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Online-Händler Süchtig nach Amazon – von der Hassliebe zur "bösen Firma"

Pakete liegen in einem Logistikzentrum des Versandhändlers Amazon auf einem Wagen
Pakete liegen in einem Logistikzentrum des Versandhändlers Amazon auf einem Wagen
© Rolf Vennenbernd / DPA
Bei Amazon zu kaufen, ist politisch fragwürdig. Trotzdem komme ich nicht von dem Internethändler los. Nicht nur, weil es bequem ist. 

Ich schreibe diesen Text wohlwissend, dass er einen Shitstorm auslösen könnte. Womöglich nicht mal zu Unrecht. Aber ich muss dieses Geständnis jetzt einfach mal loswerden: Mein Mann nennt Amazon "eine böse Firma" und will, dass wir nichts mehr dort bestellen. Er hat gute Argumente. Aber ich komme von Amazon einfach nicht los. Ich habe dazu beigetragen, dass der Umsatz von Amazon im letzten Corona-Jahr noch mal kräftig gestiegen ist – auf fast 30 Milliarden Euro allein in Deutschland. Trotzdem nutzt Amazon jedes Schlupfloch, um so gut wie keine Steuern zu zahlen. Schweinerei, keine Frage. Mit jedem Kauf unterstütze ich das. Ich schäme mich dafür. Und weiß doch, dass ich wieder bei Amazon kaufen werde.  

Gerade ist Amazon-Prime-Day. Zwei Tage Schnäppchenjagd. Amazon-Beschäftigte streiken. Verdi hat dazu aufgerufen. Die Gewerkschaft kämpft seit Jahren dafür, dass die Beschäftigten einen Tarifvertrag bekommen und besser bezahlt werden. Amazon hält dagegen, rühmt sich mit seiner angeblich "exzellenten Bezahlung". An solchen Prime-Tagen klingelt die Amazon-Kasse. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen, obwohl sie viel mehr arbeiten müssen, laut Verdi keinen Cent. Ich bin bei Euch, Leute. Aber ein Amazon-Boykott hilft nicht weiter. Im Gegenteil, er kostet Jobs. Amazon beschäftigt in Deutschland mittlerweile mehr als 20.000 Menschen. 

In den Geschäften wird man oft nicht fündig

Dass Amazon jeden Arbeitsschritt seiner Beschäftigten mittels Software überwacht hat, wie Ende 2020 aufflog, ist ungeheuerlich. Die niedersächsische Landesdatenschutzbeauftragte musste dem Amazon-Standort in Winsen erst verbieten, die Spionage-Software einzusetzen. Dort steht eines der modernsten Amazon-Zentren in Europa. Amazon hat angekündigt, dagegen zu klagen. Ich bin sicher, dass Jeff Bezos vor deutschen und auch vor europäischen Arbeitsgerichten scheitert. Einer Anhörung zu dem Thema im Europaparlament blieb Amazon fern. Unverschämt.

Nach solchen Meldungen beschleicht mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, dass ich noch bei Amazon kaufe. Und doch werde ich rückfällig. Weil Amazon bequem ist, ja. Aber auch, weil ich bei den Geschäften in der Großstadt, in der wir leben, oft nicht fündig werde.

Neulich wollte ich ein gebundenes Buch zum Geburtstag verschenken und den lokalen Buchhandel unterstützen. Der Titel war, obwohl aktuell, nicht vorrätig, hätte bestellt werden müssen. Aber ich war spät dran. Ein paar Klicks bei Amazon und das Buch wurde als Geschenk verpackt und pünktlich geliefert. 

Mein Mann hat seinen Account schon 2009 gekündigt. Damals war bekannt geworden, dass Amazon die Schriften der NPD verkaufte und daran verdiente. Amazon argumentierte, die NPD sei ja nicht verboten. Außerdem gebe es eine Nachfrage und die wolle man befriedigen. Nach dem öffentlichen Protest gab Amazon das "Partnerprogramm" mit der NPD auf. Und war viele Kunden los, darunter meinem Mann. 

Film in Hörsaal geliefert

Trotzdem wurde auch er einmal rückfällig. Er ist Dozent, brauchte einen Film, nicht nur über Nacht, sondern direkt in den Hörsaal, weil er die Dokumentation seinen Studierenden zeigen wollte. Kleinlaut kam er zu mir. Ob ich ihm nicht diesen Film bestellen könne. Amazon lieferte. Am nächsten Tag. In den Hörsaal. Die Vorlesung war gerettet.

Neulich ging unser Duschkopf kaputt. Im Baumarkt gab es nur "Industrieschrott", wie mein Mann es nennt. Also bestellte er im Netz bei einem Fachhändler. Wir warteten auf den Duschkopf. Tagelang. Der Duschkopf wurde nicht geliefert. Es lag nicht am Fachhändler, sondern an dem Versanddienstleister. Ich bestellte also bei Amazon. Das gleiche Modell. In der Zwischenzeit meldete sich der Versanddienstleister und versprach zu liefern. Ich stornierte die Bestellung bei Amazon. Der Duschkopf kam nicht. Das Paket war fehlgeleitet worden. Zweite Bestellung bei Amazon. Am nächsten Tag, es war ein Freitag, war der Duschkopf da. Der Versanddienstleister wollte am Montag liefern.

Online-Händler: Süchtig nach Amazon – von der Hassliebe zur "bösen Firma"

Mein erster Versuch, von Amazon loszukommen, liegt schon einige Jahre zurück. Ich hatte meine Bibliothek auf Ebook umgestellt und mir einen Reader gekauft. Einen politisch korrekten Reader, dessen Namen hier nicht nennen will. Problem war: Ich musste alle Bücher erst mal auf meinen Rechner laden und dann auf den Reader überspielen. Der Shop war leider auch nicht mit dem von Amazon zu vergleichen. Aber ich hatte der "bösen Firma" ja abgeschworen, mein Konto gelöscht. Auf dem Flur traf ich einen Kollegen. "Ich habe einen Kindl", sagte er. "Aber der ist doch von Amazon", gab ich pikiert zurück. "Aber wenn ich Bücher in fremder Sprache lese, tippe ich auf das Wort und kriege die Übersetzung. Und er speichert alles in einer Vokabelliste ab", antwortete er. Diese Funktion fehlte bei meinem Reader. Keine halbe Stunde später hatte ich einen Kindl bestellt und hing wieder am Shop von Amazon.

Inzwischen sind die Reader besser geworden, aber für mich führt kein Weg zurück. Ich besitze ein Prime-Abo, das mir eine Lieferung am nächsten Tag garantiert. Da kommt der lokale Handel nicht mit.

Ware in Geschäften nicht vorrätig – bei Amazon schon

In der letzten Woche wollte ich ihn wieder mal unterstützen. Hetzte in der Mittagspause in die Stadt, um eine Backform zu kaufen. Der Fachhändler einer bekannten Marke konnte mir diesen simplen Wunsch nicht erfüllen. Er hatte nicht eine einzige Form vorrätig. "Ich kann ihnen eine bestellen", sagte die Verkäuferin. Ich schüttelte den Kopf und dachte: Das kann ich selbst. Ich weiß, ich würde ihren Job sichern. Aber es ist leider nicht das erste Mal, dass ich mit besten Vorsätzen in ein lokales Geschäft gehe und die Ware nicht vorrätig ist. Und erst bestellt werden muss. Sorry, dazu fehlt mir die Zeit. Solange die Geschäfte vor Ort so schlecht sortiert sind, müssen sie sich nicht wundern, wenn die Kunden und Kundinnen ins Internet abwandern. Ich wurde dann in einem anderen Geschäft fündig.

Solche Markenprodukte kaufe ich nicht bei Amazon, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht Produktfälschungen angedreht kriegt. Unvergessen der Streit mit Birkenstock, der Schuhfabrikant bietet seit 2018 keine Treter mehr auf Amazon an. Weil Amazon gefakte Birkenstocks anbot, dafür kassierte und zu wenig gegen Produktpiraterie tat. Daher: Auch für mich ist Amazon die Ausnahme, lieber bestelle ich im Netz beim Fachhandel, aber ohne Amazon geht es halt auch nicht. Immer mit schlechtem Gewissen. Auch, weil es Berge von Müll produziert, da die Kartons transportiert und entsorgt werden müssen.

Ob ich etwas kaufen werde am Amazon-Prime-Day? Nein, ich brauche nichts. Im Moment jedenfalls nicht.  

rw

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