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"Es gab keinen Notfallplan" Brand im Grenfell-Tower mit 72 Toten: Untersuchung sieht schwere Fehler bei der Feuerwehr

Londoner Grenfell Tower
Der Londoner Grenfell Tower wenige Tage nach dem Brand im Juni 2017
© David Mirzoeff / PA Wire / DPA
Hätten mehr Menschen gerettet werden können? Mehr als drei Jahre nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower mit 72 Toten werden in einem Untersuchungsbericht offenbar schwere Vorwürfe gegen die Feuerwehr erhoben.

Ein Untersuchungsbericht zu dem verheerenden Feuer im Londoner Grenfell-Tower im Juni 2017 weist auf "gravierende Mängel" beim Umgang der Feuerwehr mit dem Brand hin. Das berichtet die britische Zeitung "Telegraph", die das Dokument einsehen konnte.

Auf den rund 1000 Seiten nennt Sir Martin Moore-Bick, der Leiter der Untersuchungskommission, demnach zwar weiterhin die brennbare Aluminiumverkleidung des Hochhauses als Hauptgrund für die schnelle Ausbreitung der Flammen und einen elektrischen Defekt an einem Kühlschrank in einer Wohnung im vierten Stock als Brandursache, gleichzeitig übe der pensionierte Richter aber massive Kritik an der Feuerwehr.

Bewohner blieben fast zwei Stunden im Grenfell Tower

Insbesondere die sogenannte "Stay Put"-Strategie (in etwa: "Bleib, wo du bist!") der Einsatzkräfte sei für die hohe Opferzahl mitverantwortlich. Entsprechende Kritik kam schon kurz nach dem Großbrand auf. Die Taktik besagt, dass alle nicht vom Feuer, von der Hitze oder vom Rauch direkt betroffenen Bewohner in ihren Wohnungen bleiben sollen, bis es andere Anweisungen der Feuerwehr gibt. Im Fall des Grenfell-Towers sei die "Stay Put"-Regel fast zwei Stunden aufrechterhalten worden. Allerdings gelte die Maßnahme für gewöhnlich nur für Hochhäuser mit ausreichendem Brandschutz. Dieser war in dem Londoner Gebäude nicht gegeben.

Der erste Notruf erreichte die Feuerwehr gegen 0.54 Uhr, erst um 2.47 Uhr sei die "Stay Put"-Maßnahme aufgehoben worden. Sir Martin Moore-Bick stellt laut "Telegraph" in seinem Bericht fest: "Diese Entscheidung hätte zwischen 1.30 Uhr und 1.50 Uhr getroffen werden können und sollen und hätte wahrscheinlich zu weniger Todesfällen geführt." Er spreche von einem "Mangel systemischer Natur" bei den Einsatzkräften: Das Konzept zum Verbleiben in den Wohnungen sei innerhalb der Feuerwehr zu einer Art Dogma geworden. "Es war in jeder Hinsicht undenkbar, davon abzuweichen". Und: "Es gab keinen Notfallplan für die Evakuierung des Towers."

Ein weiterer Kritikpunkt: Ein relativ junger und unerfahrener Feuerwehrmann habe zu lange das Kommando über den Einsatz gehabt. Dennoch hob der Leiter der Untersuchungskommission die "Heldentaten" und die "Tapferkeit" der eingesetzten Feuerwehrleute hervor.

"Würde nichts daran ändern, was wir in der Nacht getan haben"

Dany Cotton, die Chefin der Londoner Feuerwehr, entgegnete den Vorwürfen dem Bericht zufolge bei einer Anhörung: "Ich würde nichts daran ändern, was wir in der Nacht getan haben." Für Moore-Bick sei ihre Reaktion ein weiterer Beleg für "institutionelles Versagen". Sie sei ein Beweis dafür, dass die Feuerwehr das Risiko eingehe, nichts aus dem Feuer im Grenfell-Tower zu lernen.

Der Abschlussbericht, aus dem der "Telegraph" zitiert, soll am Mittwoch offiziell vorgestellt werden. Eine zweite Untersuchung, die sich mit weiteren Umständen und Gründen für die Katastrophe befasst, soll im Januar starten.

Die Ergebnisse der Abschlussberichte können Betroffenen und Angehörigen der Opfer bei künftigen Gerichtsverfahren helfen, ihre Ansprüche durchzusetzen.

Quellen:"Telegraph" (1), "Telegraph" (2)

wue

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