HOME
Pressestimmen

Missbrauch in US-Kirche: Wieso muss sich nie jemand verantworten? Die Reaktionen zum Kirchen-Skandal

Der neue Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche der USA erschüttert, ist in seiner Dimension schier unfassbar und doch "nur mehr vom Immergleichen". Die Pressestimmen zum Skandal.

Messebesucher in der St. Pauls Kathedrale in Pittsburgh - Tausende Kinder wurden von Priestern missbraucht

Messebesucher in der St. Paul-Kathedrale in Pittsburgh. Tausende Kinder wurden durch Geistliche im US-Bundesstaat Pennsylvania missbraucht. Die Dunkelziffer gilt als hoch.

Getty Images / AFP

Hunderte katholische Priester, die in Pennsylvania über Jahrzehnte vor allem Jungen, aber auch Mädchen sexuell missbraucht haben und dabei von ihrer Kirche und auch vom Vatikan gedeckt wurden: Was der Untersuchungsbericht eines Geschworenengremiums (Grand Jury) aus dem US-Bundesstaat enthüllt hat, macht schlicht sprachlos. Zwei Jahre lang haben die Ermittler bekannt gewordene Fälle untersucht, Dutzende Zeugenaussagen gehört und mehr als eine halbe Million Seiten kircheninterner Dokumente gesichtet. Mehr als 1000 Opfer stehen fest; die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein. "Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan - sie haben alles versteckt", heißt es in dem Bericht. "Die Kirche hat ihre Institutionen geschützt - kostete es, was es wolle." Die Kommentatoren gehen mit der US-Kirche naturgemäß hart ins Gericht, sehen aber nicht zuletzt den Papst in der Pflicht. Die Pressestimmen zum jüngsten Kirchen- und Missbrauchsskandal in den USA:

Washington Post:

Der Bericht liest sich wie einer jener grellen anti-katholischen Romane, die im Amerika des 19. Jahrhunderts blühten. Nur diese Geschichte wurde von der Kirchenhierarchie selbst verfasst - eine Hierarchie, die bisher der vollen Rechenschaftspflicht ausgewichen ist. (...) Wenn Jesus heute hier wäre, würde er dann nicht durch amerikanische Kathedralen rennen und Tische umwerfen wie bei den Geldwechslern im Tempel? "Gemäß der Schrift", sagte er im Matthäusevangelium, "wird mein Haus ein Haus des Gebets genannt werden; aber sie verwandeln es in eine Banditenhöhle." Die Worte sind eine treffende Anklage gegen die Männer, die beschuldigt werden, einen moralischen Diebstahl unvorstellbarer Bosheit begangen zu haben - in ihren Gedanken und in ihren Worten, in dem, was sie taten und in dem, was sie scheiterten machen.

New York Times:

Was können Katholiken tun? Hört auf Eure Wut. Lasst sie Euch klar sehen. Lasst sie Euch bewegen, so zu handeln, dass die Kinder am besten beschützt sind und dass es die klerikale Verwesung, die diese Verbrechen verursacht hat, ausmerzt. Ich kann nur einige Aktionen vorschlagen: Sprechen Sie mit Ihrem Pastor, schreiben Sie an Ihren Bischof, drücken Sie Ihre Wut dem Nuntius des Vatikans in diesem Land aus. Vor allem aber, arbeiten Sie in irgendeiner Weise für echte Veränderungen, selbst wenn sie dann als Unruhestifter gesehen werden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Tausende Kinder und Jugendliche als Opfer, Hunderte Priester als Täter, Dutzende Bischöfe als Vertuscher - was eine staatliche Jury aus den katholischen Diözesen im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania zusammengetragen hat, ist - so makaber das klingt - nur mehr vom Immergleichen. (...) Der Papst selbst hielt noch Anfang des Jahres in Chile substantiierte Vorwürfe für Verleumdungen und witterte einen Angriff auf die Kirche. Und in Amerika ist die katholische Kirche immer dort lautstark zur Stelle, wo es um den Schutz des ungeborenen Lebens geht. In eigener Sache muss sie immer erst zum Reden gezwungen werden.

Neue Osnabrücker Zeitung:

Der neueste Bericht aus Pennsylvania, nach dem mehr als 300 Priester über 1000 Kinder missbraucht haben, wird nicht der letzte gewesen sein. Der Grund: Weiterhin vertuscht der Apparat Kirche die Schandtaten seiner Priester. (...) Noch kurz vor der Veröffentlichung des Berichts hat der US-Zweig der katholischen Kirche versucht, per Gerichtsbeschluss Details schwärzen zu lassen. Mit Erfolg: Der Bericht ist lückenhaft. Viele Opfer leiden deswegen doppelt: unter den Verbrechen sowie unter der fortgesetzten Vertuschung. Transparenz geht anders. Verantwortlich sind die Obersten der Kirchenhierarchie. Deshalb müssen auch die Konsequenzen von ganz oben erfolgen. Papst Franziskus muss endlich durchgreifen und alle, Täter, Mitwisser und Vertuscher, ihrer Posten entheben und bestrafen.

Westfälische Nachrichten:

Auch nach mittlerweile fast zehnjähriger Debatte über Abertausende Fälle sexueller Gewalt im Raum der Kirche tun sich weiterhin Abgründe auf. Der Untersuchungsbericht aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania offenbart zudem einmal mehr eine grausige Systematik. In einer vor allem in früheren Jahrzehnten zutiefst autoritätsgläubigen und abgekapselten kirchlichen Parallelgesellschaft vergingen sich Perverse und Kranke an unschuldigen Kindern und Jugendlichen.

Schwäbische Zeitung:

Ganze Generationen von Priestern haben in Pennsylvania monströse Verbrechen an Kindern und Jugendlichen begangen, haben das Vertrauen der Schutzbefohlenen schamlos ausgenutzt: Dass dies ohne Wissen der Hierarchie geschah, glaubt in Nordamerika niemand mehr. Über Jahrzehnte hat sich offensichtlich der Ungeist des Vertuschens, Verschweigens und Verdeckens entwickelt. Die immer wieder versprochene eigene Aufklärungsstrategie der US-Kirche greift nicht, hat seit den ersten Fällen, die um die Jahrtausendwende bekannt wurden, nicht gegriffen. Fehlende Konfliktkultur und systematisches Wegschauen in ihren Diözesen haben die Bischöfe seither nicht ernsthaft bekämpft. Vielmehr haben sie die Aufklärungsstrategie nicht nur nicht erarbeitet, sondern Ansätze dazu sogar verhindert. Und auch Papst Franziskus muss sich fragen lassen, ob er dem eigenen Anspruch einer "Null-Toleranz-Politik" gerecht wird.

The Times:

Wenn die katholische Kirche zeigen möchte, dass sie die Plage ausrotten will, die den noch verbliebenen Rest ihrer moralischen Autorität bedroht, sollten ihre führenden Leute in Pennsylvania dazu übergehen, Gerechtigkeit nicht zu behindern, sondern sie zu fordern. Doch stattdessen scheinen sie die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. (...) Viel zu lange hat die katholische Kirche ihre Reputation über das Wohlergehen ihrer Anhängerschaft gestellt. Ihr Ansehen könnte inzwischen irreparabel beschädigt sein. Der Papst wird in diesem Monat Gelegenheit haben für eine rückhaltlose Entschuldigung bei Missbrauchsopfern in Irland und für die Anerkennung des ganzen Ausmaßes der von den Kardinälen betriebenen Vertuschung. Derweil fragt der Bruder eines Opfers, das in Pennsylvania Selbstmord beging: "Warum sind diese Leute nicht im Gefängnis?". Das ist eine gute Frage, die bislang nicht beantwortet wurde.

Francesco Mangiacapra: Sex im Vatikan: Callboy outet 40 katholische Priester
dho mit / DPA