HOME

Anschlag in Istanbul: Eine Stadt zwingt sich, weiterzuleben

Abhaken, weitermachen - nach jedem Anschlag in Istanbul, der vierte in diesem Jahr, versucht die Stadt schnell in den Alltag zurückzukehren. Doch das fällt den Menschen immer schwerer, wie stern-Korrespondent Raphael Geiger aus eigener Erfahrung weiß.

Stewardess am Flughafen Istanbul

Man zwingt sich hier zurück in die Normalität: eine Stewardess am Istanbuler Flughafen am Tag nach den Anschlägen

"Hepimize gecmis olsun" schreibt mir mein Freund Özgür, das heißt: Uns allen gute Besserung. Wir wohnen seit anderthalb Jahren in , mein Türkisch ist noch lange nicht perfekt, aber einige Wörter habe ich schneller gelernt als erhofft.

stern-Korrespondent Raphael Geiger

Raphael Geiger, hier in Athen, berichtet für den stern seit einigen Jahren aus der Türkei, Griechenland und dem Nahen Osten

Patlama: Explosion. Katliam: Massaker. Sehit: Märtyrer. Das letzte Wort ist die Standardvokabel, wenn Soldaten und Polizisten getötet werden, was im Moment so gut wie jeden Tag passiert. Aber die Türken haben ein Gesetz, wonach auch zivile Opfer eines Anschlags so genannt werden sollen: Sehidimiz, unsere Märtyrer.


64 Tote in Istanbul allein in einem halben Jahr

36 waren es jetzt am Flughafen Atatürk, elf vor drei Wochen in der Nähe der Altstadt, fünf im März in der Fußgängerzone und zwölf im Januar in der Nähe der berühmten Blauen Moschee. Das sind nur die Anschläge und die Opfer in Istanbul, noch viel mehr Menschen starben in der Hauptstadt und in den kurdischen Gebieten im Südosten des Landes.

Als wir in Istanbul ankamen, war diese Stadt eine der meistbesuchten der Welt. Über eine Million Touristen allein aus Deutschland, einige davon waren unsere Freunde, wir hatten eigentlich jede Woche Besuch. Anfang Juni wählten die Türken die prokurdische linke ins Parlament und nahmen damit Präsident Erdogan zum ersten Mal die Mehrheit.

Man soll das als Journalist eigentlich nicht so offen sagen, aber in der Nacht habe ich mich gefreut. Habe auf dem Weg nach Hause kurdische Jugendliche Böller schießen gehört und danach darauf gewartet, wie Erdogan reagieren würde. Er sagte fast drei Tage lang gar nichts. Das, meinten türkische Freunde, hätten sie noch nie erlebt. Der Präsident war offenbar geschockt.

Vor einem Jahr war die Welt noch in Ordnung

Und Istanbul war ein guter Ort im beginnenden Sommer, so fühlte sich der Juni 2015 an, und wir merkten nicht, dass gerade erst alles anfing. Der ganze große Irrsinn: Krieg, Anschläge. Viel zu viele Märtyrer, nennen wir sie: Opfer.

Der uralte Konflikt mit den Kurden begann aufs Neue, und die Türkei ließ sich endlich ein auf den Kampf den IS. Viel zu spät, denn der hatte jahrelang im Land ein Netzwerk aufbauen können. Er nahm bald Rache.

In Suruc an der syrischen Grenze tötete ein junger IS-Anhänger sich selbst und 32 Jugendliche, die Hilfe nach Kobane bringen wollten. Im November fuhr der Bruder des Suruc-Attentäters nach Ankara, sprengte sich in die Luft inmitten einer Friedensdemonstration. 102 Tote.

Erdogan versprach Stabilität, gewann die Neuwahl, und das Land wurde nur instabiler. Unsere Stadt, Istanbul, ist gewohnt, weiterzumachen. Sie übersteht Attentate. Die Menschen warten ein paar Tage und gehen dann doch wieder einkaufen in der Fußgängerzone, gehen einfach hinweg über die Stelle, wo eben noch Leichenteile lagen.

Zurück in die Normalität, abhaken, weitermachen

Wie viel kann man aushalten? Der Flughafen galt allen als sicher. Er ist, so viel lässt sich sagen, besser geschützt als europäische. Muss er auch: Er ist der Stolz dieses Landes, inzwischen zählt er mehr Passagiere als Frankfurt. Der drittgrößte Flughafen Europas.

Der Flughafen in Brüssel schloss nach dem Attentat im März für zwei Wochen. In Istanbul starten am nächsten Morgen schon wieder die ersten Maschinen. Man zwingt sich zurück in die Normalität, abhaken, weitermachen.
Ich mag das sehr an Istanbul, auch wenn ich weiß, dass vieles verborgen liegt in den Menschen. Dass Millionen von ihnen Präsident Erdogan hassen, dass viele mit ihren kurdischen Freunden fühlen. Dass, wenn man genauer hinsieht, das Leben nicht mehr ganz so leicht und fröhlich ist nach einem Jahr Terror und Krieg.

Dieses Jahr kommen kaum Touristen, Istanbul ist gespenstisch leer. Ich kenne Leute, die um ihren Job fürchten, weil sie im Tourismus arbeiteten. Hotels, die letztes Jahr eröffneten, müssen vielleicht bald schon wieder schließen. Fast jeden Tag gehe ich durch die Gassen mit all den Souvenirläden, auch von ihnen viele neu, gedacht als sichere Investition. Jetzt stehen sie vor dem Aus.

Istanbul? Zu vielen zu riskant

Istanbul, das Städtereiseziel, das europäische Gesicht der Türkei, ist weiter Richtung Nahost gerückt. Ist den meisten zu riskant geworden. Die Türken tanzen und lachen weiter, sie zwingen sich dazu, nächste Woche steht das Ende des Ramadan an, ein Fest so wichtig wie für Christen Weihnachten.

Aber wenn die Türken diesmal anstoßen, die einen mit Ayran, die anderen mit Raki, dann ganz vage auf bessere Zeiten. Und niemand weiß, wann die kommen. 

Raphael Geiger, Istanbul