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Video Affenpocken in Deutschland: Aus Corona nichts gelernt?

STORY: Die Affenpocken, eine Infektionskrankheit, die durch engen Hautkontakt übertragen wird, ist längst in Deutschland angekommen. Berlin gilt als Hotspot, doch auch hier ist Impfstoff knapp. Sven Schellberg ist Facharzt für Allgemeinmedizin und führt mit einem Kollegen eine Praxis für sexuelle Gesundheit. Er findet, dass die Politik im Umgang mit Viruserkrankungen nichts aus Covid-19 gelernt haben. "Ich glaube, was die Politik tun kann, und das ist so ein bisschen der Frust - Man hatte eigentlich ein bisschen erwartet, dass wir uns mit pandemischen Situationen jetzt eigentlich auskennen sollten. So richtig, hat man den Eindruck, so richtig viel gelernt haben wir nicht. Das heißt wir machen im Prinzip momentan alle Fehler wieder. Wir haben im Prinzip genau die gleichen Diskussionen, die wir unter Corona letzten Endes auch hatten und ich glaube, man sollte mal ganz ernsthaft über die Strukturen nachdenken. Man stelle ich vor, das wäre jetzt wieder eine andere Pandemie gewesen. Ich sag immer, das wäre der blutige Durchfallvirus gewesen, der gerade irgendwo aus Lateinamerika gekommen ist. Da würden wir genau die gleichen Fehler wieder machen." Es brauche klar Strukturen und Impfstoff. "Wir haben eine erste Lieferung vor knapp vier Wochen bekommen, das waren 300 Dosen. Wir haben jetzt tatsächlich gestern noch mal 60 Impfdosen nachbekommen. Das hört sich erstmal nicht ganz schlecht an. Aber wenn man sich allein unsere Praxis anschaut, wir haben eine kleine Spezialität dadurch, dass wir auf sexuelle Gesundheit spezialisiert sind. Wie haben etwa 1500 Patienten, die wir impfen müssten. Selbst wenn wir sagen würden, wir impfen jeden Patienten nur ein Mal, dann hätten wir nur genügend Impfstoff für jeden zehnten Patienten." Die Annahme aber, die Affenpocken seien allein ein Problem von Männer, die mit Männern Sex haben, hält Sven Schellberg für kurzsichtig. "Diese Wahrnehmung, dass es eigentlich nur bei Männern verbreitet ist momentan, die Sex mit Männern haben, ist wahrscheinlich so ein kleiner Trugschluss. Es wird wahrscheinlich viel weiter verbreitet sein, aber wir sehen es nicht." Und die Übertragungswege? "Klassische Frage: Kann ich mir das bei einer Massage holen, wäre ja auch durchaus. Man muss ganz klar sagen: Theoretisch ja. Dem Virus ist es erstmal egal ob das Sex ist oder eine Massage oder eine enge Umarmung oder ein Ringkampf. Die Wahrscheinlichkeit sinkt natürlich, wenn es außerhalb der momentan überwiegend betroffenen Gruppe ist." Affenpocken seien schwierig zu diagnostizieren, da sie leicht etwa mit Dellwarzen zu verwechseln seien. Gerade bei Kindern seien sie leicht zu übersehen. Außerdem verweist der Mediziner auf die Möglichkeit eines schweren Verlaufs. In einzelnen Fällen könne es bei Männern gar zum Verlust des Penis und zu anderen Langzeitschäden kommen. Unklar sei auch, ob die Pockenimpfung, die viele Menschen im Kindesalter bekommen haben, auch gegen das Affenpockenvirus wirke. Zurück zum Impfstoff. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte am Freitag, Deutschland habe sich früh um Dosen bemüht, kein anders europäisches Land habe einen so hohen Anteil erhalten wie die Bundesrepublik. "Es sind Produktionsengpässe, die uns das Unternehmen mitteilt. Ich hoffe aber, dass wir mit diesen 200.000 Impfstoffdosen, die wir dann bekommen, dass wir dann gut weiterkommen. Wir setzen die halt so gut ein, wie wir können. Wir versuch, das ist sehr wichtig, die Impfstoffe sehr zielgerecht auch einzusetzen, das wird in Berlin aus meiner Sicht auch sehr gut gemacht. Ich würde mich freuen wenn ein Teil des Impfstoffs, der jetzt in einigen Bundesländern angekommen ist, noch in den Brennpunkt Berlin verlagert werden könnte. Weil wir haben hier eine überproportionale Belastung." In Deutschland sind im Mai 2022 erstmals Fälle von Affenpocken identifiziert worden. Mit Stand 12.8.2022 sind 3102 Fälle aus allen 16 Bundesländern an das RKI übermittelt worden.
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Der Berliner Arzt Dr. Sven Schellberg sagt, es brauche klare Strukturen, um mit einem derartigen Virusgeschehen umgehen zu können. Es fehle erneut Impfstoff, diesmal gegen das Affenpockenvirus. Die Wahrnehmung, das Virus sei derzeit ausschließlich unter Männern verbreitet, die mit Männern Sex haben, sei wohl ein Trugschluss, so der Mediziner. Derzeit könne er nur einen Bruchteil der benötigten Impfungen verabreichen. Den rund 20 anderen Berliner Praxen, die ebenfalls impften, ginge es ähnlich.

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