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Ferieninsel in Indonesien: "Am Strand lagen Leichen und Schwerverletzte": Augenzeugen berichten vom Erdbeben auf Lombok

Ein schweres Erdbeben hat die indonesische Insel Lombok erschüttert, auch Bali und Java sind betroffen. Es gibt Dutzende Tote. Augenzeugen berichten beim stern, wie sie den Schrecken erlebt haben.

Protokoll: Florian Schillat

Nach dem neuen schweren Erdbeben auf der indonesischen Ferieninsel Lombok steigt die Zahl der Todesopfer immer weiter. Bei dem Beben der Stärke 7,0 starben nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde mindestens 98 Menschen, ein Sprecher der zuständigen Provinzbehörde hatte von mindestens 142 Todesopfern gesprochen. Zudem gab es auf der Nachbarinsel von Bali mehrere hundert Verletzte. Tausende flohen in Panik aus ihren Häusern. 

Am Montag gab es immer wieder kräftige Nachbeben. Viele Menschen verbrachten die Nacht daher im Freien - meist ohne Licht, weil durch das Beben auch zahlreiche Stromleitungen gekappt waren. Erst vor einer Woche bei einem Beben auf Lombok 16 Menschen getötet worden, außerdem gab es mehr als 350 Verletzte.

Erdbeben auf Lombok, Indonesien: Augenzeugen berichten im stern

Luca (kl. Foto, oben) und Florian (unten) haben das schwere Erdbeben in Indonesien hautnah mitbekommen. Im stern schildern sie ihre Erlebnisse.

Beim stern berichten Augenzeugen, wie sie das schwere Erdbeben am Sonntag erlebt haben - und wie es nun für sie weitergeht. Der stern hat die Gespräche protokolliert. 

Florian Schreyer, 36, Programmierer: "Wir hatten Deutschland eigentlich hinter uns gelassen - nun fliegen wir zurück"

"Das erste Erdbeben vor einer Woche haben wir eigentlich gar nicht richtig mitbekommen. Es war Morgen, meine Freundin Jana und ich lagen noch im Bett. Plötzlich hat das Bett für wenige Sekunden leicht hin und her geschaukelt. Erst in den Nachrichten haben wir erfahren, dass es sich dabei um ein Erdbeben gehandelt hat. Da wir zu diesem Zeitpunkt in Canggu (Küstenort im Süden Balis, Anm. d. Red.) waren, haben wir davon offenbar kaum etwas gespürt. Aber in Ubud Penestanan (Kleinstadt in Zentral-Bali, Anm. d. Red.) am Sonntagabend war uns sofort klar: Das ist ein Erdbeben. 

Erdbeben in Indonesien: Florian und Jana berichten

Florian und Jana wollten auf Bali leben - nun kehren sie nach Deutschland zurück

Wir lagen wieder im Bett, dieses Mal war es Abend, und haben einen Film gesehen. Es hatte den gesamten Tag über heftig geregnet. Plötzlich ist Jana aufgesprungen und schrie: 'Erdbeben! Raus!' Ich konnte gar nicht so schnell schalten und habe den Film erst einmal gestoppt. Was ich zunächst für Regen gehalten habe, waren die Fensterscheiben, die durch das Beben vibriert haben. In Unterwäsche und Barfuß sind wir in den Garten unseres Bungalows geflüchtet. Wir hatten das Gefühl, als würden wir schielen: Der Boden hat sich wellenförmig bewegt, die Häuser haben gewackelt, einfach alles war in Bewegung. Als das Beben nachgelassen hat, sind wir zu den Einheimischen gegangen, die ebenfalls alle draußen gestanden haben. Eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm sagte uns, es sei nun vermutlich vorbei. Überhaupt waren die Menschen hier sehr gefasst, da sie die Situation offenbar kennen. Die Stärke des Bebens hat aber auch sie überrascht.   

Wir sind zunächst wieder in unseren Bungalow gegangen. Vor dem Erdbeben hatten wir uns Maiskolben gekocht. Beim Essen haben wir erst einmal die Google-Schlagzeilen auf nähere Informationen zum Erdbeben gecheckt. Als es plötzlich erneut anfing zu beben: Wieder hat alles ums uns herum heftig gewackelt, wieder haben wir uns ins Freie begeben - dieses Mal mit Maiskolben in der Hand. Es war eine absurde Situation, die uns erst einmal auflachen ließ. Doch die Angst blieb: Wir haben bis in die Nacht zusammengesessen und geredet, um den Schock zu verarbeiten. Jana konnte kein Auge zumachen, auch ich habe kaum geschlafen. Ein Einheimischer hatte uns zuvor gesagt, dass ihn das Wetter und die Atmosphäre an den Tsunami von 2004 erinnere. Irgendetwas stimme nicht. 

Eigentlich hatten wir Deutschland hinter uns gelassen, unsere Wohnung aufgegeben und alle Versicherungen eingefroren. Doch morgen geht Abend es für uns mit dem Flugzeug zurück nach Hamburg, was auch - Stand jetzt - ohne Probleme zu klappen scheint. Heute lege ich zur Sicherheit eine Nachtwache ein, damit wir im Notfall schnell reagieren können. Jana und ich wollten auf Bali selbstständig arbeiten und für ein paar Monate leben, wir haben hier bereits öfter Urlaub gemacht und das immer gern - bisher ist uns so etwas noch nicht passiert. Aber unter dieser ständigen Angst können und möchten wir hier erst einmal nicht leben. Wir sind nun seit vier Wochen auf Bali unterwegs und haben zwei Erdbeben erlebt. Die Gefahr ist für uns einfach zu groß. Bestimmt kommen wir irgendwann wieder. Aber dann machen wir hier erst einmal wieder Urlaub."  

Luca Weber, 20, Bankkaufmann: "Am Strand waren Leichen und Schwerverletzte aufgereiht"

"Wir sind am vergangen Freitag in Gili-Trawangan angekommen, eine kleine Inselgruppe vor Lombok. Eigentlich wollten wir nur ein, zwei Tage bleiben. Aber es war so schön, dass wir unseren Aufenhalt verlängert hatten. Auch der Sonntag, der Tag des zweiten schweren Erdbebens, war zunächst wunderschön. Am frühen Abend saßen wir erst an einer Strandbar, später haben wir uns den Sonnenuntergang angesehen. Irgendwann sind mein Kumpel und ich in die Stadt gegangen, um etwas zu essen. Wir standen an einem Crêpe-Stand, als es gegen 19.30 Uhr (Ortszeit, Anm. d. Red.) passierte. Plötzlich sprang der Strandbesitzer einen Meter zurück, einen Augenblick später fing die Erde heftig zu beben an. Wir mussten uns auf den Boden legen, damit wir nicht umfallen - einige Menschen in der Bar neben uns sind von ihren Stühlen gefallen. Die Menschen vor Ort sind panisch durch die Gegend gerannt, haben geschrien - viele Gebäude wurden stark beschädigt oder sind ganz in sich zusammengefallen. Es roch nach Gas. Der Strom ist ausgefallen. Ich war voller Adrenalin. 

Erdbeben in Indonesien: Luca berichtet

Luca fand nach dem Erdbeben das pure Chaos vor

Als das Erdbeben aufhörte, waren wir extrem neben der Spur. Es herrschte pures Chaos. Niemand hatte Informationen, was passiert ist, geschweige denn einen Plan, wie nun vorzugehen ist. Instinktiv sind dutzende Einheimische einen nahe gelegenen Berg hochgewandert. Gemeinsam mit ein paar weiteren Deutschen, die wir in den Tumulten kennengelernt haben, haben wir uns angeschlossen. Dabei kam es immer wieder zu leichten bis starken Nachbeben. Es waren mindestens 20, die ich gespürt habe. Oben auf dem Berg haben sich einige Indonesier in Baumkronen verschanzt - offenbar in der Hoffnung, sollte ein Tsunami losbrechen, in Sicherheit zu sein. 

Es war eine anstrengende und schlaflose Nacht. Immer wieder bebte die Erde, Menschen fingen an zu schreien. Einige hatten ihre Gebetsbücher dabei und haben bei jeder Erschütterung angefangen zu beten. Während ich mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich noch an meinen Pass und mein Geld im Bed & Breakfast komme, haben die Menschen geschrien und gebetet. Um 6 Uhr morgens sind wir wieder in die Stadt aufgebrochen und haben schnell unsere Sachen aus der Unterkunft geholt, die auch einiges abbekommen hatte. 

Der große Schock folgte gegen 8 Uhr, als wir den Strand erreichten: Dort sahen wir sieben bis acht Leichen auf Strandliegen aufgereiht, mit Steinen eingerahmt und mit Tüchern bedeckt. Ich vermute, dass auch Kinder unter den Toten waren, da auch kleinere Körper zu erkennen waren. Nur 40 bis 50 Meter weiter lagen Schwerverletzte zwischen blutigen Verbänden und Zigarettenkippen. Wir halfen einigen Touristen dabei, das Gebiet mit Steinen 'abzusperren' und die Verletzten mit Medikamenten zu versorgen, die ich aus einer zerstörten Apotheke auf dem Weg mitgenommen hatte. Von offizieller Hilfe fehlte jede Spur, nicht einmal ein Hubschrauber wurde geschickt. Auch die Polizei hat sich nicht blicken lassen, als zahlreiche Shops geplündert worden. Es war schockierend. 

Irgendwann kam dann doch noch ein Schiff, dass die Verletzten abtransportierte. Auch wir haben es wenig später geschafft, auf einem Polizeiboot auf eine der Nachbarinseln mitgenommen zu werden. Doch die Angst blieb: Auch der Polizist betete beim Anblick des Wellengangs - und ich hatte keine Schwimmweste. Dementsprechend erleichtert war ich, als wir wieder Festland erreicht haben. Der Weg nach Gianyar (Regierungsbezirk auf Bali, Anm. d. Red.), wo ich jetzt bin und wo wir unsere Reise begonnen hatten, hat noch mehrere Stunden gedauert. Nun fühle ich mich sicherer. Mein Rückflug ist am kommenden Samstag, dann fliege ich zurück nach Australien, wo ich aktuell Work & Travel mache. Ich werde aber sicherheitshalber am Hotelpool schlafen." 

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