Zwölf Jahre für "Bombenleger von Viernheim" "Sie sind eine gefährliche Person"


Der sogenannte Bombenleger von Viernheim muss zwölf Jahre in Haft. Am sechsten Verhandlungstag verurteilte das Landgericht Darmstadt den 45-Jährigen am Montag wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen Waffengesetze.

Zwölf Jahre Gefängnis für Sprengstoffanschläge auf zwei Wohnhäuser: Das Landgericht Darmstadt hat am Montag das Urteil gegen den Bombenleger Jürgen K. aus Viernheim gefällt. Der 45 Jahre alte Handwerker hatte im August vergangenen Jahres Schäden in fünfstelliger Höhe angerichtet und zwei Menschen verletzt. Die Tat sei "so unstreitig wie unfassbar", sagte der Vorsitzende Richter Volker Wagner.

Unfassbar sei schon die Tatsache, dass sich ein Privatmann an derartiges Waffenarsenal anlegen konnte. Nach den beiden Anschlägen hatte sich K. fast 28 Stunden lang in seiner Wohnung verbarrikadiert. Bei der Festnahme am 20. August beschlagnahmte die Polizei etliche Gewehre und Handgranaten sowie kiloweise Sprengstoff und rund 15.000 Schuss Munition. Der Handwerker war früher Wachmann eines US-Munitionslagers in Viernheim. 1987 und 1991 war er bereits wegen Straftaten gegen das Sprengstoffgesetz verurteilt worden.

In den Wohnhäusern in Weinheim und Viernheim hatte er Aufträge als Gas- und Wasserinstallateur ausgeführt. Dass die Familien die Rechnungen wegen Beanstandungen nur teilweise bezahlt hatten, war nach Ansicht des Richters nur ein Auslöser für die Tat.

"Sie sind eine gefährliche Person. Sie haben einfach mal den Dicken machen wollen", sagte der Vorsitzende Richter Volker Wagner in seiner knapp einstündigen Urteilsbegründung. Jürgen K. habe seine Opfer ihre Ohnmacht spüren und wie Marionetten tanzen lassen wollen.

Er habe aber nicht Todesopfer billigend in Kauf genommen; deshalb kam für das Gericht eine Verurteilung wegen versuchten Mordes nicht infrage. Die Staatsanwaltschaft hatte diesen Anklagevorwurf fallenlassen und 13 Jahre Haft wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in zwei Fällen gefordert.

Das Vorgehen des Täters bezeichnete der Richter als naiv. Er habe sich eingebildet, alles im Griff zu haben, in Wirklichkeit sei ihm die Kontrolle vollkommen entglitten. Eine Analyse habe ergeben, dass K. im Umgang mit Waffen lediglich über ein "gefährliches Halbwissen" verfüge. Hätte bei seinem ersten Anschlag nicht ein Zünder versagt, wäre er hier mit großer Sicherheit selbst mit in die Luft geflogen.

Ein Kilo TNT sollte explodieren

Der geschiedene und allein lebende Handwerker war am 19. August 2009 mit Tarnkleidung und Gasmaske ausgerüstet mit dem Auto nach Weinheim (Baden-Württemberg) gefahren. Dort ließ er gegen 05.00 Uhr auf einem Balkon eines Mehrfamilienhauses eine Handgranate explodieren und zündete eine Reizgas-Granate. Er versuchte vergeblich, auch noch ein Kilogramm Sprengstoff TNT zur Explosion zu bringen. Die Bewohner waren nicht zu Hause.

Kurz nach 06.00 Uhr verübte er Anschläge auf ein Einfamilienhaus in Viernheim, während die vierköpfige Familie zu Hause war. Dabei setzte er 400 bis 500 Gramm hochwirksamen Sprengstoff ein und zündete eine Reizgas-Granate; außerdem schoss er mit einer automatischen Waffe unter anderem auf das Auto der Familie. Bei der Flucht schlug der 32-jährige Familienvater eine Fensterscheibe ein und erlitt Schnittwunden an der Hand. Die Frau sowie die Kinder im Alter von sieben und neun Jahren erlitten einen Schock.

Um 06.53 Uhr rief der Täter die Polizei in Darmstadt an und forderte, dass sich die Einsatzkräfte aus seinem Sichtbereich zurückziehen. Er habe in seiner Wohnung erhebliche Mengen Sprengstoff deponiert und sei bereit, diesen auch hochgehen zu lassen. Die Polizei evakuierte die Umgebung. Die Bewohner und Geschäftsleute konnten erst zwei Tage später zurückkehren. Am 20. August um 10 Uhr gab der Bombenleger auf und stellte sich mit erhobenen Händen der Polizei.

Der beim Anschlag verletzte Mann sagte nach der Urteilsverkündung, er könne nicht verstehen, dass der Angeklagte nicht wegen Mordversuchs verurteilt werde. "Das Schlimmste: Er hat nie auch nur den Versuch gewagt, sich zu entschuldigen", beklagte.

Benjamin Wünsch, APN/DPA DPA

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