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25. Januar 1998 Der Tag, als ein Touristenehepaar beim Tauchgang am Great Barrier Reef vergessen wurde

Ein Ehepaar auf Tauchgang: Filmszene aus "Open Water"
Filmszene aus "Open Water". Der Film basiert lose auf dem Schicksal des US-Ehepaars Tom und Eileen Lonergan, die bei einem Tauchgang am Great Barrier Reef vergessen wurden.
© Imago Images
Vor 24 Jahren wurden die US-Amerikaner Thomas und Eileen Lonergan bei einen Tauchausflug am australischen Great Barrier Reef vergessen. Ihre Abwesenheit wurde von der Bootsbesatzung erst zwei Tage später bemerkt. Eine Suche nach dem Ehepaar blieb erfolglos – und ihr Schicksal wurde zur Filmvorlage.

Der US-Thriller "Open Water" ist nichts für schwache Nerven. In dem Film geht es um ein Touristenehepaar, das bei einem Tauchgang in der Karibik durch einen Zählirrtum des Kapitäns im Wasser vergessen wird und fortan im offenem Meer um sein Überleben kämpft.

Als Filmvorlage diente den Machern eine wahre Begebenheit: das Schicksal der US-Amerikaner Tom und Eileen Lonergan, die heute vor 24 Jahren, am 25. Januar 1998, bei einem Tauchausflug am Great Barrier Reef vergessen und nie wieder gefunden wurden.

Das Ehepaar reiste nach drei Jahren als Lehrer des Friedenskorps auf den Inseln Fidschi und Tuvalu nach Australien. Thomas war 33, Eileen 28 Jahre alt, beide waren erfahrene Taucher. Australien war die erste Station einer geplanten Weltreise, bevor es zurück nach Louisiana gehen sollte.

Tom und Eileen Lonergan bei Tauchgang vergessen

Am frühen Morgen des 25. Januar 1998 fuhren die Lonergans mit einem Shuttlebus von ihrem Hostel zu einem Yachthafen in Port Douglas, Queensland, wo ein Tauchunternehmen sie und 24 andere Urlauber zum Rand des Great Barrier Reefs, rund 64 Kilometer vor der Küste, brachte. Der letzte Tauchgang des Tages fand an einer Korallenformation statt, die wegen ihres reichhaltigen Meereslebens "Fish City" genannt wird. Während andere einem Tauchlehrer folgten, erkundeten die Lonergans den Ort auf eigene Faust.

Am Ende des 40-minütigen Tauchgangs sollte die Besatzung die Tauchgänge der einzelnen Personen protokollieren und die Köpfe zählen, bevor das Boot ablegte. Doch mehrere Besatzungsmitglieder waren unerfahren und sich ihrer Verantwortung nicht bewusst, was dazu führte, dass die Tauchgänge der Lonergans nicht aufgezeichnet wurden und die Zählung fehlerhaft war. In dem Glauben, alle Passagiere an Bord zu haben, fuhr der Kapitän zurück nach Port Douglas.

Vergessene Tauchtasche weckt zunächst keinen Verdacht

Als alle Passagiere das Boot verlassen hatten und eine Tauchtasche und Schuhe der Lonergangs noch im Boot lagen, nahm ein Besatzungsmitglied an, jemand habe sie versehentlich liegen gelassen. Als der Shuttlebusfahrer die Lonergans wieder am Kai abholen wollte und sie nicht am vereinbarten Treffpunkt warteten, suchte er sie kurz in einer Eisdiele, in nahegelegenen Cafés, in einem Hotel und in anderen Bereichen, konnte sie aber nicht finden. Doch auch in dem Tauchunternehmen wurde da noch niemand stutzig und man nahm einfach an, das Paar hätte sich selbst auf den Rückweg gemacht.

Erst als ein Skipper zwei Tage später bemerkte, dass die Tauchtasche noch immer nicht abgeholt worden war und darin die Brieftasche von Mr. Lonergan fand, und auch ein Anruf in der Herberge ergab, dass die beiden nicht zurückgekehrt waren, erfuhr die Polizei, dass das Paar vermisst wurde. Am 28. Januar 1998 begannen mehrere Flugzeuge, Hubschrauber und Boote sowie Taucher von Polizei, Marine und Zivilisten mit der Suche. Trotz der tagelangen Suche wurde keine Spur von den Lonergans gefunden.

Tauchausrüstung der Lonergans wird angespült

Was mit den beiden erfahrenen Tauchern geschah, ist bis heute unklar. Einen Tag nach ihrem Verschwinden entdeckte ein Taucher am selben Tauchplatz zwei Bleigürtel, bei denen es sich möglicherweise um die des Ehepaares handelte. Vermutlich legten sie sie ab, nachdem sie bemerkten, dass das Boot weg war.

Am 5. Februar 1998 wurde etwa 105 Kilometer nördlich von Port Douglas eine Weste, die für den Auftrieb dient, am Strand gefunden. Kurz darauf wurde dort auch der grün-graue Neoprenanzug von Eileen Lonergan an Land gespült. Bei der Untersuchung des Seepockenwachstums auf dem Neoprenanzug wurde festgestellt, dass er wahrscheinlich seit Januar im Meer gelegen hatte. Zudem hatte er Risse im Gesäßbereich und der Achselhöhlen, die nach Ansicht der Experten durch den Kontakt mit Korallen entstanden waren.

Im Juni 1998 wurden an einem Strand von Port Douglas, etwa 121 Kilometer von der Stelle entfernt, an der das Paar verschollen war, weitere Teile der Tauchausrüstungen des Paares gefunden. Darunter aufblasbare Tauchjacken mit den Namen der Lonergans sowie ihre Pressluftflaschen und eine von Eileens Flossen. Außerdem wurde eine verwitterte Taucher-Tafel (ein Gerät, das zur Kommunikation unter Wasser verwendet wird) gefunden, auf der angeblich zu lesen war "Montag, 26. Januar 1998, 8 Uhr. An alle, die uns helfen können: Wir wurden am Agincourt Reef von der MV Outer Edge am 25. Januar 1998 um 15 Uhr ausgesetzt. Bitte helfen Sie, uns zu retten, bevor wir sterben. Hilfe!!!"

Ehepaar Lonergan erlitt vermutlich Delirium

Zwar wurde auch spekuliert, dass das Paar das Verschwinden möglicherweise inszeniert haben könnte, da ein anderer Kapitän berichtete, an jenem Tag mit mehr Tauchern zurückgekehrt zu sein, als ursprünglich mitgefahren waren und er unter den ausschließlich italienischen Touristen an Bord auch amerikanische Stimmen vernommen hatte. Doch die Bankkonten der Lonergans wurden nie angerührt und ihre Versicherungspolicen nicht in Anspruch genommen. Der Vater von Eileen vermutete, dass das Paar schließlich dehydriert und desorientiert war und am Ende ertrank oder von Haien gefressen wurde.

Aufgrund des Zustandes der gefundenen Taucherausrüstung spekulierten Experten, dass die Lonergans wahrscheinlich nicht von einem Tier angegriffen wurden, sondern einem Delirium infolge einer Dehydrierung erlagen, das sie dazu veranlasste, ihre Tauchausrüstung freiwillig auszuziehen. Ohne den Auftrieb durch die Ausrüstung wäre das Paar nach Aussage von Experten nicht in der Lage gewesen, lange im Wasser zu bleiben, und wäre bald ertrunken.

Auch andere Tauchtouristen wurden vergessen

Der Kapitän des Tauchboots wurde nach dem Vorfall wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Zwar wurde er freigesprochen, aber seine Firma zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem sie sich der Fahrlässigkeit schuldig bekannt hatte. Infolgedessen gab er die Firma auf. Die Regierung von Queensland führte nach dem Verschwinden der Lonergans strengere Vorschriften ein, darunter jene, dass Kapitäne und Tauchlehrer jede Kopfzählung unabhängig voneinander bestätigen müssen.

Trotzdem kam es auch nach dem Vorfall zu weiteren Fällen. 2008 wurden ein Brite und eine Amerikanerin ebenfalls bei einem Tauchausflug am Great Barrier Reef vergessen. Sie verbrachten 20 Stunden nahe der Pfingstinseln vor der australischen Ostküste, bis ein Rettungshubschrauber sie entdeckte. Die beiden waren beim Tauchen durch eine starke Strömung abgetrieben worden und tauchten rund 200 Meter vom Boot entfernt auf, wo sie sich nicht bemerkbar machen konnten. Drei Jahre später, im Juni 2011, wurde ein Schnorchel-Tourist ebenfalls am Great Barrier Reef vergessen. Er sah schließlich ein anderes Boot mit Tauchtouristen in der Nähe und schwamm dort hin. Er wurde an Bord genommen und kehrte sicher ans Land zurück.

Quellen:  "New York Times",  michaelmcfadyenscuba.info, Youtube, DPA


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