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US-Polizist erschießt Teenager: Vater schickt seinen Sohn mit Anruf in den Tod

Es sollte ihm eine Lehre sein, die er nie vergisst: Ein Teenager klaut das Auto seines Vaters, der ruft daraufhin die Polizei. Doch bei der Verfolgungsjagd wird der Junge erschossen.

Von Christoph Fröhlich

Hätte James Comstock geahnt, was passieren wird, er hätte wohl einfach eine Schachtel Zigaretten gekauft. Doch als sein 19-jähriger Sohn ihn am Montag fragt, ob er nicht ein Päckchen kaufen könne, lehnt er seine Bitte ab. Er wolle nicht, dass er raucht und seine Gesundheit gefährdet. Jetzt, wo alles so gut zwischen ihnen lief und sein Sohn Tyler sein Leben langsam wieder in den Griff bekam. Doch Tyler, 19 Jahre alt, kurzes dunkles Haar und Kastenbrille, will sich das nicht gefallen lassen. Er verlässt das Haus, geht zum Parkplatz, setzt sich in den Transporter seines Vaters - und fährt los. Sein Vater weiß nicht so recht, was passiert. Er ist wütend, dass sein Sohn einfach sein Auto nutzt und will ihm eine Lektion erteilen. Also ruft er die Polizei und meldet den Truck als gestohlen. Er will seinen Sohn wieder zur Vernunft bringen. Doch bei der Verfolgungsjagd mit der Polizei kommt es zu einem tödlichen Versehen. Am Freitag wurde Tyler beerdigt.

Das Leben in den Griff bekommen

Freunde und Verwandte sagen, dass Tyler Comstock ein netter, schlauer Kerl war. Er hatte hervorragende Noten und bastelte in seiner Freizeit häufig an Computern herum. "Er war ein wirklich schlauer Junge", sagt sein Vater der US-Zeitung "Des Moines Register". Tyler ging zur High School in Ogden, einer Kleinstadt im Bundesstaat Utah rund 60 Kilometer nördlich von Salt Lake City. Trotz seiner guten Noten hat er nie einen Abschluss gemacht.

Tyler durchlebt eine schwierige Zeit. Die Beziehung mit seiner Freundin zerbricht, jede Nacht schläft er woanders. Für ein paar Tage sitzt er sogar wegen Ruhestörung hinter Gittern. Er hat in seinen jungen Jahren bereits einige Fehler gemacht und sich von der Familie distanziert, sagen seine Eltern. Doch er bemüht sich, wieder ein geregeltes Leben zu führen: Tyler meldet sich im Des Moines Area Community College an, um seinen Abschluss nachzuholen. Zwei Wochen nimmt er zusätzlich am Bibelunterricht teil. "Er hat mich in dieser Zeit täglich angerufen", um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen", sagt der Vater in einem Interview.

Verfolgungsjagd in den Tod

Dann die Sache mit den Zigaretten und dem Truck. Nachdem der Vater die Polizei verständigt hat, macht die sich auf die Suche nach dem vermissten Fahrzeug. Tyler wird schnell gefunden, doch er denkt nicht ans Aufgeben. Es entwickelt sich eine hitzige Verfolgungsjagd, bei der ein Polizeiwagen gerammt wird. Tyler rast phasenweise mit mehr als 110 Stundenkilometer durch die Stadt. Ein anderer Polizeimitarbeiter rät dem verfolgenden Beamten mehrmals eindringlich, die Verfolgungsjagd abzubrechen, doch Adam McPherson will nicht kleinbeigeben. Erst auf dem Gelände der Universität von Iowa kommt der Truck zum Stehen. Der Polizist fordert Tyler auf, den Motor auszuschalten. Doch der lässt die Maschine erst recht aufheulen.

Dann feuert der Polizist sechs Mal auf den Wagen, zwei Schüsse treffen Tyler und verletzen ihn tödlich, wie der Leichenbeschauer des Bundesstaats Iowa in seinem Obuktionsbericht schreibt. Dem offiziellen Polizeibericht zufolge war der Schusswaffengebrauch nötig, um "die andauernde Bedrohung der Öffentlichkeit und des Polizisten zu stoppen".

James Comstock sagt, sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt unbewaffnet.

"Wir haben die ganze Zeit gebetet"

Hat die Polizei überreagiert? Hätte sich Tyler den Anweisungen des Beamten nicht widersetzen dürfen? In dem Fall gibt es viele Fragen, die nun von der Polizei geklärt werden müssen. "Die sind doch Profis", sagt Tylers Stiefgroßvater Gary Shepley, 65 Jahre alt, dem "Des Moines Register". "Sie wurden für solche Situationen ausgebildet. Und weil er den verdammten Motor nicht sofort ausgemacht hat, feuern sie einfach mal sechs Kugeln auf ihn? Wir sind verwirrt und verstehen es nicht." Seine Frau Judy sagt, sie sei glücklich, dass wenigstens niemand anderes auf dem Campus verletzt wurde, immerhin gebe es dort mehr als 33.000 Studenten. "Dafür haben wir die ganze Zeit gebetet."

Tylers Cousine Blake Jensen versteht bis heute nicht, warum er den Truck überhaupt geklaut hat. Sie versteht auch nicht, wie er getötet werden konnte. "Er war unbewaffnet. Er hatte keine Waffe, gar nichts", sagt sie dem "Register". Tylers Mutter Shari Comstock meint, sie verstehe nicht, warum die Polizei ihren Sohn bis zum bitteren Ende verfolgen musste und ihn dann auch noch erschossen hat.

Am schwersten wiegen die Schuldgefühle bei Tylers Vater: "Er hat mir meinen Truck weggenommen. Ich habe die Polizei gerufen, und sie haben ihn getötet. Und das alles für ein verdammtes Päckchen Zigaretten. Ich wollte ihm keine kaufen. Und dafür habe ich meinen Sohn verloren."