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Zweijähriger gestorben: Suche nach Mitschuldigen an Tod von Mutter und Kind

Eine junge Mutter stirbt in ihrer Wohnung. Ihr kleiner Sohn bleibt allein zurück. Schließlich werden die Leichen der beiden gefunden. Nach der grausigen Entdeckung sind viele Fragen offen.

Ruhig und wie verlassen liegt das gelb-rote Backsteinhaus an der Ecke einer viel befahrenen Straße in der Sonne. Ein schmaler Weg führt auf einen hübsch begrünten Hof im gutbürgerlichen Leipziger Stadtviertel Gohlis mit seinen sanierten Gründerzeithäusern. Dort leben viele Familien. Nichts verrät mehr, welches Drama sich in der Wohnung im Erdgeschoss mit Blick auf den Hof abgespielt hat. Hinter den mit Bettlaken verhängten Fenstern starb ein kleiner Junge qualvoll. Tagelang war er hilflos mit seiner toten Mutter in der Wohnung - bis er vermutlich verdurstete.

Erst am vorigen Wochenende riefen Nachbarn die Polizei. Den Beamten bot sich eine grausiges Bild, als sie die Leichen der 26-jährigen Frau und ihres zweijährigen Sohnes fanden. Wenige Tage danach bleiben Fragen über Fragen. Warum wurden Nachbarn erst aufmerksam, als Verwesungsgeruch aus der Wohnung drang? Hörte niemand die Schreie des kleinen Jungen?

An diesem Freitag sind die Haustüren des mächtigen mehrstöckigen Gebäudes an einer verkehrsreichen Straße im nördlichen Leipzig verschlossen. Niemand lässt sich sehen. Die Angestellte einer Textilreinigung gibt sich zugeknöpft. "Ich kann und ich will dazu nichts sagen", meint sie nur kurz.

Die Öffentlichkeit wurde erst Tage nach Entdeckung der Leichen informiert

Die Öffentlichkeit erfuhr von dem dramatischen Geschehen erst Tage, nachdem die Mutter und ihr Sohn entdeckt wurden. Es gab einen dürren Vermerk in einer Pressemitteilung der Polizei. Auf vier Seiten berichtet diese erst über eine "Komplexkontrolle zur Zurückdrängung der Eigentums- und Betäubungsmittelkriminalität", dann über Auto-Diebstähle und Fahrradunfälle - und ganz unten heißt es dann: "Zwei Tote in Wohnung".

Auch am Freitag geben sich Polizei und Staatsanwaltschaft zurückhaltend. Nein, die genauen Todesursachen von Mutter und Sohn sind noch nicht bekannt. Es bedürfe noch vieler Untersuchungen, sagt Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz. "Es kann noch sehr lange dauern, bis dieser Fall aufgeklärt ist." Ob die drogensüchtige Frau an multiplem Organversagen starb, wie Medien berichteten, wollte Schulz vorerst nicht bestätigen. Ob der Kleine verdurstet sei, sei auch noch nicht endgültig geklärt. Nur eines sei klar: Es habe hier keine Gewalttat gegeben. Auch wie lange die Toten schon in der Wohnung lagen, bevor sie gefunden wurden, konnte Schulz noch nicht sagen.

Mutter und Kind machten gesundheitlich guten Eindruck

Die 26-Jährige, die dem Jugendamt seit ihrem 16. Lebensjahr wegen ihres Drogenkonsums bekannt war, wurde vom Allgemeinen Sozialen Dienst ASD der Stadt seit 2009 betreut. Nach der Geburt ihres Sohnes zog die gelernte Bürokauffrau mit ihm in eine Mutter-Kind-Einrichtung und unterzog sich 2010 einer Drogentherapie, sagt die ASD-Chefin Sibyll Radig. 2011 schloss das Amt einen sogenannten Kontrollvertrag mit ihr. Sie verpflichtete sich unter anderem, an einer Drogentherapie teilzunehmen - und hielt den Vertrag ein. "Es gab keine Hinweise auf die Verletzung des Kindeswohls", sagt Jugendamtsleiter Siegfried Haller.

Den letzten Kontakt gab es am 10. April 2012. Und danach? Es habe keinen Anlass für Besuche durch den ASD gegeben, sagt Haller. Am 10. April machten Mutter und Kind gesundheitlich und auch sonst einen guten Eindruck, wie Haller und seine Mitarbeiterin betonen.

Und doch sind die Frau und ihr Sohn jetzt tot. "Wir können nicht einschätzen, was in der Wohnung passiert ist", sagt der Jugendamts-Chef. Mit den jetzigen Erkenntnissen könne die Lücke zwischen dem letzten Kontakt und dem tragischen Tod der beiden nicht geschlossen werden. Also keine Versäumnisse beim Amt? Nach den ersten Recherchen nicht, sagt Haller und verspricht genaue Prüfung. Er habe schließlich erst am Donnerstagabend aus dem Internet - und nicht von der Polizei - von dem Drama erfahren.

Gitta Keil/DPA / DPA
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