Reportage aus dem Flüchtlingsamt Frau Dölz sortiert das Elend der Welt

Die Berliner Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge liegt am Rande der Stadt in Spandau. Jeden Morgen um acht werden die Türen geöffnet, um bis zu 100 Asylbewerber mit ihren Familien einzulassen. Viele von ihnen sind schon viel früher da. Sie haben nur ein Datum ohne Uhrzeit bekommen und wollen nicht zu spät sein, wenn es im Land der Pünktlichkeit um ihre Zukunft geht.
Die meisten sind hier, um einen Erstantrag auf Asyl zu stellen. Andere sind schon einen Schritt weiter, in der sogenannten „Anhörung“. Mit dieser wollen die Beamten herausfinden, ob es einen asylrelevanten Grund für einen Verbleib in Deutschland gibt.
Katrin Dölz ist eine solche „Entscheiderin“. Seit 24 Jahren hört sie zu.
Katrin Dölz: „Ich stelle mir die Geschichten manchmal vor, wie ein Buch, das ich lese oder einen Film. Erstens ist es dann glaubwürdig, dann kann man sich das richtig vorstellen. Wenn das eine Geschichte ist, die nicht stimmt, dann ist das so plakativ. Man sieht das gar nicht vor sich, was einer erzählt.“
Dölz kennt zehntausende Schicksale - und unzählige Fluchtgründe. Doch nur selten entscheidet sie positiv. Die meisten Asylsuchenden, die sich ihr und dem Dolmetscher anvertrauen, hat sie im Auftrag Deutschlands abgelehnt. Eine Belastung?
Katrin Dölz: „Das belastet mich nicht, wenn ich Leute ablehnen muss, weil ich entweder weiß, sie bleiben aus anderen Gründen hier oder aber sie können ohne Weiteres wieder in ihrem Herkunftsland leben und ich schicke ja niemanden in Not und Elend zurück.“
Oft ist von vornherein klar, wie sie entscheiden wird. Aufgrund welcher Dienstanweisungen ist jedoch geheim. Denn das Bundesamt möchte nicht riskieren, dass die Geschichten bekannt werden, mit denen man durchkommt.
Gerade einmal 1,1 Prozent aller Flüchtlinge erhalten das grundgesetzlich garantierte Asyl für politisch Verfolgte. Immerhin ein Viertel der Antragsteller wird als Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention aufgenommen. Eine der niedrigsten Schutzquoten Europas.
Der Flur und das Wartezimmer im Amt sind gerappelt voll.
Wie begegnet man Menschen, die detailliert von Misshandlung, Vergewaltigung und Verfolgung berichten?
Katrin Dölz: „Es ist so, dass ich das schon sehr sachlich betrachten muss, sodass ich das später selbst objektiv beurteilen kann. Dem Antragsteller gibt das ehrlich gesagt auch mehr Halt, wenn ich jetzt nicht in Tränen aufgelöst dasitze, sondern das sachlich beurteile.“
Sachlich – und schnell. Denn selbst wenn es keine neuen Flüchtlinge mehr gäbe, hätte die Behörde noch locker ein bis zwei Jahre Arbeit. So groß ist der Rückstau. Gerade erst haben vierzehn neue Kollegen angefangen. Sie werden schon nächste Woche nicht mehr ausreichen.
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Ihr "Ja" bedeutet eine bessere Zukunft: Die Beamtin Katrin Dölz entscheidet seit 24 Jahren über Asylanträge. Selten stimmt sie dafür, doch schlecht fühlt sie sich dabei nicht.
Von Anna-Beeke Gretemeier

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