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Interview

Chef des WWF Australien: "Der Klimawandel löst keine Buschbrände aus – aber er macht sie sehr viel schlimmer"

Seit Wochen haben Buschfeuer den australischen Kontinent fest im Griff. Auch die Tierwelt leidet massiv unter den Bränden. Ein Gespräch mit dem Chef des WWF Australien über Spenden, die drastischen Folgen der Feuer und den Klimawandel.

Australien, Adelaide: Ein Koala, liegt nach den Buschfeuern tot am Straßenrand

Australien, Adelaide: Ein Koala, liegt nach den Buschfeuern tot am Straßenrand, in der Nähe des Flinders Chase National Park auf Kangaroo Island

DPA

Gewaltige Buschfeuer toben in großen Teile Australiens, vertreiben Menschen aus ihren Häusern und zerstören den Lebensraum von Millionen Tieren. Der stern sprach mit Dermot O’Gorman, dem Chef des australischen World Wide Fund For Nature (WWF) über die dramatischen Auswirkungen der Brände auf die Tierwelt und ob und wie die Lebensräume dort wieder hergestellt werden können.

stern: Welche Maßnahmen hat der WWF ergriffen, um den Tieren in Australien zu helfen?

Wir sorgen zum einen dafür, dass akute Gegenmaßnahmen gegen die Buschfeuer ergriffen werden können und stellen zum anderen sicher, dass es langfristige Pläne gibt, um wiederherzustellen, was zerstört wurde. Wir haben uns mit Tierrettungsorganisationen in den betroffenen Staaten zusammengetan und stellen Gelder zur Verfügung, damit diese entsprechend reagieren können.

In den vergangenen Tagen haben wir eine erste halbe Million Australische Dollar dafür zur Verfügung gestellt und das ist nur der Anfang. In den kommenden Wochen werden wir weiterhin dafür sorgen, dass unsere Partner vor Ort schnell reagieren können.

Dermot O’Gorman: Wie kann man – jenseits von Spenden – helfen?

Unterschätzen Sie nicht, wie wichtig es ist, ein Bewusstsein für diese Krise zu schaffen in Ihrer Familie, unter Ihren Freunden oder in Ihrer Gemeinde. Ihre Stimme ist stark und kann dazu beitragen, dass ein Bewusstsein geschaffen wird dafür, wo dringend Hilfe nötig ist und welche Änderungen wir für die Zukunft brauchen. Der Klimawandel löst keine Buschbrände aus, aber er macht sie sehr viel schlimmer. Wir müssen Lösungen finden, um den Klimawandel abzuschwächen. Wenn Gemeinden, Regierungen und die Industrie zusammenarbeiten können wir ein Vorreiter sein bei erneuerbaren Energien und den CO2-Ausstoß von einigen Industriezweigen senken.

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Wie läuft die Zusammenarbeit mit der australischen Regierung?

Die Führung des Landes muss gerade auf eine beispiellose Krise reagieren, die unseren Gemeinden und der Tierwelt massiv geschadet hat. Premierminister Scott Morrison hat bereits angekündigt, dass ein nationaler Fond für den Wiederaufbau eingerichtet werden soll, in den über die nächsten zwei Jahre mindesten zwei Milliarden Dollar fließen sollen. Das hier ist eine nationale Krise und der WWF will mit der Regierung zusammenarbeiten, um Menschen und Tieren in Not schnell Hilfe zukommen zu lassen. 

Welche Langzeitpläne verfolgt der WWF auf diesem Gebiet?

Die aktuelle Verwüstung ist beispiellos und der bevorstehende Wiederaufbau wird eine schwierige Aufgabe. Deswegen bitten wir um internationale Hilfe, damit wir einen 30 Millionen Australische Dollar schweren Tier- und Naturrettungsfond einrichten können. Wir werden einen nationalen Wiederaufbauplan benötigen, um Tiere zu retten und den Lebensraum für Mensch und Natur wieder herzustellen. Wenn die Brände bekämpft sind, wird der WWF mit dem "Zwei-Milliarden-Bäume-Plan" helfen, Koalas und anderen Wildtieren wieder eine Heimat zu geben. Sobald die Feuer gelöscht sind, werden wir die ersten 10.000 dringend benötigten Bäume in bedrohten Koala-Gebieten pflanzen.

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Ist es wirklich möglich, die vom Feuer zerstörten Buschgebiete wieder herzustellen und wie lange würde so etwas dauern?

Australiens Eucalyptus-Wälder haben sich so entwickelt, dass sie Buschfeuer überleben, aber viele Wälder werden Jahrzehnte brauchen, um sich zu erholen. Manche werden vielleicht nie wieder ihren ursprünglichen Zustand erreichen. Was einem Angst machen kann, ist, dass die australische Wildnis schon vor den diesjährigen Bränden durch exzessives Bäumefällen und die Erderwärmung angeschlagen war. Australien war das einzige Industrieland, das im "The Living Planet Report" als Hotspot für Abholzung geführt wurde. Wir sind der Ansicht, dass die Zerstörung der verbliebenen Waldgebiete gestoppt werden muss, damit unsere Wälder und Tierwelt eine Zukunft haben kann. Das verlangen wir von Regierungen, Landbesitzern und Konzernen. Mit unserem "Zwei-Milliarden-Bäume-Plan" könnten wir als der Abholzungsnation Australien eines der führenden Länder für Aufforstung machen. Davon würden unsere Tierwelt, das Klima und  die Menschen profitieren.

Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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