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Unglück der "Costa Concordia": Der Kapitän, der alles falsch machte

Was ging nur in Francesco Schettino vor? Der 52-jährige Kapitän der "Costa Concordia" ist ein erfahrener Seemann. Nur am Freitag schien er von allen guten Geistern verlassen gewesen zu sein.

Von Malte Arnsperger und Niels Kruse

Auf den ersten Blick erinnert das Unglück der "Costa Concordia" an eine der spektakulärsten Schiffshavarien der Geschichte: dem Untergang der "Titanic" vor ziemlich genau 100 Jahren. Wie damals hatten die Offiziere offenbar die Gefahr, die unter der Wasseroberfläche lauerte, unterschätzt. Wie damals wurde der Rumpf des Ozeandampfers aufgeschlitzt, und wie damals war die Crew mit der Rettung der Passagiere überfordert. Letzteres zumindest legen die Aussagen der Kreuzfahrtgäste nahe, auch wenn die Reederei etwas anderes behauptet. Und die Kapitäne der beiden Schiffe trifft zumindest eine nicht unerhebliche Mitschuld an den Katastrophen.

Während jedoch Edward John Smith, Kommandant der "Titanic", in den eisigen Fluten des Nordatlantiks starb, muss sich Francesco Schettino seiner Verantwortung stellen. Ältere Fotos zeigen den Sproß einer Seefahrerfamilie, der seit zehn Jahren in Diensten der Reederei Costa Crociere steht, in schicker weißer Kapitänskleidung, braungebrannt und mit Sonnenbrille auf der Kommandobrücke. Schettino, gut gewachsener Süditaliener, entspricht so ziemlich den Idealbild eines Kapitäns eines Traumschiffs, das in den schönsten Regionen der Welt unterwegs ist.

Schwere Vorwürfe stehen gegen den Mann im Raum

Doch es gibt offenbar noch eine andere Seite des Francesco Schettino: Auch wenn sich der Schiffseigner Costa Crociere drei Tage nach dem Unfall, bei dem mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen sind, hinter den ersten Mann an Bord stellt, attestiert sie dem 52-Jährigen aufgrund einer ganzen Reihe von Fehlern "menschlichen Fehlentscheidungen".

Vor allem drei schwere Vorwürfe stehen gegen den Mann im Raum: Er soll die "Costa Concordia" nicht nur viel zu nah an der Küste entlang bugsiert, sondern auch die für den Notfall geltenden Standards ignoriert haben. Zudem habe er das Schiff zu früh und vor allem vor Ende der Evakuierung verlassen. "Es scheint", so die genuesische Kreuzfahrtgesellschaft, "dass der Kommandant Beurteilungsfehler gemacht hat, die schwerste Folgen gehabt haben". Bereits am Samstag war Schettino nach einer Befragung zu den Unglücksumständen festgenommen worden. Ihm droht unter anderem ein Verfahren wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung.

Wollte er einem Kellner einen Gefallen tun?

Wenn es stimmt, was die italienische Zeitung "Corriere della Sera" berichtet, dann wird zumindest klar, warum der Kapitän die "Costa Concordia" so nah vor die Insel Giglio gelotst hatte: Denn angeblich habe er dem Oberkellner Antonello Tievoli eine Freude bereiten wollen. Der hätte wenige Tage vor dem Unfall ein paar Tage frei bekommen sollen, die aber wegen Personalproblemen ausgefallen seien. Deshalb wollte der Kapitän nahe an Tievolis Heimatinsel vorbeifahren. Laut der Zeitung ließ Schettino kurz vor dem Unglück den Oberkellner auf die Kommandobrücke rufen. "Antonello, schau mal, wir sind ganz nahe an deinem Giglio", habe er zu dem Kellner gesagt, zitierte das Blatt Zeugen. Daraufhin habe Tievoli gewarnt: "Vorsicht, wir sind extrem nahe am Ufer." Unmittelbar darauf lief das Schiff auf Felsen auf.

Sicher ist, dass sich die "Costa Concordia" extrem nah an die felsige Küste der kleinen Insel genähert hatte. Bewohner hatten ausgesagt, dass sie zwar oft Kreuzfahrtschiffe in rund 300 Metern Entfernung vor der Insel gesehen hätten, aber so nahe wie der Unglücksdampfer sei noch nie ein Schiff Giglio gewesen. Angeblich habe Schettino das Schiff so dicht an die Insel herangesteuert, um Touristen im Hafen mit dem Signalhorn grüßen zu können. Der Kapitän selbst sagte bei seiner Vernehmung, dass er tatsächlich eine "touristische Linie" gefahren sei. Offenbar ist es Usus, dass Kapitäne von Kreuzfahrtschiffen nahe an Giglio vorbeifahren, um den Gästen ein kleines Spektakel zu bieten. Aber noch nie sei dabei der Sicherheitsabstand verletzt worden, so Inselbürgermeister Sergio Ortelli in der Zeitung "Die Welt".

Angeblich soll er sich an der Schiffsbar vergnügt haben

Willi Wittig, Vorstand des deutschen Kapitänsverbandes und Leiter des Studienganges Nautik an der Hochschule Bremen, allerdings glaubt nicht an die Spektakelversion: "Ich denke nicht, dass es dem Kapitän in diesem Fall vor der Küste der Insel um Showeffekte ging. Schließlich sind die meisten Passagiere beim Essen gewesen und hätten davon nichts mitbekommen", sagte er stern.de.

Widersprüchliche Angaben gibt es auch über den Aufenthalt von Schettino. Die italienische Staatsanwaltschaft sagt, er sei im Dienst gewesen und habe die Route vorgegeben. Eine britische Überlebende dagegen sagte, Schettino hätte sich unter Deck vergnügt, statt sich um den Kurs seines Schiffes zu kümmern. Die britische Zeitung "Daily Telegraph" zitiert sie mit den Worten: "Was mich am meisten schockt, ist, dass der Kapitän fast den ganzen Abend mit einer wunderschönen Frau in den Armen an der Bar saß und getrunken hat."

"Keine Panik" hat er in sechs Sprachen ausgerufen

Schettino selbst beruft sich nach eigener Aussage darauf, dass seine Seekarten keine Felsen in unmittelbarer Nähe des Schiffes angezeigt hätten. Außerdem wähnte er sich auch weiter von der Küste weg, als die "Costa Concordia" tatsächlich war. "Wir hätten in tiefem Wasser sein sollen, die Felsen waren noch ungefähr 300 Meter entfernt", so der Kapitän in seiner Aussage. Wie ein erfahrender Seemann wie Schettino, der seit fast sieben Jahre Schiffskommandant ist, zu so einer Fehleinschätzung kommen kann, ist vollkommen unklar. Allerdings machen auch Gerüchte die Runde, nach denen der Strom auf der Brücke ausgefallen sein soll. "Ohne Elektrizität könnte die Crew die Kontrolle über die Navigation des riesigen Schiffes verloren und es auf Felsen gesteuert haben", sagte Malcolm Latarche vom Fachmagazin "IHS Fairplay Solutions". Allerdings würde ein Stromausfall nicht erklären, warum sich der Kapitän seiner genauen Position so sicher fühlte.

Anscheinend schätze die Führungscrew die Situation ohnehin falsch ein. Wie auf der "Titanic" einst soll sich die Schiffsführung verhalten haben, als der Rumpf bereits aufgeschlitzt war und das Meerwasser in den 112.000-Tonnen-Luxusliner strömte: "Keine Panik" habe Schettino in sechs Sprachen ausgerufen. "Sie sagten uns noch, wir sollten sitzen bleiben, als das Schiff schon zu sinken begann", sagte der 74-jährige Passagier Joel Pavageau. 45 Minuten später dann ertönte das Signal zum Evakuieren der 4229 Gäste und Besatzungsmitglieder. Doch trotz der offensichtlichen Probleme soll der Kommandant kein SOS gefunkt haben, stattdessen sei es ein Passagier gewesen, der später per Handy die Behörden alarmiert habe.

Der Käpt'n muss nicht der letzte Mann an Bord sein

Fraglich, ob Schettino zu dem Zeitpunkt überhaupt noch an Bord gewesen war. Denn offenbar hatte er das Schiff bereits verlassen, als die Evakuierung noch voll im Gange war. Nach Angaben der Küstenwache weigerte sich Schettino zudem, trotz mehrfacher Aufforderungen, auf sein Schiff zurückzukehren. Er selbst sagt, er habe sich vor dem Verlassen des Schiffs versichert, dass niemand mehr an Bord gewesen sei. Zu dem Zeitpunkt sollten noch weitere fünf Stunden vergehen, bis der überwiegende Teil der Passagiere die "Costa Concordia" gerettet war. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls ermittelt auch gegen den Kapitän wegen vorzeitigen Verlassens des Schiffes.

Dabei sind Kommandanten keineswegs verpflichtet, als letzter Mann von Bord zu gehen, wie Willi Wittig sagt. Es sei lediglich seine moralische Pflicht beziehungsweise Teil des Ehrenkodex. "Denn es kann auch Situationen geben, in denen der Kapitän von anderer Stelle, etwa von Land aus, die Maßnahmen besser koordinieren kann." Sehr wohl verpflichtet sind Kapitäne aber dazu, die Notfallmaßnahmen umzusetzen. "Im Zweifel, etwa wenn der Kommandant verletzt ist, muss sich der Stellvertreter um die Evakuierung kümmern."

Er wollte nie in eine "Titanic"-Situation geraten

Die Folgen dieses Unglücks, das Francesco Schettino nicht unter Kontrolle bekam oder bekommen konnte, fürchtete er schon offenbar schon länger: 2010 hatte er der tschechischen Zeitung "Dnes" ein Interview gegeben. Nie wolle er in eine Situation geraten wie die "Titanic" und zwischen Eisbergen navigieren müssen, sagte er damals. "Aber ich denke, dass sich dank Vorbereitung jede Situation meistern und möglichen Problemen vorbeugen lässt", sagte er weiter und: "Das Wichtigste ist die Sicherheit der Passagiere".

Von:

Malte Arnsperger und