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Antisemitische Attacke in Halle: Darum ist das jüdische Leben gerade im Osten Deutschlands wieder aufgeblüht

Gerade in Ostdeutschland haben Juden nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes ein neues Zuhause gefunden. Synagogen wurden neu gebaut oder renoviert, zahlreiche Gemeinden sind stark gewachsen. Das hat seinen Grund.

Von Michael Lehmann

Antisemtisches Attentat in Halle: "Weg von den Fenstern!" Augenzeugin beschreibt, was in der Synagoge geschah

Man könnte es eine Renaissance nennen: Jüdisches Leben ist im Osten Deutschlands nach dem Ende des Kalten Kriegs wieder aufgeblüht, Gemeinden sind stark gewachsen, Synagogen wurden gebaut oder renoviert. Dabei sah es nach dem Menschheitsverbrechen des Holocausts so aus, als hätten die Reste der jüdischen Gemeinden keine Chance im SED-Staat, der sich kaum bemühte, seine antisemitischen Züge zu verbergen. Ehemals große Gemeinden versanken in der Bedeutungslosigkeit – so auch in Halle an der Saale. Wurden hier Anfang der 1930er Jahre noch etwa 1400 praktizierende Gläubige gezählt, so waren es zum Mauerfall lediglich noch eine Handvoll. Heute zählt die Gemeinde wieder mehr als 500 Mitglieder.

Viele jüdische Migranten aus ehemaligen Sowjetrepubliken finden im Osten ein neues Zuhause

1991 beschloss die Innenministerkonferenz, die Einreise osteuropäischer Juden zu erleichtern. Seitdem finden vor allem jüdische Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Ostdeutschland ein neues Zuhause, wo es für sie weniger sprachliche Probleme gibt als im Westen. Die Gemeinden wuchsen auf mehr als 16.000 Mitglieder, wovon allerdings gut die Hälfte in Berlin leben.

Allerdings sind auch Straftaten mit antisemitischem Hintergrund im Osten besonders häufig. Insgesamt leben derzeit knapp 100.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland.

Blick auf die Synagoge und den jüdischen Friedhof in Halle

Blick auf die Synagoge und den jüdischen Friedhof in Halle

DPA

Was an Jom Kippur gefeiert wird

In Halle hatten sich die Gläubigen sich aus Anlass von Jom Kippur in der Synagoge versammelt. Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag, ein Tag der Sühne, der inneren Reinigung, der Versöhnung. Ein Tag, der - je nach Konstitution und Haltung des Gläubigen - durch mehr oder weniger strenge Enthaltsamkeit geprägt ist.

Bereits am Vorabend bei Sonnenuntergang beginnt das Fasten: Speisen, Getränken und Sex ist zu entsagen, Strengere verzichten auch auf Lederschuhe und kleiden sich in Weiß. Sünden wurden von alters her an diesem Tag auf ein Tier übertragen, bevor man es "in die Wüste schickte" oder schlachtete. Martin Luther formte daraus später den "Sündenbock". Der Feiertag endet mit dem Blasen des "Schofar"“, eines großen Widderhorns.

Nach Gründung des Staates Israel ist dieser Tag auch als Moment der Verwundbarkeit bekannt geworden. Syrien und Ägypten nutzten im Oktober 1973 die festlich bedingte Lähmung der öffentlichen Ordnung im jüdischen Staat für einen Überraschungsangriff, gegen den Israel erst mühselig Truppen mobilisieren musste. Dieser von Israel letztlich gewonnene Krieg führte zwar nicht zur Versöhnung mit allen Nachbarn, aber letztlich zur Anerkennung des Staates Israel durch Ägypten in Camp David 1979.