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Verschollen auf dem Atlantik: Die mysteriöse Reise des Rattenschiffs

Das Kreuzfahrtschiff "Lyubov Orlova" dümpelt seit einem Jahr führerlos über den Atlantik. An Bord sind nur noch Ratten. Nun könnte das Schiff Medienberichten zufolge auf Großbritannien zusteuern.

Von Christoph Fröhlich

Das Kreuzfahrtschiff "Lyubov Orlova" treibt seit einem jahr führerlos über den Atlantik. Nun fürchten einige Experten, es könnte auf Irlands Küste treffen.

Das Kreuzfahrtschiff "Lyubov Orlova" treibt seit einem jahr führerlos über den Atlantik. Nun fürchten einige Experten, es könnte auf Irlands Küste treffen.

Es klingt wie die Kurzfassung eines mittelklassigen Horrorfilms: Ein verlassenes russisches Kreuzfahrtschiff, das seine besten Tage längst hinter sich hat, treibt führerlos über den Atlantik. Es ist menschenleer, an Bord sind nur noch von Krankheiten verseuchte Ratten, die sich aus purer Not gegenseitig auffressen. Weil der Strom längst ausgefallen ist, weiß niemand, wo genau sich der Kreuzer befindet. Die einen sagen, das Boot sei bereits vor Monaten gesunken, die anderen glauben, es treibe direkt auf Großbritannien zu. Nur: Die Geschichte der "Lyubov Orlova", jenes Mitte der 70er Jahre bei einer jugoslawischen Werft vom Stapel gelaufenen Schiffs, ist wahr. Seit fast einem Jahr ist das Schiff auf dem Meer verschwunden. Wie konnte es dazu kommen?

Pleiten, Pech und Pannen

Die "Lyubov Orlova" wird 1976 als Linienschiff in Jugoslawien gebaut. Mit 100 Metern Länge und 16 Metern Breite ist es selbst für damalige Verhältnisse ein eher kleines Schiff. Doch der Rumpf ist eisverstärkt, womit es zum perfekten Expeditionskreuzer für Polarregionen wird. 23 Jahre verrichtet das Linienschiff seinen Dienst, 1999 wird es zum Kreuzfahrtschiff für die Arktis und Antarktis umgebaut und an entsprechende Reiseveranstalter vermietet. Elf Jahre schippert es Touristen durch die Kälte, bis die Reise vorerst im kanadischen St. John's in Neufundland endet. Der russische Eigentümer des Schiffs - das nach der Schauspielerin Lyubov Orlova benannt ist, dem ersten Superstar des sowjetischen Kinos - ist pleite.

Am 25. September 2010 wird das Schiff in St. John's in Ketten gelegt, um die Forderungen eines kanadischen Reiseunternehmens von mehr als 200.000 Dollar an den Besitzer zu sichern. Doch das Insolvenzverfahren scheitert, die "Lyubov Orlova" dümpelt im Hafen der ältesten Stadt Nordamerikas vor sich hin. Dort liegt sie zwei Jahre, bis der iranische Unternehmer Reza Shoeybi das Boot für 275.000 Dollar ersteigert, um es in der Dominikanischen Republik abzuwracken. Dem TV-Sender "CBC" sagt er damals: "Zocken ist mein Geschäft, seit 45 Jahren. Wenn der Preis für Schrott steigt, können wir etwas Gewinn machen, wenn er nach unten geht, sind wir Verlierer." Und kurz darauf steht fest: Er hat sich verzockt. Er wird nach 36 Jahren der der letzte Besitzer der "Lyubov Orlova" sein.

Die letzte Fahrt der "Lyubov Orlova"

Ende Januar 2013, das ist die stürmischste Jahreszeit auf dem Nordatlantik, tritt das russische Kreuzfahrtschiff seine letzte Fahrt in die sonnige Karibik an. Es hängt am Haken eines vermutlich schlecht ausgerüsteten Schleppers. Kurz nachdem dieser den Hafen von St. John’s verlassen hat, reißt das Seil. Der Versuch, das Schiff wieder einzufangen, scheitert. Die "Lyubov Orlova" ist außer Kontrolle. Gefährlich wird es, als der führerlose Kreuzer auf die Neufundlandbank zusteuert, eine Region, die für ihren hohen Seegang bekannt ist und wo zahlreiche Ölplattformen stehen.

Anfang Februar gelingt es einem Schlepper, das Schiff von den Plattformen fernzuhalten und in internationale Gewässer zu ziehen. Dort fällt die zuständige Behörde eine gefährliche Entscheidung: Die Schleppleine wird gelöst, das Schiff wird sich selbst überlassen. Seitdem treibt es auf dem Meer, mit Kurs Europa. Nur die Ratten haben es noch nicht verlassen. Seit der Strom ausgefallen ist, senden die Ortungsgeräte auch keine Signale mehr.

Steuert es auf Großbritannien zu?

Wochenlang taucht das Schiff auf keinem Radar auf, niemand weiß, ob es überhaupt noch schwimmt. Am 23. Februar gibt es ein Lebenszeichen: Eine Notfunkbake eines der "Lyubov Orlova" zugehörenden Rettungsschiffs löst etwa auf halber Strecke zwischen Kanada und Irland Alarm aus. Diese Signale werden durch Wasserkontakt ausgelöst, weshalb die Behörden davon ausgehen, dass das Schiff gesunken ist. Die irische Küstenwache hat die Position großflächig abgesucht, konnte den Kreuzer aber nicht finden.

Ist das Schiff gesunken? Oder hat sich bloß ein Rettungsboot losgerissen? Während irische Behörden davon ausgehen, dass es gesunken ist, behaupten US-Geheimdienste im April, das Schiff 2400 Kilometer westlich von Irland ausgemacht zu haben. Chris Reynolds von der irischen Küstenwache sagte vor Kurzem der britischen "Sun": "Es gab in den letzten Monaten wirklich schwere Stürme, doch es ist nicht einfach, solch ein schweres und großes Schiff zu versenken. Wir müssen aufmerksam bleiben."

Einige Experten fürchten, dass die Strömung den Kreuzer über kurz oder lang Richtung Großbritannien spülen wird. Vermutlich soll das Schiff an der Westküste Irlands, Schottlands oder am südlichen Zipfel von England an Land gespült werden, schreibt die britische Zeitung "The Telegraph". In dem Bericht wird der belgische Wissenschaftler Pim de Rhoodes zitiert, der sich mit der "Lyubov Orlova" beschäftigt. Er sagte der britischen "Sun": "Sie treibt da draußen irgendwo herum." Auch was die Briten bei einem möglichen Landgang erwartet, verrät er der Zeitung: "Es wird dort jede Menge Ratten geben, die übereinander herfallen. Wenn ich an Bord gehen müsste, ich würde überall Gift verteilen."

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