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stern Reportage

Bernsteinabbau in der Ukraine: Das Gold und der Dreck - wo der Staat das Geschäft einem korrupten Netzwerk überlässt

Im Nordwesten der Ukraine leben die Menschen vom Bernsteinabbau. Illegal. Der Staat überlässt das Geschäft einem korrupten Netzwerk aus Kriminellen und Beamten. Einblicke in eine Welt mit ganz eigenen Gesetzen.

Von Bettina Sengling

Illegaler Bernsteinabbau: Das Gold und der Dreck

Bernsteinabbau: Unbehandelt sehen Bernsteine aus wie Kieselsteine. Kleinere Stücke werden in Säcken verkauft, nur die größeren sind wertvoll

Der Weg zur Goldgrube führt durch den Schlamm. Durch Schlammseen. Über verschlammte Wege. Manchmal schaukelt der Traktor wie ein Schiff auf hoher See. Manchmal verhaken sich die Räder an Baumwurzeln. Im Schritttempo geht es so in den Wald.

Vorn sitzt Bogdan, auf dem Anhänger hocken zwei seiner Arbeiter. Bogdan ist ein kleiner freundlicher Mann, der eigentlich anders heißt. Er würde gern seinen richtigen Namen verraten. Er würde gern zur Arbeit fahren, so wie Leute eben zur Arbeit fahren, ohne Versteckspiel, ohne Angst. Er würde sich gern an Regeln halten, die ihm nicht das Gefühl geben, ein Krimineller zu sein. Er geht sonntags in die Kirche, er trinkt keinen Alkohol, er hat sieben Kinder. Er arbeitet viel. Er fühlt sich nicht als Verbrecher – aber als ein Mann ohne Alternative.

Der illegale Bernsteinabbau hat inzwischen ganze Landkreise erfasst

Die Goldgrube sieht ganz und gar nicht nach Gold aus. Regen und Sumpf vermischen sich zu einer dunklen Brühe. Bogdan springt vom Traktor. Ein Gewirr aus Feuerwehrschläuchen verknotet sich im Wasser. In den Büschen versteckt rattert ein Mercedes-Motor, den die Männer auf Räder montiert haben. Arbeiter in Regenmänteln und sehr hohen Gummistiefeln laufen herum. Der Fundort ist geheim, er gilt als sicher. Die Polizei hat kein Auto, das es bis hierher schaffen würde, so glauben zumindest die Arbeiter.

So wie dieser verheerte, geschundene Flecken Natur, so sieht die Bernsteinindustrie der Ukraine aus: Männer mit selbst geschraubten Pumpenwagen, versteckt im verschlammten Wald. Im Nordwesten des Landes liegt eine der größten Fundregionen Europas für Bernstein, und fast der gesamte Abbau passiert illegal. Nur wenige Firmen dürfen offiziell mit den Steinen handeln, das einzige Staatsunternehmen produzierte in den vergangenen Jahren vorwiegend Skandale: Bis vor einem Jahr schrieb es rote Zahlen.

Mit dem altertümlichen Vorortzug lassen sich die Bernsteinsammler in die Wälder zu ihrer Arbeit bringen

Mit dem altertümlichen Vorortzug lassen sich die Bernsteinsammler in die Wälder zu ihrer Arbeit bringen

Da es in diesem Teil der Ukraine kaum Arbeit gibt, hat das illegale Bernsteinbusiness inzwischen ganze Landkreise erfasst. Nach Schätzungen der Staatsanwaltschaft arbeitet heute jeder sechste Bewohner des Gebiets um Riwne in der Bernsteinindustrie, die es offiziell gar nicht gibt – mindestens 200.000 Menschen. In den Dörfern entstand in den vergangenen Jahren ein kompliziertes Geflecht aus Banden, korrupten Beamten und Dorfbewohnern, die keine andere Chance sehen, als sich zu fügen. Die liberale "Ukrainska Prawda" nannte das Gebiet einen "Staat im Staate mit eigenen Gesetzen".

Im Dunkel des Schwarzmarkts

Die illegalen Geschäfte werfen hohen Profit ab. 300 Tonnen Bernstein werden jährlich nach Schätzungen des Umweltministeriums in Kiew illegal abgebaut – das entspricht einem Umsatz von bis zu einer Milliarde Euro. Besonders die Nachfrage aus China und Saudi-Arabien heizt den Markt an. Ein Kilo kostet inzwischen etwa 3000 Dollar auf dem Schwarzmarkt, mehr als ein durchschnittliches Jahreseinkommen in der Ukraine.

Die Millionengewinne aus dem Bernsteinabbau laufen fast vollständig am Staatshaushalt vorbei. Es gibt nicht einmal eine offizielle Statistik. Dutzende Millionen Euro gehen dem Land so verloren. Eine Katastrophe in einem Land, das seit Jahren von Milliardenkrediten des Internationalen Währungsfonds gestützt wird.

"Niemand will den Bernsteinhandel legalisieren, weil die Bestechungsgelder zu viel Geld einbringen", sagt Oleksandr Sadoroschnij, ein junger Stadtrat aus Riwne. "Alles könnte politisch entschieden werden. Aber diesen Willen gibt es nicht."

In einem Einkaufszentrum in Riwne ordnet eine Verkäuferin Bernsteinschmuck. Die Stücke stammen aus der Gegend

In einem Einkaufszentrum in Riwne ordnet eine Verkäuferin Bernsteinschmuck. Die Stücke stammen aus der Gegend

Die Menschen, die im Februar 2014 während der Revolution auf dem Majdan Präsident Wiktor Janukowitsch aus dem Amt jagten, kämpften für eine andere Ukraine – für ein Land ohne Korruption. Europäischer Geist sollte in die Politik einziehen. Das dunkle Kapitel des Bernsteinhandels erzählt also auch von enttäuschten Hoffnungen und dem noch immer vergeblichen Kampf der Ukrainer gegen die Wucherung der Bestechung.

Einst heizte man damit Öfen

Das Dorf des Bernsteinsammlers Bogdan liegt sieben Autostunden von Riwne entfernt, abgelegen an der Grenze zu Weißrussland. Auf den letzten Kilometern kriechen die Wagen nur noch voran, so schlecht ist der alte Weg aus Kopfsteinpflaster.

Der Fortschritt hat um diese Region schon immer einen Bogen gemacht. Wie aus einem Freilichtmuseum wirken die alten Bauernkaten. Der Boden ist sandig, für Landwirtschaft kaum geeignet, und die Sowjetmacht baute einst ihre Industrieanlagen in anderen Gebieten, denn die Westukrainer galten als aufsässig, antisowjetisch.

Als das Wirtschaftsministerium in Moskau Anfang der 70er Jahre beschloss, systematisch Bernstein zu fördern, entschied es sich des halb nicht für die Gegend um Riwne, sondern für Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, das heute in Russland liegt.

Wenn die Bernsteinsammler weiterziehen, bleiben Krater zurück. Um die Rekultivierung kümmert sich niemand. 1700 Hektar Wald gingen bereits verloren

Wenn die Bernsteinsammler weiterziehen, bleiben Krater zurück. Um die Rekultivierung kümmert sich niemand. 1700 Hektar Wald gingen bereits verloren

Damals schenkten die Menschen aus den Dörfern bei Riwne den Steinen kaum Bedeutung. Manchmal holten sie große Stücke aus dem Wald und warfen sie zum Heizen in die Öfen. Für die kleinen interessierte sich niemand. Später tauchten große Bernsteine als Währung auf dem Schwarzmarkt auf, doch ein Eimer reichte gerade einmal für Kaugummi oder eine Jeans.

Heute müssen Bogdan und seine Männer für ebendiese großen Steine hart arbeiten. Die meiste Zeit stehen sie knietief im Wasser. Mit Druck pumpt der Motor Bachwasser in die Gruben, wäscht den Boden auf, treibt den leichten Bernstein an die Oberfläche, und dann, es muss sehr schnell gehen, müssen die Stücke mit Keschern eingefangen werden, schnell, bevor die Strömung sie wegträgt. Das erledigen meist Frauen oder Schulkinder. Der größte Fang, den Bogdan je gemacht hat, wiegt fast ein Kilo. Er bewahrt ihn zu Hause auf, in einem Eimer Wasser.

Polizei und Beamte verdienen seit Jahren mit

Im Wald wird es dunkel. Die Männer holen Lampen. Heute sind alle wütend. Im Nachbardorf gab es Ärger mit der Polizei. Hunderte Bernsteinsammler hatten sich daraufhin vor der Polizeistation versammelt, schließlich rückten zum Schutz der Wache sogar Soldaten der Nationalgarde an.

Illegale Geschäfte funktionieren nach eigenen Gesetzen: Polizei und Beamte verdienen seit Jahren mit. Doch über das Wie und Wieviel gibt es immer wieder Streit. Der Krieg um das Bernsteingeld ist alt. Er begann kurz nach der Unabhängigkeit der Ukraine Anfang der 90er Jahre. Anfangs liefen die Dorfbewohner mit Schaufeln in den Wald, stocherten den Sandboden auf und gruben dort Löcher, wo sie Fundstücke vermuteten. Wenn es Probleme mit der Polizei gab, kauften sich die Bernsteinjäger mit Wodka oder kleinen Geschenken frei. Niemand brauchte ein Gesetz, um Bernsteinhandel zu regulieren. "Wir brauchen ja auch kein Gesetz für Tomaten oder Äpfel", sagten die Leute.

Vor einer Polizeiwache protestieren Arbeiter gegen korrupte Beamte, die Pumpen konfiszierten. Weil die Männer ihnen kein Schutzgeld zahlten

Vor einer Polizeiwache protestieren Arbeiter gegen korrupte Beamte, die Pumpen konfiszierten. Weil die Männer ihnen kein Schutzgeld zahlten

Alles änderte sich, als jemand aus Polen die erste Motorpumpe anschleppte. Wer Geld verdienen wollte, arbeitete jetzt systematisch, in kleinen Gruppen. Die neue Methode hat katastrophale Folgen für die Natur, doch nicht einmal das Umweltministerium in Kiew weiß, wie viel Waldboden sich inzwischen in eine graue Mondlandschaft verwandelt hat. Nach Schätzungen sind 1700 Hektar betroffen – mehr als 2000 Fußballfelder. Und da es den Bernsteinhandel offiziell nicht gibt, kümmert sich bis heute auch niemand um die Aufbereitung des Bodens.

Auch die Gesetze des verbotenen Abbaus regelten sich neu. Polizei und Staatsanwaltschaft kassierten mit ab, ebenfalls sehr systematisch. Eine Zeit lang verkauften die Ordnungshüter unter der Hand Münzen, die als inoffizielle Eintrittskarten in die Abbaugebiete galten. Nur wer sich so den Zutritt erkauft hatte, durfte mitverdienen.

Einfall der Banden

Die Regeln änderten sich von nun an parallel zur Politik. Jeder Machtwechsel ordnete das Bernsteinbusiness neu. In den 90er Jahren regulierten hauptsächlich Polizei und Sicherheitskräfte den Markt. Die erste liberale Revolution 2004 brachte diese Ordnung durcheinander. Die Polizei verlor an Einfluss. "Die Lücke, die sie offen ließ, nahm die organisierte Kriminalität ein", erzählt der Journalist Dmitrij Leontjew, der die Geschäfte mit dem Bernstein seit Jahren beschreibt. Banden aus an deren Teilen der Ukraine rückten an. "Das Business war immer offen korrupt", sagt Leontjew. "In den Bernsteindörfern wusste jedes Grundschulkind, wer den Markt und den Absatz kontrollierte."

Im Jahr 2008 sah ein erster Gesetzentwurf die Legalisierung der Bernsteingewinnung vor. Doch Wiktor Juschtschenko, der damalige Präsident, legte sein Veto ein. Das Gesetzesvorhaben verschwand in der Schublade. Dann, unter Präsident Wiktor Janukowitsch, rissen Vertreter von dessen Söhnen den Bernsteinhandel an sich. Banden aus seiner Heimatstadt Donezk verdrängten die Dorfbewohner aus den Abbaugebieten. Wer am Bernstein verdienen wollte, zahlte täglich umgerechnet zwischen 50 und 200 Euro. Strenge Quoten begrenzten den Zugang zu den Fundstellen. Die Leute in den Dörfern wurden immer unzufriedener. An Korruption waren alle gewöhnt, "aber irgendwann haben wir nur noch für andere gearbeitet. Das Verrückte ist ja, dass wir bis heute mehr Abgaben zahlen als Steuerzahler", sagt Andrej, ein Bernsteinjäger aus dem Dorf Klessiw. "Aber wir bekommen nichts dafür. Unsere Straßen sind kaputt, und in den Krankenhäusern gibt es keine Medizin." In Klessiw bauten die Bernsteinsammler einen Kinderspielplatz selbst, sie renovierten die Schule und schafften einen Krankenwagen an. Vielen kam es vor, als habe sich die Staatsmacht längst aus den Gebieten verabschiedet. Als bestehe das ganze Leben aus parallelen Gesetzen, die mit dem Staat nichts mehr zu tun haben.

Ein Tante-Emma-Laden dient den Bernsteinsammlern als Treffpunkt und Kneipe. Neun von zehn Männern hier bauen Bernstein ab

Ein Tante-Emma-Laden dient den Bernsteinsammlern als Treffpunkt und Kneipe. Neun von zehn Männern hier bauen Bernstein ab

Die Majdan-Revolution Anfang 2014 kam deshalb auch den Bernsteinsammlern von Riwne zunächst gelegen. Ein neues Selbstbewusstsein erfasste die Menschen im ganzen Land. Doch hier, im Nordwesten, hatte es nichts vom fröhlichen Kommune-Gefühl des Majdan. Stattdessen brachen die Konflikte offen auf. Quoten mussten neu festgesteckt, Gebiete neu verteilt werden. Dorfbewohner kämpften gegen Polizei, gegen Banden, gegen andere Dorfbewohner. Im vergangenen Winter flog nachts eine Granate auf eine Polizeiwache.

Im Februar dieses Jahres scheiterte ein neuer Gesetzentwurf

Im Sommer 2015 machten sich zum ersten Mal Hunderte Männer auf zu einem Waldstück bei Riwne. Viele kamen von weit her. Überall in der Ukraine verarmten die Menschen, im Westen aber schien das Geld im Wald zu liegen. Hilflos sah die Polizei zu, wie Dutzende Pumpen die Natur in eine Kraterlandschaft verwandelten. Was sollte sie unternehmen gegen diese Massen?

Ein Pferdekarren passiert die ukrainischen Nationalfarben am Marktplatz in Antonivka nahe der Grenze zu Weißrussland

Ein Pferdekarren passiert die ukrainischen Nationalfarben am Marktplatz in Antonivka nahe der Grenze zu Weißrussland

Immer wieder erklärte die Regierung in Kiew, das Bernsteinbusiness solle nun endlich legalisiert werden. Der Generalstaatsanwalt sprach vom Kampf gegen eine Mafia. "Ich werde mich nicht weiter damit abfinden", wütete der neue Präsident Petro Poroschenko, "ich fahre ohne Leibwächter in die Bezirke, und ich werde zeigen, wer die Gesetzlosigkeit deckt." Kiew schickte die Nationalgarde, sogar das Militär in die Bernsteinwälder.

Wenig später verhaftete die Polizei den stellvertretenden Staatsanwalt des Gebiets. In seiner Wohnung stellte sie Uhren im Wert von 170.000 Euro sicher, außerdem zwei Säcke Bernstein. Es dauerte nicht lange, da waren die Säcke wieder verschwunden – weiterverkauft an Schwarzhändler. Es hat sich also nichts geändert. Bis heute nicht. Im Februar dieses Jahres scheiterte ein neuer Gesetzentwurf im Staatsparlament, der das Bernsteinbusiness legalisieren sollte.

Mit dem altertümlichen Vorortzug lassen sich die Bernsteinsammler in die Wälder zu ihrer Arbeit bringen

Mit dem altertümlichen Vorortzug lassen sich die Bernsteinsammler in die Wälder zu ihrer Arbeit bringen

Manch ein Sammler erinnert sich inzwischen gern an die Zeit vor der Revolution. "Damals hatten wir klare Regeln", sagen die Männer. "Es war teuer, aber ruhig." Jetzt ist auf einmal alles durcheinandergeraten. In Bogdans Nachbardorf zerstörte die Polizei bei einer Razzia fünf Pumpen. Dabei hatten die Männer sogar Schutzgeld bezahlt: an eine andere Polizeiwache.

Die Brücke zur Krim