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Krieg in der Normandie: Unternehmen "Overlord" - der Sturm auf die Festung Europa

Im Juni 1944 sammelt sich ein gewaltiges Invasionsheer aus Briten, Amerikanern und Kanadiern in England, um Hitlers Wehrmacht in die Knie zu zwingen. Die Operation "Overlord" kann beginnen - die Landung in der Normandie.

Von Teja Fiedler / Mitarbeit: Sabine Fiedler

Touristen am Point du Hoc, einem der am härtesten umkämpften Küstenabschnitte während der Invasion der Alliierten in der Normandie.

Touristen am Point du Hoc, einem der am härtesten umkämpften Küstenabschnitte während der Invasion der Alliierten in der Normandie.

Picture Alliance

Als der Morgen graute, sah der 18-jährige Schütze Franz von seinem Maschinengewehr-Nest am Strand draußen auf dem Meer eine "schwarze Wand, die sich auf uns zu schob. Eine unübersehbare Flotte, wie zur Parade aufgefahren". Er hatte bis dahin noch nie einen Feind aus der Nähe gesehen. Doch er wusste: Das war sie, die Invasion! "Ich lag da und habe gebetet: Heilige Mutter Gottes, steh mir bei! Und gewartet, dass sie kommen." Erst dröhnten die Jagdbomber über die Küste und pflügten den Strand um.

Dann brüllte die Schiffsartillerie los. Um sieben Uhr folgten die Landungsboote. "Als die Soldaten heraussprangen, habe ich geschossen. Von der ersten und zweiten Welle hat es keiner an den Strand geschafft", erinnert sich Franz Gockel. Kurz darauf zertrümmerte eine Granate seinen Unterstand und sein MG. Er feuerte mit dem Karabiner weiter. "Wir haben uns erbittert gewehrt, wurden aber immer weniger." Von den 30 Mann in seinem "Widerstandsnest 62", davon fünf von der Artillerie, konnten sich am Abend nur noch drei verwundet zurückziehen.

Während Schütze Gockel in der Normandie um sein Leben kämpfte, schlief Hitler in seiner Alpenfestung bei Berchtesgaden. Und niemand wagte, ihn zu wecken. Obwohl über der französischen Atlantikküste kurz nach Mitternacht Tausende von Fallschirmjägern abgesprungen waren und seit dem Morgengrauen die größte Invasionsflotte aller Zeiten durch raue See und schweres deutsches Abwehrfeuer in der Normandie anlandete. "Gegenattacke, so schnell wie möglich, bevor der Feind sich festgesetzt hat!", bettelten die Kommandeure vor Ort. Doch Hitler hatte sich den Einsatzbefehl über die deutschen Panzerdivisionen in Frankreich persönlich vorbehalten. Und an diesem 6. Juni 1944 schlief er um zehn Uhr morgens noch. "Der Führer bekommt die Nachricht, wenn er gefrühstückt hat", beschied ein Flügeladjutant den erregten Rüstungsminister Albert Speer.

D-Day 1944: Die Landung in der Normandie knackte die "Festung Europa"
Omaha Beach  Es war ein kühler feuchter Morgen - der flache breite Strand war ideal für Landemanöver. Er bot aber auch freies Schussfeld.

Omaha Beach

Es war ein kühler feuchter Morgen - der flache breite Strand war ideal für Landemanöver. Er bot aber auch freies Schussfeld.

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Kein Fingerzeig der Vorsehung

Kein Fingerzeig der Vorsehung, die er stets auf seiner Seite glaubte, rüttelte Hitler rechtzeitig aus dem Schlaf. Dabei war dem selbst ernannten Feldherrn grundsätzlich klar, was eine Invasion der Alliierten in Frankreich bedeutete. "Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung! Gelingt dem Feind hier ein Einbruch in unsere Verteidigung in breiter Front, so sind die Folgen in kurzer Zeit unabsehbar", sagte Hitler im November 1943. "In einigen Stunden, höchstens Tagen" müsse der Angriff vereitelt werden, sonst sei es zu spät. Ganz ohne Zweifel werde in Frankreich die "Entscheidungsschlacht" des gesamten Weltkriegs geschlagen.

Der Countdown zum D-Day, dem Tag der Entscheidung, hatte ein knappes Jahr zuvor, am 28. Juni 1943, an der regengepeitschten schottischen Küste begonnen. Dort trafen sich im Hotel Hollywood der Kleinstadt Largs 80 britische und amerikanische Generäle. Sie legten fest, wo genau sie der Nazi-Macht mit vereinten Kräften in den Rücken fallen wollten. Die Straße von Calais, die schmalste Stelle des Ärmelkanals, oder die Steilküste der Normandie waren die Alternativen für die Operation "Overlord". Man entschied sich für die Normandie. Und war sich vom ersten Tag an bewusst, dass diese Entscheidung unter allen Umständen geheim bleiben musste.

Denn obwohl die Alliierten vorhatten, eine Streitmacht von mehr als einer Million Soldaten, 5000 Schiffen und 11 000 Flugzeugen gegen die "Festung Europa" loszuschicken, hing alles davon ab, dass die erste Angriffswelle Fuß fasste. 170 000 sollten allein am 6. Juni an Land gehen. Nur wenn die ersten Einheiten in der Normandie größere Strandabschnitte freikämpfen konnten, war diese Übermacht auch an Land zu bringen. Sollten die Deutschen in der Lage sein, mit den in Nordfrankreich vorhandenen Kräften massiert gegen die höchst verwundbaren ersten Landungstruppen vorzugehen, würden ihre Panzer diese Vorhut der Invasionsarmee ins Meer zurückwerfen. Dann wäre die "schwierigste und komplizierteste Operation, die jemals stattgefunden hat" (Winston Churchill), gescheitert. Hitler und die Wehrmacht mussten bis zuletzt über den wirklichen Landungsort im Unklaren bleiben. Tarnen und täuschen, hieß die Devise.


Kommando über eine Geisterarmee

US-General George Patton, den die Wehrmacht zu Recht als den wagemutigsten amerikanischen Truppenführer fürchtete, erhielt das Kommando über eine Geisterarmee, die im Südosten Englands, gegenüber von Calais, aufzog. Sie bestand aus aufblasbaren Panzern, Kanonen aus Pappmaché und regem Funkverkehr, der emsige Generalstabsaktivitäten vorspiegelte. "Die Gummipanzer waren so leicht, dass zwei Mann sie mühelos hochheben konnten", erinnert sich ein D-Day-Veteran, "doch aus der Höhe sahen sie täuschend echt aus."

Professionelle Bühnenbildner und Spezialisten für Filmkulissen wurden eingezogen. Sie stellten in den Wäldern Südenglands "Treibstofflager" oder "Munitionsbunker" auf und bastelten Hunderte Schiffe aus Sperrholz und Leinen.


Diese "Landeflotte" dümpelte im Hafen von Dover auf leeren Ölfässern vor sich hin. Deutsche Aufklärungsflugzeuge, die wegen der großen Luftüberlegenheit der Alliierten nur noch selten über England operierten, wurden absichtlich nicht angegriffen. Sie brachten Bilder vom bedrohlichen Aufmarsch der Pseudoarmee mit nach Hause. Die Fotos suggerierten der deutschen Führung Calais als Ziel der Alliierten.

Nicht minder verheerend für die Deutschen war es, dass die Engländer praktisch alle Agenten von Hitlers Nachrichtendiensten in Großbritannien umgedreht hatten. Wichtigste Figur der Aktion "Double Cross", zu Deutsch "Doppelspiel", war der Exilpole Roman Garby-Czerniawski, Deckname Brutus. Der hatte nach der Kapitulation Frankreichs 1940 im besetzten Paris das erste Spionagenetz gegen die Nazis geleitet. 1941 war er von den Deutschen geschnappt, im Gefängnis als Spion angeworben und nach England eingeschmuggelt worden. Dort leistete er vorzügliche Arbeit - für die Engländer. Die deutsche Abwehr vertraute Brutus trotz seiner Vergangenheit vollkommen. Denn ihr Ass lieferte wunderbar exakte Informationen über wirklich existierende Truppen. Allerdings siedelte er diese Truppen am falschen Ort an, bei Pattons Schattenarmee.


General Cramer sah die echte Invasionsarmee

Dem gefangenen deutschen General Hans Cramer zeigte man auf einer Rundfahrt bereitwillig die echte Invasionsarmee, die sich im Frühjahr 1944 bei Portsmouth sammelte. Doch man spielte Cramer vor, er werde durch den Küstenstrich bei Dover gefahren - dort, wo Patton saß. Der amerikanische General empfing den deutschen Kollegen zum Mittagessen. Bald darauf wurde Cramer auf Vermittlung des Roten Kreuzes aus Gesundheitsgründen in die Heimat entlassen. Dort berichtete er Hitler vom beeindruckenden Aufmarsch: "Die Landung wird bei Calais kommen, und Patton wird sie anführen!"

Die wahre alliierte Macht marschierte indessen weiter westlich zwischen Portsmouth und der Halbinsel Cornwall auf. Über 1,5 Millionen Soldaten hatten die USA für "Overlord" nach England geschickt. Die Briten charakterisierten ihre Bundesgenossen leicht herablassend und doch erleichtert über ihre Anwesenheit so: "Overpaid, oversexed, over here" - überbezahlt, zu viel Sex im Kopf, aber hier bei uns.

Im südenglischen Küstenstreifen Slapton Sands fanden die Alliierten eine Landschaft, die den Invasionsstränden der Normandie sehr ähnlich war. 3000 Zivilisten wurden evakuiert, damit die Militärs hier freie Hand hatten. Amerikaner, Engländer und Kanadier trainierten, wie man aus einem Landungsboot heraus durch hüfthohes Wasser gegen stark befestigte Klippen und Dünen anrennt.

Der britische General Percy Hobart konstruierte Geräte auf Panzerbasis, die als "Hobart's Funnies" in die Invasionsgeschichte eingingen. Sie sollten helfen, eine Bresche in die deutsche Abwehrfront zu schlagen. Es gab Tanks, die statt der Kanone eine Klappbrücke ausfahren konnten, andere, die eine Art Teppich über sumpfigem oder sandigem Gelände verlegten.


Landungsboote als Rückgrat

Um schweres Gerät auch bei rauer See anlanden zu können, produzierten 20 000 Arbeiter auf Werften in ganz England Fertigbauteile für zwei Häfen von den Dimensionen Dovers, Deckname "Mulberry". Kais und Hafenmauern bestanden aus 213 schwimmenden Betonteilen, die bei der Invasion an die Normandieküste geschleppt, dort zusammengefügt und verankert werden sollten. Das logistische Rückgrat von "Overlord" aber bildete eine Flotte von mehreren tausend Landungsbooten des amerikanischen Konstrukteurs Andrew Higgins. "Higgins Boats", nur an der Frontseite gepanzert, waren flach und eckig wie Zigarrenkisten. Ein Dieselmotor trieb sie an. Sie konnten 36 Mann aufnehmen, ganz nahe an einen offenen Strand fahren und über eine aufklappbare Rampe in Sekundenschnelle verlassen werden. "Higgins hat den Krieg in der Normandie für uns gewonnen", sagte der Oberkommandierende von "Overlord", der spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower.

Der deutschstämmige Eisenhower aus dem amerikanischen Mittelwesten war ein brillanter Stratege und Organisator. Ohne große Fronterfahrung, doch mit der überwältigenden Fähigkeit, Siegesgewissheit unter seinen Soldaten zu verbreiten. Ihm zur Seite stand der exzentrische Feldmarschall Bernard Law Montgomery. Durch sein erfolgreiches Duell in Nordafrika mit dem deutschen "Wüstenfuchs" Erwin Rommel war Montgomery 1942 zum britischen Nationalhelden geworden, "Ike" und "Monty" mochten sich nicht, schätzten einander aber als Profis. Jetzt sollte Monty die Landungstruppen vor Ort anführen.

Das Schicksal wollte es, dass sein deutscher Gegenspieler wieder Generalfeldmarschall Rommel war. Wie Montgomery spielte auch Rommel nur die zweite Geige. Zwar befehligte er den Heeresabschnitt direkt an der Kanalküste, doch der Oberkommandierende in Frankreich, der 68-jährige Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, war ihm vorgesetzt. Rundstedt, der Kopf hinter den Blitzkriegen der Wehrmacht 1939/40 in Polen und Frankreich, sah den populärsten deutschen General als "tapferen Mann und fähigen Befehlshaber für kleinere Operationen" an, "doch nicht wirklich geeignet für ein hohes Kommando". Rommel wiederum nannte Rundstedt gern den "alten Mann".


Bittere Uneinigkeit zwischen Rommel und Rundstedt

Anders als die alliierte Doppelspitze waren sich die beiden deutschen Feldmarschälle strategisch bitter uneins. Rommel wollte die Invasion im Keim ersticken. "Unsere einzige mögliche Chance liegt an den Stränden. Dort ist der Feind immer am schwächsten."


Deswegen wollte er möglichst viele Panzerdivisonen an die Küste verlegen, so nah wie es irgend ging. Diese kampfstarken Elite-Einheiten erst im Ernstfall aus dem Hinterland nach vorne zu bringen, hielt Rommel wegen der klaren Luftüberlegenheit der Alliierten für extrem verlustreich und fast unmöglich.

Rundstedt dagegen fürchtete, eine Ansammlung von Panzern direkt am Meer würde zur leichten Beute der schweren Schiffsartillerie des Gegners. Da er sich nicht sicher war, an welchem Küstenabschnitt die Alliierten landen würden, plädierte er dafür, die Panzer in Bereitschaft zu halten und die Invasion abzuwarten. Erst dann wollte er über die noch relativ chaotischen und desorientierten Truppen des Feindes außerhalb der Reichweite ihrer Kanonen mit der geballten Macht seiner gepanzerten Streitkräfte herfallen. Rommel protestierte. Schließlich entschied Hitler. Mit einem klassischen Jein. Zwar gab er einen Monat vor Invasionsbeginn Rommel drei Panzerdivisionen, die der sofort nahe der Küste postierte, allerdings in weitem Abstand voneinander, denn auch Rommel hatte seine Zweifel über den Ort der Landung. Die Tanks der anderen vier verfügbaren Divisonen jedoch blieben in der Nähe von Paris stationiert - und Hitler im 1000 Kilometer entfernten Berchtesgaden behielt sich den Befehl über ihren Einsatz persönlich vor.

Trotz dieses Durcheinanders herrschte in Deutschland erstaunlicher Optimismus, die Invasion vereiteln zu können. Vor 70 000 Volksgenossen in Nürnberg schwor Joseph Goebbels am 4. Juni, zwei Tage vor D-Day, die Deutschen mit Halbstarkenlogik auf den Kampf gegen die Übermacht ein: "Mit einer geringeren Zahl, aber höheren Qualität einer höheren Zahl, aber geringeren Qualität entgegenzutreten und da zu siegen, das reizt uns." Selbst ein Experte und Realist wie Rommel schrieb im Frühjahr 1944 an seine Frau: "Im Westen sind wir bester Zuversicht, es zu schaffen, nur der Osten muss halten."


Desaströse Testlandung bei Dieppe

Ganz abseitig schien diese Hoffnung nicht, eine Testlandung britischer und kanadischer Truppen im August 1942 bei Dieppe war innerhalb weniger Stunden desaströs gescheitert. Ihr Versuch, die nordfranzösische Hafenstadt zu nehmen, einen Tag lang zu halten und sich dann geordnet wieder auszuschiffen, brach im Feuer der deutschen Abwehrgeschütze völlig zusammen. Von 6000 eingesetzten Soldaten fielen über 1100, mehr als 3000 gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Propagandaminister Goebbels frohlockte, und Hitler, dem durchaus bewusst war, dass das nächste Mal eine Armada anderen Ausmaßes aufkreuzen würde, gab Order, den Atlantikwall zu errichten. Die Kette von Festungen, Bunkern, Maschinengewehr-Nestern und Stacheldrahtverhauen sollte von Calais bis zum Golf von Biscaya reichen. Hitler, nach eigener Einschätzung als Architekt ebenso begnadet wie als Feldherr, hatte sich eigenhändig um das Bollwerk am Meer gekümmert. "Sogar die einzelnen Bunkertypen entwarf er selber. Ohne Scheu vor Selbstlob pflegte er zu bemerken, seine Entwürfe erfüllten alle Bedürfnisse eines Frontsoldaten in idealer Weise", berichtete Speer nach Kriegsende.

Innerhalb von zwei Jahren verbauten die Deutschen - oft unter Einsatz von Zwangsarbeitern aus den eroberten Gebieten - über 13 Millionen Kubikmeter Beton und 1,2 Millionen Tonnen Stahl. Doch auch diese gewaltigen Mengen reichten bei weitem nicht aus. Bis zum Frühjahr 1944 waren lediglich die größeren Häfen und die Kanalküste bei Calais durchgehend befestigt, wo die Deutschen die Landung der Allierten erwarteten. Die übrigen Abschnitte sicherte ein eher loser Verbund von oft nur halb fertigen Forts und Bunkern, zwischen denen enorme Lücken klafften.


Stacheldraht, Minen und "Rommel-Spargel"

Als Rommel im Januar 1944 das Kommando am Kanal übernahm, versuchte er geradezu besessen, diese Lücken zu stopfen. Sein Befehl: "Ich verbiete jeden Ausbildungsdienst und verlange, dass jede Minute für die Arbeit an den Strandhindernissen genutzt wird." Im flachen Wasser und auf den Stränden ließ er Millionen von Minen legen, er spickte die Küste mit Verhauen aus Eisenträgern und Stacheldraht. Im Hinterland wurden auf Wiesen und Waldlichtungen baumhohe Pfähle gegen Luftlandungen eingerammt. Sie hießen schnell "Rommel-Spargel".

Doch seine Fortschritte konnten nichts daran ändern, dass sich seit 1942 die militärische Großlage dramatisch zuungunsten der Nazis geändert hatte. Nach der Stalingrad-Katastrophe war die Rote Armee im Osten unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Die deutschen U-Boote standen beim Kaperkrieg im Atlantik inzwischen auf verlorenem Posten, sodass der unerschöpfliche Nachschub an Waffen und Ausrüstung aus den USA fast risikolos nach Großbritannien und in die Sowjetunion strömen konnte. Und mit ihrer Landung in Italien Mitte 1943 war den Alliierten die Errichtung einer zweiten Front gelungen, die beträchtliche deutsche Kräfte band.

Vor allem aber hatten die Alliierten die absolute Lufthoheit auch im Westen. Kurz vor dem D-Day kam auf 50 britische und amerikanische Flugzeuge ein deutsches. Die Luftflotte der Alliierten bombardierte systematisch die Hydrierwerke der Nazis, in denen aus Kohle synthetisches Benzin hergestellt wurde. Treibstoffknappheit war die Folge. Anfang Juni waren in ganz Frankreich nur 319 deutsche Kampfflugzeuge einsatzbereit. Im April und Mai 1944 ging ein Bombenhagel auf Gleisanlagen, Bahnhöfe und Eisenbahn-Reparaturwerkstätten in Belgien, Nordfrankreich und den angrenzenden deutschen Gebieten nieder. Das machte die Versorgung der Front mit Waffen, Munition und Menschen immer schwieriger.


Informationsaustausch per Brieftauben

Während die Deutschen weiterhin über den Ort der Invasion im Dunkeln tappten, kannten ihre Gegner jeden Fußbreit der Küste, an der sie landen wollten. Ihre Aufklärer konnten fast ungestört die Normandie überfliegen.

Auf dem Boden ergänzten Mitglieder der Résistance, des französischen Widerstands, diese Informationen. So machte sich etwa in Port-en-Bessin der Fischer Leon Cardron bei den deutschen Besatzern beliebt und erhielt die Erlaubnis, vor der Küste seine Netze auszuwerfen. Doch sobald er auf dem Wasser war, zeichnete er die genaue Position einer Küstenbatterie im Bau sowie diverser Minenfelder in seine Seekarten ein. Erkenntnisse dieser Art wurden dann an den Invasionsstab in England übermittelt, häufig mit Brieftauben. Den Deutschen gelang fast nie der Abschuss der gefiederten Boten.

Überdies konnten die Alliierten die Funksprüche der Wehrmacht entschlüsseln. Hitlers Abwehrspezialisten hatten nicht die geringste Ahnung, dass drei junge polnische Mathematiker schon vor dem Krieg den deutschen Code geknackt und die Dechiffriermaschine "Enigma" nachgebaut hatten. Seit 1940 hörte das höchst geheime "Unternehmen Ultra" in einem Landhaus nördlich von London den Funkverkehr der Deutschen mit. Den britischen Premier Winston Churchill erreichten die Anordungen des Oberkommandos der Wehrmacht meist genauso schnell wie die deutschen Truppenkommandeure.

1944 wollte man vor allem wissen, ob Hitler und seine Generäle auf das Täuschungsmanöver mit Calais hereingefallen waren. Enigma löste das Rätsel. "Ultra"-Chef F. W. Winterbotham: "Anfang Mai fingen wir eine Meldung Rundstedts an Hitler ab, die bestätigte, dass die vier deutschen Panzerdivisionen bleiben würden, wo sie waren, und zwar als Einsatzreserve. Das war natürlich die beste Nachricht, die wir überhaupt erwarten konnten."


Sieben Divisionen für 300 Kilometer Küste

In den Monaten zuvor hatte Hitler Rundstedt und Rommel mehrmals darauf hingewiesen, dass sich die Küsten der Normandie hervorragend für eine Landung eigneten. Er mahnte eine Verstärkung der dortigen Truppen an. Doch Rommel, in diesem Fall unterstützt von Rundstedt, lehnte ab: "Aus der Schwerpunktfront Kanalküste können keine Kräfte an die Normandie abgegeben werden." Hitler gab sich damit zufrieden, schließlich wollte er Anfang Juni das Unternehmen "Kirschkern" starten, den Beschuss Englands mit V1-Raketen. Die Abschussbasis der angeblichen "Wunderwaffe" bei Calais sollte gut geschützt bleiben. So standen Ende Mai an der 300 Kilometer langen Küste der Normandie ganze sieben Divisionen. An der viel kürzeren Kanalküste waren es 20.

Inzwischen hatte Eisenhower den 5. Juni als D-Day, den Tag der Entscheidung, festgelegt. In den ersten Junitagen sammelte sich die Invasionsarmee an den Verladeplätzen. Kondome wurden verteilt. Die Soldaten streiften sie über die Mündung ihrer Karabiner oder ihre Armbanduhren. Unerwartete Fragen wurden gestellt. Was passierte etwa nach der Landung mit den Piloten der Lastensegler, riesigen Gleitfliegern ohne eigenen Antrieb, die als Transporter für die Vorauskommandos im Schlepptau von Motorflugzeugen den Kanal überqueren sollten? Achselzucken und dann ein Zwischenruf: "Abhauen wie der Teufel!" Manche versuchten das sofort: Ein Gefreiter etwa belegte sein Sandwich zentimeterdick mit Tabak. Das brachte ihn ins Krankenhaus und vors Kriegsgericht.

Die Offiziere verharmlosten die Gefahr. Ein D-Day-Veteran, noch heute mit Bitterkeit in der Stimme: "Unser Instrukteur sagte uns, mehr als 1000 Bomber würden vorher ihr Werk verrichten. Die Kriegsschiffe würden alles ausradieren - Unterstände, feindliche Kanonen und Granatwerfer, die Stacheldrahthindernisse. Alles würde kurz und klein gemacht werden - ein Kinderspiel anschließend für uns!"


Ein falscher General reist nach Afrika

Die Alliierten inszenierten eines ihrer letzten Täuschungsmanöver. Leutnant Clifton James, in Friedenszeiten Provinzschauspieler, der General Montgomery frappierend ähnlich sah, bestieg unter allgemeinem Jubel Churchills Sondermaschine, "um in Nordafrika Truppen zu inspizieren". Der falsche Monty reiste über Gibraltar und Algier bis nach Kairo. Die deutschen Agenten sollten ihre Schlüsse ziehen: Der General weitab vom Schuss, der D-Day lasse auf sich warten.

Die deutsche Führung wog sich aus anderen Gründen in Sicherheit. Gestützt auf ihre Meteorologen erschien ihnen das Wetter viel zu schlecht für ein amphibisches Großunternehmen wie "Overlord". Für den 5. Juni waren Stürme und Dauerregen angekündigt, kaum Sicht. Tendenz: weitere Verschlechterung. Am 4. Juni um sechs Uhr morgens verschob Eisenhower den Angriff um einen Tag. Er wusste, dies war der letzte Termin für die nächsten zwei Wochen. Erst dann wären die Gezeiten wieder für eine Landung im Morgengrauen günstig.

Beruhigt durch die Regenschauer, die gegen die Scheiben prasselten, schrieb General Rundstedt am 5. Juni in sein Kriegstagebuch: "Keine Anzeichen für eine bevorstehende Landung zu erkennen." Dann bereitete er sich auf eine Inspektionsreise in der Normandie vor. Rommel hatte an diesem Tag Frankreich bereits verlassen. Er nutzte die Schlechwetterperiode zu einem Besuch bei seiner Familie in Herrlingen. Seine Frau feierte ihren Geburtstag.


Wer dienstfrei hatte, ging in den Puff

Der Chef der 21. Panzerdivision, General Feuchtinger, brach am 5. Juni, begleitet von seinem Ersten Generalstabsoffizier, zu einer Spritztour nach Paris auf. Dort wartete seine französische Geliebte. Auch die Truppen ließen den Abend des 5. Juni ruhig angehen. Wer dienstfrei hatte, ging in den Puff oder in eins der Wirtshäuser an der normannischen Küste. Schütze Gockel hatte Wache. Er saß vor seinem Unterstand und schaute hinaus aufs Meer, das leer und nur noch mäßig bewegt vor ihm lag.


Der Text erschien erstmals 2004  im stern.