch und viele folgten ihm, nichts Genaues war klar. Aber die Luft aufgeladen mit Aggression und die 46-jährige Bürokauffrau Irene Durukan aus Bad Aibling, Mutter von zwei Kindern, dachte nur einen Satz: "Hetzjagd. Du musst jetzt da runter."

Sie traten, sie schlugen, sie johlten

Sie trug ein rosa Batikshirt als Nachthemd, der Lebensgefährte schlief fest, das Handy war aus. Sie sollte sich schonen nach einer vorangegangenen Operation und tat genau das Gegenteil. So wie sie war, rannte sie hinunter, ihr Herz klopfte, aber vor Wut. Unten auf der Straße sah sie die Jugendlichen, ein Kreis um einen blutüberströmten Mann. Sie traten, sie schlugen, sie johlten.

Irene Durukan tat alles, wovor die Kriminalpolizei warnt. Schreiend stürzte sie sich auf den Haupt- Täter, außer sich vor Empörung, sie zerrte ihm am Arm, brüllte ihn nieder. Und das Seltsame geschah: Verdattert blickten die Jugendlichen sie an. Eine gerade mal 1,65 Meter große Furie im rosa Batikshirt mit wirrem Haar, Plastiksandalen an den Füßen, die ihre Mutter hätte sein können und ganz offensichtlich keinerlei Respekt oder Angst hatte, nicht vor ihrer Stärke, nicht vor ihrer Zahl. Sie hielten inne. Sie ließen ab von ihrem blutüberströmten Opfer. Sie sahen sich an. Dann begannen sie den geordneten Rückzug - einer fing an, die anderen taten es nach, sie gingen ein paar Schritte rückwärts und versuchten dann, so lässig wie möglich in der Nacht zu verschwinden.

"Du machst mir keine Angst"

Das Opfer, ein 26-jähriger Eishockey-Spieler, kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Die Ermittlungen liefen schleppend. Wochen später sah Irene Durukan den Haupttäter in ihrer kleinen Stadt. Er wohnte gar nicht mal so weit weg von ihrem Haus. Sie ging ihm nach und zeigte ihn an. Bis zur Verhandlung vergingen Wochen. Der Täter brachte sich in ihre Nähe, fuhr ihr nach, drehte die Musik in seinem Auto auf. Irene Durukan sagt: "Ich hab ihm immer in die Augen geguckt. Du machst mir keine Angst, hab ich gedacht, du nicht." Irgendwann ließ er sie in Ruhe.

Irene Durukan ist vor Jahren selbst einmal überfallen worden. Es gab einen Mann, der das sah. Er schaute zu und half ihr nicht. "Ich finde es toll, was Herr Brunner (Anm. Opfer einer Gewalttat in München) getan hat", sagt Durukan. Aber sie hat auch gedacht: Ich habe Glück gehabt. Echt Glück. In einer ähnlichen Situation würde sie trotzdem wieder so handeln. "Ich verstehe Menschen, die nicht helfen, weil sie Angst haben" sagt sie. "Aber auch mit dieser Entscheidung müssen sie dann weiterleben."

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