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Attentat am Breitscheidplatz: Chaos bei Berliner Polizei: Fahndung nach Anis Amri wurde erst nach drei Stunden eingeleitet

Ein internes Papier bewertet die Arbeit der Berliner Polizei beim Weihnachtsmarkt-Terroranschlag. Das Ergebnis: Teilweise herrschten chaotische Zustände.

Terroranschlag von Berlin: Am 19. Dezember steuerte Anis Amri einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz

Terroranschlag von Berlin: Am 19. Dezember steuerte Anis Amri einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz

In den Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche im vergangenen Dezember herrschten bei der Berliner Polizei Medienberichten zufolge chaotische Zustände. Wie der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), die "Berliner Morgenpost" und das Magazin "Focus" am Freitag berichteten, begann die Suche nach dem Fahrer des Todeslastwagens mit deutlicher Verzögerung. Die Berichte stützen sich auf einen unveröffentlichten Polizeibericht, der demnach zudem unklare Führungsstrukturen attestiert.

Weder die Leitstellen noch der Polizeiführer hätten eine Sofortfahndung nach dem Täter ausgelöst, heißt es den Angaben zufolge in dem Abschlussbericht. Erst drei Stunden nach dem Attentat mit zwölf Toten und mehr als 60 Verletzten hätten Staatsschützer auf eigene Faust eine Überprüfung bekannter Gefährder in veranlasst. Noch einmal zwei Stunden später habe die Polizeiführung eine bundesweite Überprüfung aller Gefährder in Gang gesetzt.

Unklar: Wer leitet den Einsatz überhaupt?

Für die verzögerte Tätersuche findet der Abschlussbericht laut den Medien drei Erklärungen - erstens "unzureichende Lagekenntnisse des Polizeiführers" und zweitens die Festnahme eines irrtümlich für den Täter gehaltenen Pakistaners. Drittens sei noch eine halbe Stunde nach dem Anschlag vom 19. Dezember 2016 unklar gewesen, wer den Polizeieinsatz überhaupt leiten solle.

"Eine einheitliche Führung des Einsatzes war für die Einsatzabschnittsführer nicht wahrnehmbar", zitierte der "" aus dem Bericht. Zudem seien die für einen Anschlag erarbeiteten Einsatzpläne nicht allen Führungskräften bekannt gewesen.

Der Berliner FDP-Abgeordnete Marcel Luthe forderte personelle Konsequenzen. "Das monatelange Verschweigen dieser Tatsachen macht die Spitze der Berliner unhaltbar", sagte Luthe dem RBB und der "Morgenpost". Die Abgeordneten Canan Bayram (Grüne) und Hakan Tas (Linke) forderten eine umfassende Aufklärung der festgestellten Fehler.

Terroranschlag: Akten wurden nachträglich manipuliert

Der aus Tunesien stammende Attentäter hatte einen gestohlenen Lastwagen in den gut besuchten Weihnachtsmarkt gesteuert. Amri, der den Anschlag mit einem Vertreter der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) koordiniert hatte, entkam anschließend unerkannt und wurde vier Tage später auf seiner Flucht bei einer Polizeikontrolle in Mailand erschossen.

In Berlin befasst sich im Auftrag des Senats der Sonderermittler Bruno Jost mit dem Fall. Ferner setzte das Berliner Abgeordnetenhaus einen eigenen Untersuchungsausschuss ein. Jost fand im Frühjahr heraus, dass im Berliner Landeskriminalamt im Nachgang des Anschlags Akten manipuliert wurden. Damit sollte offenbar vertuscht werden, dass Amri Wochen vor dem Anschlag wegen Drogenhandels hätte festgenommen werden können. 

tyr/AFP

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