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Zweijähriger erschießt Mutter in Idaho: Ein erschütternd gewöhnlicher Fall

Ein Zweijähriger greift in die Tasche seiner Mutter und findet statt Spielzeug eine geladene Waffe. Kurz darauf ist er Halbwaise. Der Vorfall im US-Staat Idaho ist vor allem eins: erschütternd banal.

Der Tod einer Mutter, die versehentlich von ihrem zweijährigen Sohn erschossen wurde, ist in vielen US-Medien lediglich eine Randnotiz

Der Tod einer Mutter, die versehentlich von ihrem zweijährigen Sohn erschossen wurde, ist in vielen US-Medien lediglich eine Randnotiz

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine junge Mutter in den USA geht mit ihrem kleinen Sohn im Wal-Mart einkaufen. Der Kleine sitzt im Einkaufswagen, langweilt sich, greift in die Handtasche der Mutter, sucht vermutlich etwas zum Spielen. Doch zu fassen bekommt er eine Schusswaffe. Irgendwie löst sich die Sicherung der Waffe, ein Schuss fällt, die Mutter bricht zusammen, stirbt wenig später noch im Supermarkt. Die Polizei spricht von einem tragischen Unfall - die kleine Halbwaise ist zwei Jahre alt.  

Es ist eine sehr amerikanische Geschichte, die sich in Hayden - einem kleinen Nest im "Kartoffelstaat" Idaho, unweit der kanadischen Grenze - abspielt. Die Einzelheiten seien "erschütternd gewöhnlich", kommentiert die "New York Times" mit kritischem Unterton. Tatsächlich ist es längst nicht der erste Vorfall, bei dem Kinder mit einer Waffe den Tod bringen.

Erst im Sommer hantiert eine Neunjährige auf einem Schießstand mit einer Maschinenpistole - die Kleine kann die schwere Waffe nicht unter Kontrolle halten, ein Ausbilder stirbt. Wenige Monate zuvor findet eine Vierjährige in Detroit ein ungesichertes Gewehr unter einem Bett - diesmal stirbt der gleichaltrige Cousin. Die Liste lässt sich fortsetzten.

Waffen tragen? Völlig normal

Was irritiert: Große, landesweite Schlagzeilen macht der Unfall in Idaho nicht. Noch sind die großen TV-Sender mit dem Flugzeugabsturz in Asien beschäftigt oder wenden sich dem aufziehenden Streit zwischen Kongress und Weißen Haus in Washington zu. Das Land, in dem Pistolen, Sturmgewehre und Revolver zumeist frei und ohne größeren Aufwand zu kaufen sind, in dem der Waffenbesitz zum verbrieften Recht der Bürger gehört, hat sich längst an die tägliche Nachrichten über Schusswaffenopfer gewöhnt. Auch für die örtliche Polizei in Hayden ist der Vorfall nur eine kurze Mitteilung wert. Gerade mal elf Zeilen ist das Statement von Sheriff Ben Wolfinger lang. Der entscheidende Satz: "Die Schüsse sind offenbar ein Unfall." 

Die 29 Jahre alte Mutter habe eine Genehmigung besessen, auch verborgene Waffen zu tragen, heißt es. Im Klartext bedeutet das: Es liegt kein Verbrechen vor, rechtlich ist alles in Ordnung, die Polizei braucht nicht zu größer zu ermitteln, der Fall kommt zu den Akten. Der Supermarkt bleibt für einen Tag geschlossen. "Wahrscheinlich ist ihm nicht einmal bewusst, was passiert ist", meint ein Ermittler mit Blick auf den kleinen Halbwaisen. Dass jemand in dieser ländlichen Gegend Waffen trägt, sei völlig normal, fügt der Polizist hinzu.

Kampf gegen Windmühlen

Es muss schon mehr Opfer geben, es müssen schon spektakulärere Vorfälle geschehen, um die Amerikaner zu erschüttern. Als vor zwei Jahren in Newtown im Staate Connecticut ein Amokläufer 20 Schulkinder und sechs Erwachsene erschoss - da schien Amerika eine kurze Zeit erschüttert. Sogar der Präsident äußerte sich damals zerknirscht.

Barack Obama versprach, für strengere Waffengesetze zu sorgen. Nichts sei wichtiger als die Sicherheit und das Leben der Kinder. Wenigstens die schlimmsten Waffen sollten vom Markt, wenigstens sollte nicht länger jedermann halbautomatische Sturmgewehre kaufen können.

Doch auch die von Obama initiierte Mini-Reform ging innerhalb von Wochen sang- und klanglos im Parlamentsgetriebe unter. Es waren auch Demokraten aus dem Regierungslager, die sich der Macht der Waffenlobby beugten. Seit dem vorweihnachtlichen Amoklauf in Newtown 2012 vermochte kein Tod mit Schusswaffen die Debatte über strengere Waffengesetze anzuheizen. Auch die Todesschüsse des Zweijährigen auf seine Mutter dürften daran kaum etwas ändern

Peer Meinert, DPA / DPA
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