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Günter Lubitz: Die Strategie des Vaters, der es nicht wahrhaben will

Günter Lubitz will nicht wahrhaben, dass sein Sohn Andreas den Germanwings-Airbus absichtlich zum Absturz gebracht hat. Er präsentiert ein eigenes Gutachten, das mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Der Vater von Germanwings-Co-Pilot Andreas Lubitz

Der Vater von Germanwings-Co-Pilot Andreas Lubitz bezweifelt den geplanten Suizid seines Sohnes

Alles ist perfekt vorbereitet. Journalisten müssen akkreditiert sein und ihren Ausweis zeigen, bevor sie das blaue VIP-Armband bekommen. Nur Journalisten, die ausdrücklich zur Pressekonferenz zugelassen wurden, dürfen hoch in den "Salon 4" des Berliner Maritim-Hotels, wo die Pressekonferenz stattfindet. Auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass Co-Pilot Andreas Lubitz die Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord absichtlich gegen einen Berg in Frankreich gesteuert hat. So sieht es der französische Staatsanwalt Brice Robin. So sieht es die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf. So sieht es die französische Luftfahrbehörde BEA. Nur die Eltern von Andreas Lubitz wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr Sohn ein Massenmörder ist. Das macht Vater Lubitz gleich zu Beginn der Pressekonferenz klar. "Wir haben den Termin nicht gewählt, um die Angehörigen zu verletzen, sondern um Gehör zu finden", sagt er. Er wirkt angespannt. Günter Lubitz, Nickelbrille, spitzes Gesicht, sieht seinem Sohn, dessen Foto auf der Leinwand neben dem Podium manchmal eingeblendet wird, sehr ähnlich.

"Andreas Lubitz war beim Absturz nicht depressiv", sagt sein Vater

Die gesamte Familie Lubitz stünde der "Tragödie fassungslos gegenüber", sagt Günter Lubitz weiter. "Wir müssen damit leben, dass unser Sohn in den Medien als depressiver Massenmörder dargestellt wird und wurde." Er habe seinen Sohn allerdings als "lebensbejahenden, verantwortungsbewussten" Menschen erlebt. Seine Depression habe Andreas Lubitz längst überwunden gehabt. "Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv."
Schon in der Pressemitteilung hatte er geschrieben: "Es bleiben ... viele weitere unbeantwortete Fragen … Um dies zu beleuchten und beurteilen zu können" habe er er "den international renommierten Berliner Luftfahrtexperten Tim van Beveren", beauftragt, "die umfangreichen Ermittlungsakten und Berichte auszuwerten, eigene Recherchen vorzunehmen und ein Gutachten zu erstellen."

Van Beveren sitzt neben dem Vater, einem Moderator und zwei Anwälten auf dem Podium. Er ist allerdings kein "international renommierter Luftfahrtexperte", sondern freier Journalist und Buchautor ("Runter kommen Sie immer"). Nach einer Fotografenlehre hat van Beveren, so liest man im Internet, ein paar Semester Jura und bildende Kunst studiert. Dann wurde er Journalist, widmete sich dem Thema Flugsicherheit und befasste sich viel mit vergifteter Kabinenluft. Er trat im Verfahren um den Birgenair-Absturz 1996 als Gutachter auf. Wie tragend seine Rolle damals war, vermag die Staatsanwaltschaft Frankfurt nicht mehr zu beantworten. Die Akten liegen längst im Staatsarchiv. Eigenen Angaben zufolge ist van Beveren selbst Pilot.

"Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit"

Es gebe "keinen stichhaltigen Beweis", dass Andreas Lubitz die Maschine absichtlich gegen den Berg gesteuert habe, behauptet van Beveren und fängt an Zweifel zu säen: Das Flugzeug sei alt gewesen, die Bescheinigung über die Lufttüchtigkeit wäre erst kurz vor dem Absturz handschriftlich verlängert worden. Die Unterschrift passe jedoch nicht zum Namen. Unklar sei, ob Lubitz seinen Kollegen, den Piloten Patrick S., überhaupt ausgesperrt habe. "War vielleicht das Keypad defekt?", fragt van Beveren und erzählt, dass er einen Hinweis bekommen habe, dass es bei dieser Maschine schon mal Schwierigkeiten mit dem Keypad gegeben hatte. Eine Crew soll sich aus Cockpit ausgesperrt haben, ein Techniker habe die Tür wieder öffnen müssen. Van Beveren bezweifelt nicht, dass die Maschine auf Sinkflug gestellt wurde. Es habe allerdings an diesem Tag starke Turbulenzen gegeben. Andere Piloten hätten ihre Flughöhe deshalb auch gesenkt. Er bestreitet auch nicht, dass Lubitz allein im Cockpit gewesen ist. 

Die Staatsanwaltschaft widerspricht Lubitz' Darstellungen

Doch die Aussage, dass er das Flugzeug "bewusst" gegen den Berg gesteuert habe, sei nicht zu halten. Bei einem Gerichtsverfahren, so sagt van Beveren, würde das Verfahren nach "zehn Minuten" mit einem "Freispruch" beendet, weil die Aktenlage zu dünn sei. Die Blackbox sei nicht von Experten ausgewertet worden, sondern von zwei Ingenieuren. "Absicht möchte ich nicht unterstellen. Ich glaube, es ist Überschätzung. Hier überschätzen sich Leute, die Bereiche untersuchen, die nicht ihr Fachgebiet sind." Gilt das vielleicht auch für van Beveren? Die Frage, wie viel Honorar er für das Gutachten bekommen hat, will er nicht beantworten. "Ich habe da eine Verschwiegenheitsverpflichtung."

Als Vater Lubitz gefragt wird, ob er seinen Sohn für unschuldig halte, wirkt er unsicher. "Mit diesem Gutachten sind wir auf der Suche nach der Wahrheit." Es fällt auf, dass der Vater und sein bezahlter Gutachter sich teilweise auf Formalien stürzen: Selbst die Staatsanwaltschaft würde nicht mehr behaupten, dass Lubitz zum Absturzzeitpunkt depressiv gewesen sei, behauptet der Vater. Die Staatsanwaltschaft hat allerdings nicht von einer Depression gesprochen. "Die entsprechenden ärztlichen Dokumentationen weisen bislang keine organische Erkrankung aus", hatte die Staatsanwaltschaft damals lediglich erklärt. Und: "Der Co-Pilot war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum mit vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischer Behandlung. Im Folgezeitraum und bis zuletzt haben weitere Besuche bei Fachärzten für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie mit entsprechenden Krankschreibungen stattgefunden, ohne dass dabei allerdings Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden ist."

Andreas Lubitz war in psychiatrischer Behandlung

Und auch im Bericht der BEA heißt es: "Im Dezember 2014, ungefähr fünf Monate nach der letzten Verlängerung seines Tauglichkeitszeugnisses der Klasse 1, begann der Co-Pilot Symptome zu zeigen, die zu einer psychotischen depressiven Episode passen könnten." Die Krankenakten von Andreas Lubitz hätten nicht beschlagnahmt werden dürfen, weil die ärztliche Schweigepflicht über den Tod hinaus gelte, kritisieren der Vater und sein Gutachter.

Davon abgesehen, dass Staatsanwälte unter bestimmten Umständen durchaus Patientenakten beschlagnahmen dürfen, sind die Akten aufschlussreich. Sie zeichnen das Bild eines unglücklichen, jungen Mannes, der sich das Leben nehmen wollte. Lubitz unterbricht seine Ausbildung wegen einer schweren Depression. "Letzter Ausweg, der mich teilweise glücklich macht, ist der Sprung von der Klippe", notiert er in seinem Tagebuch. Er erholt sich wieder, darf seine Ausbildung zum Piloten beenden, wird Ende 2014 Co-Pilot, fliegt mit Sondergenehmigung wegen seiner Depression. Im Februar 2015 geht Andreas Lubitz in Düsseldorf zu einem Arzt. Er sei regelrecht "ausgebrannt", klagt er. 2014 sei ein stressiges Jahr gewesen. Er sei Co-Pilot geworden und von zu Hause ausgezogen. Er könne nicht schlafen, grelles Licht mache ihn nervös. Außerdem leide er unter Sehstörungen. Der Arzt denkt, so wird er später bei der Kripo zu Protokoll geben: "Oh Mann, kein Bock, dass der eine Kiste fliegt."

Von Januar bis März geht Andreas Lubitz oft zum Arzt und auch zum Psychiater. Fast 20 Mal in drei Monaten. Seine Mutter begleitet ihn, macht teilweise die Termine aus. Andreas Lubitz bekommt Antidepressiva, die im Ruf stehen, das Selbstmordrisiko zu erhöhen. Ein Düsseldorfer Neurologe attestiert Lubitz eine "hypochondrische Störung". Hypochonder sind Menschen, die in ständiger Angst leben, schwer krank zu sein. Am 10. März 2015 überweist ihn eine Ärztin in eine psychiatrische Klinik. Sie befürchtet eine drohende Psychose. Mit anderen Worten: Sie fürchtet, dass Lubitz kurz davor steht, verrückt zu werden. Doch Lubitz geht nicht in die Klinik. Sein Sohn, so beharrt der Vater, sei lediglich wegen seiner Sehschwäche in Behandlung gewesen. Im Netz recherchiert Andreas Lubitz nach Methoden sich umzubringen. "Diazepam USA rezeptfrei", "welches Gift tötet schmerzlos", "blind durch Stress und Licht", "Tod durch Benzin", "Methode von Kusch", und "Selbstmord durch Antidepressiva" tippte er in seinen Computer.

Andreas Lubitz recherchierte Selbstmordmethoden

Das verriet der Browser eines beschlagnahmten iPads. Es habe drei iPads gegeben, hält van Beveren dagegen. "Damit war auch die Polizei überfordert", sagt er und legt den Schluss nahe, dass die Suchbegriffe auch aus einer Cloud stammen könnten. Andreas Lubitz recherchierte nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch, ob und welche Sicherheitsvorkehrungen es für Cockpit-Türen gibt. Auch das glaubt van Beveren nicht. Lubitz hätte als Pilot doch Zugang zu den Originalunterlagen bei Germanwings gehabt. Es sei "nicht nachvollziehbar, wie unterstellt wird, er hätte die Tat vorbereitet." Die Behörden hätten bis heute "kein Motiv." Es gibt zwei zentrale Fragen, um zu klären, ob der Absturz Unfall oder Massenmord war: War Andreas Lubitz alleine im Cockpit? Und war er bei Bewusstsein? Beide Fragen haben sowohl die Staatsanwaltschaften in Frankreich und Deutschland als auch die BEA bejaht.

"Um 09:30:08 Uhr sagte der Kapitän zum Co-Piloten, dass er das Cockpit verlassen würde und bat ihn, den Sprechfunk zu übernehmen, was der Co-Pilot bestätigte", heißt es im Bericht der BEA. "Um 09:30:24 Uhr wurden Geräusche aufgezeichnet, die durch das Öffnen und dann drei Sekunden später durch das Schließen der Cockpittür hervorgerufen wurden."

Staatsanwalt: "Keine Zweifel, dass Lubitz den Absturz herbeigeführt hat"

Lubitz war nun allein im Cockpit. Nur Sekunden später wurde die Höhe am Autopiloten verstellt – von 38.000 Fuß auf 100 Fuß (1 Fuß entspricht etwa 30 Zentimetern). Geschwindigkeit und Sinkrate wurden erhöht. Der Fluglotse versucht mehrfach, Kontakt zum Cockpit aufzunehmen, erhielt jedoch keinen Antwort. Um 09:34:23 Uhr erhöhte sich die eingestellte Geschwindigkeit. Um 09:34:31 Uhr ist der Türsummer zu hören. Der Pilot will zurück ins Cockpit. Lubitz reagiert nicht. Wieder versucht der Fluglotse Kontakt mit dem Cockpit aufzunehmen. Keine Antwort. Stattdessen wird die Geschwindigkeit um 09:35:03 Uhr wieder erhöht. Klopfgeräusche sind zu hören und dumpfe Stimmen. Der Pilot will ins Cockpit. Um 09:41:06 zerschellte die Maschine. Das Flugzeug ging kontrolliert in den Sinkflug. Kurz vor dem Aufprall, das ergab die Auswertung des Flugschreibers, wurde noch mal Gas gegeben. Andreas Lubitz muss also, so folgern die Ermittler, bei Bewusstsein gewesen sein.
"Die Staatsanwaltschaft hat keinerlei Zweifel, dass der Absturz bewusst und gewollt, mutmaßlich in suizidaler Absicht - vom Co-Piloten herbeigeführt worden ist“, sagt Staatsanwalt Christoph Kumpa. Es gebe "keine alternative Absturzursache." Die BEA hat ihren Bericht ins Netz gestellt. Van Beveren will sein Gutachten dagegen nicht veröffentlichen. Jedenfalls noch nicht. Erst mal sollen die Behörden richtig ermitteln.

Animation des Germanwings-Absturzes