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Zwangsehe und "Ehrenmord": Auf der Flucht vor der Familie

In Hamburg hat der "Ehrenmord"-Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der 16-jährigen Morsal O. begonnen. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die scheinbar ausweglose Notlage, in der sich viele, vor allem muslimische Frauen in Deutschland befinden - und auf jene, deren Ziel es ist, die Frauen zu retten.

Von Thomas Krause

Als Leila* ihre Entscheidung endgültig gefällt hatte, wusste sie genau, was zu tun war. Sie sagte zu ihren Eltern "Ich bringe den Müll runter!" Dann zog sie die Tür der elterlichen Wohnung hinter sich zu und verließ Stuttgart. Einen Tag später wäre sie nach islamischem Ritus verheiratet worden - mit einem Mann, den sie kaum kannte.

Drei Monate nach der Flucht sitzt Leila in einem altehrwürdigen Café im Berliner Westen. Kellner in dunklen Hosen und weißen Schürzen, werfen Tischdecken über dunkle Holztische, Teller klappern, noch sind nicht viele Gäste hier. Mit leiser Stimme berichtet Leila, wie sie der Ehe entronnen ist. "Dass der Tag meiner Zwangsheirat kommen würde, wusste ich schon, seit ich 16 war. Und schon damals bin ich weggelaufen". Das sei ihre einzige Chance gewesen, sagt die dunkelhaarige Frau. Doch bei ihrem ersten Versuch beging sie einen groben Fehler: Sie blieb in ihrer Heimatstadt, dort, wo viele Freunde und Verwandte lebten, alles Menschen, die sie kannten und erkennen konnten, Menschen, die der Familie ihre neue Adresse verraten konnten. "Ich dachte damals, es würde auch so gehen", sagt Leila. Es ging nicht. Irgendwann stand die Familie vor der Tür und zwang sie, wieder nach Hause zurückzukommen. Leila kam nicht raus, kam nicht los. Und alles wurde nur noch schlimmer.

Tödliche Enge: Der Mord an Morsal O.

Wie schlimm es im äußersten Fall für Mädchen und junge Frauen werden kann, zeigte Mitte Mai dieses Jahres die Ermordung der 16-jährigen Morsal O. in Hamburg. Es war mutmaßlich wieder ein Fall eines so genannten "Ehrenmords", eine jener Bluttaten also, die tatsächlich nichts mit Ehre und viel mit Mord zu tun haben und zumeist in muslimischen Milieus begangen werden. Die Familie Morsal O.s, die bis heute bestreitet, die Tat gebilligt zu haben, hatte sich mit dem vermeintlich modernen Lebensstil des Mädchen nicht abfinden können, sie gegängelt und geschlagen. Zwischenzeitlich hatte die Polizei Morsal O. in eine Jugendhilfe-Noteinrichtung gebracht. Aber auch sie kam von der Familie nicht los, musste, wollte zurück. Am 15. Mai starb sie auf einem Parkplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg. Über 20 Mal hatte der Täter ihr ein Messer in den Leib gerammt. Einen Tag nach der Bluttat nahm die Polizei Morsal O.s Bruder Ahmad als mutmaßlichen Täter fest. Am Dienstag wird vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gegen ihn eröffnet. Der Fall wirft erneut ein grelles Licht auf die scheinbar ausweglose Notsituation, der sich viele, vor allem muslimische, Frauen in Deutschland befinden. Und er wirft Fragen auf: Etwa die, wie diese Verbrechen verhindert werden können - und wer den potenziellen Opfern wie zur Flucht aus einer scheinbar ausweglosen Lage verhelfen kann.

Auch Leilas Situation war ernst. Sie war 25, und die Eltern hatten einen Ehemann für sie gefunden. Dem gefiel es nicht, dass Leila versuchte, auf eigenen Beinen zu stehen, dass sie eine berufliche Ausbildung anstrebte. Deshalb wurde ihr selbst bestimmtes Leben demontiert: Kurz vor der Prüfung zur Fremdsprachensekretärin meldeten die Eltern Leila von der Schule ab, auf ihren Studienplatz musste sie verzichten. Sie vermutet, dass das nur ein Vorgeschmack dessen war, was sie in der Ehe erwartet hätte. "Nach einer islamischen Hochzeit gehöre ich praktisch meinem Mann", sagt Leila. Als sie sich gegen die geplante Heirat sperrte, eskalierte der Konflikt mit der Familie. Ihr Bruder sei zu ihr gekommen, berichtet sie, mit einem Küchenmesser in der Hand. Die Klinge habe er ihr an den Hals gesetzt - und ihr so unmissverständlich damit gedroht sie umzubringen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stand für Leila fest, dass es keine Alternative zur Flucht gab. "Mein Leben hing ja davon ab", berichtet sie.

Mit dem Auto aus Berlin herausgeschmuggelt

Und, anders als Morsal O., hatte Leila Glück. Sie wandte sich an den Berliner Verein "Hatun und Can e.V." - und erhielt Hilfe. Der Verein unterstützt Frauen dabei, vor einer Zwangsheirat oder aus einer von Gewalt geprägten Ehe zu fliehen. Pragmatisch und schnell. Dabei gehe es zunächst darum, die Frauen aus ihrer akuten Notsituation zu retten, erläutert Pressersprecherin Mareen Schröder. Konkret heißt das: Sie müssen außer Reichweite ihrer Familien gebracht werden, 300 Kilometer sind das Mindeste an Distanz, lautet die Faustregel. Leila wurde von Stuttgart nach Berlin gebracht. Wäre die Flucht nicht gelungen, vermutet sie, säße sie nun schon mit Kopftuch in einer Wohnung und würde ihr erstes Kind erwarten, vermutet sie. Im besten Fall.

Wie schwierig es bisweilen sein kann, junge Mädchen und Frauen den Fängen der Familie zu entwinden, davon kann Schröder ein Lied singen. Einmal, berichtet sie, hätten Mitarbeiter von "Hatun und Can" zwei Mädchen heimlich im Auto aus Berlin herausschmuggeln müssen. Herausschmuggeln? Aus einer Millionenstadt? Anders wäre wäre das nicht gegangen, behauptet sie. Die Familien der Mädchen seien in der Stadt so weit verzweigt gewesen, dass sie Bahnhöfe und auch den Busbahnhof hätten überwachen können.

Eine neue Perspektive aufbauen

Flieht eine Frau nach Berlin, nehmen Mitarbeiter von "Hatun und Can" sie an einem öffentlichen Treffpunkt in Empfang. Die ersten Tage verbringen sie zumeist in einer betreuten Jugendwohnung. "Unsere Erfahrung ist aber, dass deren Mitarbeiter leider selten auf unsere Klientel geschult werden", berichtet Schröder. Dann gilt es, den Frauen Schritt für Schritt zu helfen, ein neues Leben fern der Familie aufzubauen. Zunächst muss der Verein für eine dauerhafte Unterbringung sorgen. "Entweder finden wir eine Wohnung auf dem freien Markt oder die Frauen ziehen in eine unserer Schutzwohnungen", sagt Schröder. Letzteres hat gleich mehrere Vorteile: Zum einen wohnen hier meist mehrere Frauen in einer Wohngemeinschaft zusammen, sodass sie in der neuen Umgebung schneller Kontakt bekommen und mit jemandem reden können, der ihre Situation versteht. Zum anderen lassen sich die Frauen so einfacher vor ihren Familien schützen. "Ganz wichtig ist zudem eine Auskunftssperre beim Einwohnermelde-Amt, weil die Eltern die Frauen ansonsten ganz leicht finden könnten", sagt Schröder.

Auch bei der Vermittlung einer neuen Krankenversicherung helfen die Mitarbeiter von "Hatun und Can". Das ist zumeist notwendig, weil viele der Klientinnen noch familienversichert sind. Wichtig ist zudem, dass die Helfer die Frauen dabei unterstützen, in Schule, Ausbildung oder Job wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Eine berufliche Perspektive am neuen Wohnort ist ein entscheidender Faktor für eine nachhaltige Loslösung von der Familie. Mareen Schröder und ihre Kolleginnen unterstützen die Geflohenen deshalb dabei, einen neuen Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz zu finden. Der Bedarf für diese Art der Fluchthilfe ist gewaltig. Zwei bis drei Anfragen gefährdeter Frauen und Mädchen treffen täglich bei "Hatun und Can" ein. Über 170 Frauen konnten die Berliner nach eigener Auskunft bisher helfen.

"Aufs Übelste zusammengeschlagen"

Wie wichtig eine vernünftige Zukunftsaussicht für junge Frauen ist, die aus quälenden Familienstrukturen ausbrechen wollen, weiß auch Fatma Ogöcan*. Die 29-Jährige arbeitet im Hamburger Stadtteil St. Pauli für "Lâle" und "Ibera". Die Namen stehen für zwei Hilfsprojekte, die helfen sollen, Frauen aus familiären Notsituationen zu befreien. "Eine Perspektive zu haben, ist mit am wichtigsten", sagt Ogöcan. Sonst könnten sie allein schon finanziell gezwungen sein, zu ihren Familien zurückzukehren. Ogöcans berichtet von einer Studentin, die den Studienort wechseln musste, um Distanz zwischen sich und ihre Familie zu bringen. Weil sie umzog, wurde ihr das BaföG gestrichen, das Geld wurde knapp. Nach fünf Monaten, die sie in einem Frauenhaus gelebt hatte, kehrte sie zur Familie zurück. "Dass sie bei ihrer Rückkehr aufs Übelste zusammengeschlagen wurde, war das letzte, was wir von ihr gehört haben", sagt Ogöcan.

Ogöcan berichtet auch davon, wie schwierig es für sie ist, überhaupt in Kontakt mit zwangsverheiratete Frauen oder Mädchen in Notsituationen zu kommen. Oft gebe es Hinweise von Vertrauenslehrern an Schulen. Oder aber sie werde auf Frauen aufmerksam, die andere Angebote wie etwa Deutschkurse oder Unterstützung bei Behördengängen wahrnähmen. "Hellhörig werden wir, wenn eine Mutter uns bittet, wir mögen mit der Familienkasse verhandeln, weil sie kein Kindergeld bekäme", sagt Ogöcan. Das könne ein Zeichen dafür sein, dass der Mann das Kindergeld kassiert und seine Frau finanziell kurz hält, um sie unter Kontrolle zu halten. Körperliche Gewalt spiele dabei nicht immer eine Rolle. "Manche Männer drohen den Frauen, dass sie ihre Kinder nicht wiedersehen, wenn sie nicht gehorchen. Viele kennen die deutschen Gesetze nicht genau und lassen sich deswegen einschüchtern", sagt Ogöcan. Doch so etwas erfahren sie und ihre Mitarbeiterinnen meist nur durch vorsichtige Gespräche, die sie dank Sprachkenntnissen und Dolmetschern in der Muttersprache der Ratsuchenden führen können.

Ein Problem der Integration, nicht der Religion

"Die betroffenen Familien stammen oft aus Kriegsgebieten und haben nicht das Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein. Kommt dann noch die Angst vor Abschiebung hinzu, verstärken sich Isolation und Familienzusammenhalt", erklärt Ogöcan die Wagenburg-Mentalität vieler Familien, die für viele Frauen zu einem gefährlichen Gefängnis wird.

In Deutschland sind dabei bisher vor allem Musliminnen im Namen der vermeintlichen Familienehre misshandelt oder getötet worden. Spätestens der Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 in Berlin löste eine bundesweite Debatte über die so genannten Ehrenmorde und die Unterdrückung muslimischer Frauen aus. Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes sind die Taten allerdings kein religiöser, sondern ein patriarchalischer Exzess. Eine Einschätzung, die die Hamburger Beraterinnen teilen: Erzwungene Ehen oder so genannte Ehrenmorde seien kein religiöses Problem, sondern Fälle von missglückter Integration, finden sie.

Dass der Bedarf an Hilfe stetig wächst, belegt auch die Statistik des Hamburger Projekts "Lâle". Allein im ersten Jahr des Bestehens zwischen Mai 2007 und Mai 2008 baten hier 176 Frauen um Hilfe. Die Beratungszeit musste verdoppelt werden. Dass bisweilen aber selbst gut gemeinte Hilfsansätze versagen, zeigt der Fall Morsal O. eindringlich. Als das Mädchen ermordet wurde, war es ihren Betreuern gerade gelungen, eine Wohnung und einen Praktikumsplatz außerhalb Hamburgs für sie zu finden.

*Namen geändert