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Afghanistan "Klima der Angst": Menschenrechtler enthüllen Gewalt und Unterdrückung durch Taliban

Ein aktueller Amnesty-Bericht zeigt schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen durch die Taliban
Ein aktueller Amnesty-Bericht zeigt schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen durch die Taliban
© Bulent Kilic / AFP
Seitdem die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind, beteuern sie, die Menschenrechte zu achten. Doch Menschenrechtsorganisationen legen nun Dutzende Beweise vor, die das Gegenteil zeigen.

In einem aktuellen Bericht beklagt Amnesty International gezielte Menschenrechtsverletzungen durch die Taliban in Afghanistan. Seit ihrer Machtergreifung vor knapp fünf Wochen seien die Taliban dabei, die Errungenschaften der vergangenen zwanzig Jahre im Bereich der Menschenrechte zu demontieren, erklärte die Organisation am Dienstag.

Gemeinsam mit der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) und der Weltorganisation gegen Folter (OMCT) habe Amnesty International zahlreiche Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, darunter gezielte Tötungen von Zivilistinnen und Zivilisten und sich ergebenden Soldaten. Auch die Rechte von Frauen, die Meinungsfreiheit und die Zivilgesellschaft seien erneut eingeschränkt worden. Der Bericht basiert auf Interviews mit Betroffenen und einer Auswertung von Fotos, Videos, Satellitenbildern und Medienberichten aus der Zeit nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August. 

Gezielte Tötungen, Drohbesuche und Arbeitsverbote für Frauen

Der Bericht dokumentiere das "Klima der Angst" unter Menschenrechtlern, Journalisten und Frauen, erklärte die stellvertretende Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Julia Duchrow. Sie forderte die Bundesregierung auf, "alles in ihrer Macht Stehende" zu tun, um "durch die Taliban gefährdeten Menschen" Schutz in Deutschland zu ermöglichen. "Sie muss die Betroffenen jetzt schnell über die vergangene Woche beschlossenen 2600 Aufnahmezusagen informieren, sie bei der Ausreise aus Afghanistan unterstützen und sicherstellen, dass die Botschaften der Nachbarländer mit Hochdruck Visaverfahren durchführen und die Menschen von dort evakuiert werden können", so Duchrow.

"Büros und Wohnungen wurden durchsucht", berichtete Delphine Reculeau von OMCT über die Rechercheergebnisse. "Kollegen wurden verprügelt." Es gebe regelmäßige Drohanrufe und Drohbesuche der Taliban bei Menschenrechtlern und Journalisten, heißt es in dem Bericht. Zeugen berichten von Anweisungen der Taliban an afghanische Journalisten, nur noch in Übereinstimmung mit islamischen Gesetzen zu berichten, und von Arbeitsverboten für Frauen. 

Das umkämpfte Pandschir-Tal sollen die Taliban laut Bericht von der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern abgeschnitten haben. Es gebe gezielte Tötungen von ehemaligen Soldaten und Zivilisten, heißt es weiter. Taliban-Kämpfer prügelten demnach auch auf Demonstranten ein. Fotos und Zeugenberichte dokumentieren die Verletzungen von Folteropfern.

Internationale Gemeinschaft in der Pflicht

Laut Reculeau leben Menschenrechtler in Afghanistan "unter der ständigen Bedrohung von Verhaftung, Folter oder Schlimmerem". Wer die Flucht geschafft habe, sitze nun "in Militärlagern oder in Nachbarländern fest, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollen und wie sie ihr über Nacht zerstörtes Leben wieder aufbauen können".

"In den etwas mehr als fünf Wochen seit der Übernahme der Kontrolle über Afghanistan haben die Taliban deutlich gezeigt, dass sie es mit dem Schutz und der Achtung der Menschenrechte nicht ernst meinen", erklärte Dinushika Dissanayake, stellvertretende Direktorin von Amnesty International für Südasien. 

Die Menschenrechtler forderten die internationale Gemeinschaft auf, im Rahmen des UN-Menschenrechtsrats konkrete Maßnahmen zu ergreifen und die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs zu unterstützen. Juliette Rousselot von FIDH bekräftigte: "Die internationale Gemeinschaft darf die Augen vor den von den Taliban begangenen Verstößen nicht verschließen".

les/tkr DPA AFP

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