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Wie ein Schneider aus Delhi einem Mädchen half, dem eine Hand fehlte - und daraus hunderte Kinder wurden

Überwältigt von der Armut um ihn herum, begann der indische Schneider Kuku Arora zu helfen. Zuerst im Kleinen und dann mit allem, was er hatte.

Kuku Arora (l.) mit Kindern aus dem "Sunshine Project"

Kuku Arora (l.) mit Kindern aus dem von ihm gegründeten "Sunshine Project", das Straßenkindern aus der indischen Millionenstadt Delhi den Schulbesuch ermöglicht.

STERN

Der Raum, in dem der Schneider Kuku Arora seine Kunden empfängt, hat keine Fenster. Wer hier, im Herzen der indischen Millionenstadt Delhi, zur Anprobe kommt, muss erst mal durch ein sehr geräumiges Esszimmer. Gegen Mittag hört man von dort helle Stimmen. "Ah, die Kinder kommen aus der Schule", sagt Arora.

"Wie viele Kinder haben Sie?"

"Zurzeit sind es 267."

Arora lächelt, als wäre das normal.

"Zwei eigene und 265 von der Straße."

Kuku Arora lebt ein typisch indisches Mittelklasseleben als Selbstständiger. Seine Frau Priti ist Stadtführerin. Er geht mit Freunden ins Fitnessstudio. Die Famile käme finanziell ganz gut über die Runden - wären da nicht die Kinder.

Sie füllen jetzt schon den gesamten Essraum. Und an der offenen Tür zum Treppenhaus strömen weitere vorbei: Um der Kinderscharen Herr zu werden, hat Arora sein Dach möbliert. Auch hier sind die Tische jetzt schon doppelt und dreifach besetzt.

"Sie sollen die Chance auf ein besseres Leben haben"

Aroras Schneiderei hat bloß ein paar Mitarbeiter. Sie liegt in einem der einfacheren Viertel von Delhi. Slums und Mittelklasse-Apartments stehen hier eng miteinander verwoben. Vorn riecht es nach Kleinwagenabgasen, im Hinterhof nach Elend.

Aroras Schneiderei ist die Brücke zwischen diesen beiden Welten. Seine Straßenkinder hat er mit seiner Frau bei einer von inzwischen 28 Schulen angemeldet und mit Schuluniformen und Büchern ausgestattet. Mittags werden sie mit warmem Essen versorgt, Freiwillige helfen ihnen bei den Hausaufgaben. Erst abends kehren sie zurück zu ihren Familien im Slum. "Ich will den Eltern die Kinder nicht wegnehmen", sagt Arora. "Aber sie sollen die Chance auf ein besseres Leben haben."

Angefangen hat alles im Jahr 2002. Da fiel Arora ein kleines Mädchen auf, dem die linke Hand fehlte. Die kleine Roshni war damals vielleicht zwei Jahre alt, schätzt er. Sie bettelte vor einem Kino in der Nachbarschaft. Er und seine Frau begannen, ihr regelmäßig etwas zu essen zu bringen.

Kuku Arora mit seiner Frau Priti

Kuku Arora mit seiner Frau Priti: Um mehr Straßenkinder versorgen zu können, hat das Ehepaar das Dach seines Hauses möbliert

stern

Doch eines Tages war sie verschwunden. Kuku und Priti fanden sie an einer viel befahrenen Hauptstraße wieder, man hatte sie dorthin geschickt, weil es da mehr zu erbetteln gab. Die Aroras schlossen einen Deal mit den obdachlosen Eltern: Sie bezahlten Roshni Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Essen. Dafür ließen die Eltern sie zur Schule gehen.

Deutsche Flugbegleiterin bringt Hilfe

"Schon nach wenigen Tagen kamen 16 weitere Straßenkinder, die von Roshni gehört hatten", erzählt Arora. "Und es wurden immer mehr." Schnell zehrten die vielen Kinder seine finanziellen Mittel auf, doch die Aroras machten weiter.

Hilfe kam durch die deutsche Flugbegleiterin Julia Hillebrecht, die zufällig in Aroras Schneiderei landete. Seitdem sammelt sie Spenden für sein "Sunshine Project" und vermittelt Patenschaften. Es gibt bereits "Sunshine"-Kinder, die als Lehrer, Ärzte oder Manager arbeiten - und die jetzt der nächsten Kinder-Generation helfen.

Kuku Arora will weitermachen: "Wir finden immer noch Kinder auf der Straße, die nicht wissen, wie alt sie sind oder wie sie heißen", erzählt er. "Ich will einfach, dass sie eine glückliche Kindheit haben."

Fanny H. 
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