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Olympia-Schwimmerin: Vom Flüchtling zum Weltstar – unterwegs mit der Syrerin Yusra Mardini

Auf ihrer Flucht nach Europa wäre sie fast ertrunken. Ein Jahr später schwamm Yusra Mardini bei den Sommerspielen in Rio. Jetzt reist die Syrerin um die Welt und und will mit ihrer Geschichte Flüchtlingen helfen.

Yusra Mardini: Unterwegs mit der UNHCR-Botschafterin

Yusra Mardini, wohnhaft in Berlin-Spandau, Aufenthaltsgenehmigung bis März 2019, ist Sonderbotschafterin des UNHCR, der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen. Sie reist als Mutmacherin um die Welt. Sie erzählt ihre Geschichte in Flüchtlingscamps, und sie spricht mit Politikern, so auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder mit dem japanischen Außenminister Taro Kono in Tokio.

Das Meer ist friedlich an diesem Morgen. Leise rollen die Wellen auf den Strand von Giardini-Naxos und ziehen gurgelnd wieder ab. Yusra Mardini steht auf der Kaimauer. Sie filmt mit ihrem Smartphone das türkisfarbene Wasser und die tanzenden weißen Schaumkronen.

Giardini-Naxos ist ein Badeort an der Ostküste Siziliens. Und Yusra Mardini ist Schwimmerin. Sie hat Medaillen gewonnen für ihr Heimatland Syrien und mehrere Landesrekorde aufgestellt. Aber Mardini, 20, traut sich nicht ins Wasser. Sie hält noch nicht einmal die Hand hinein.

"Es geht nicht", sagt Mardini. "Ich will nie mehr ins Mittelmeer. Ich habe Angst, dass es mich tötet."

Nach wenigen Kilometern setzte der Motor aus

Vor knapp drei Jahren hätte Mardini beinahe ihr Leben verloren im Meer, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Von Damaskus war Mardini mit ihrer Schwester Sarah nach Izmir gereist, um von dort aus die Ägäis zu überqueren. Sie wollten nach Lesbos, Griechenland, nur zehn Kilometer vom türkischen Festland entfernt.

Ende August 2015 brachen sie auf. 24 Menschen in einem vier Meter langen Schlauchboot, Hoffnungssuchende aus Somalia, Afghanistan, Irak, dem Sudan und Syrien. Die Schleuser hatten das Boot kurz zuvor noch repariert, doch schon nach wenigen Kilometern setzte der Motor aus. Die See war stürmisch, Wasser floss ins Boot, das viel zu klein war für so viele Passagiere. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis das Mittelmeer sie alle umbringen würde.

Aber dann kam das Wunder.

Es ist der Anfang der märchenhaften Geschichte von Yusra Mardini, einem jungen Mädchen, das den Kampf gegen die Wellen gewinnt, sich dann bis nach Berlin durchschlägt und wenige Monate später bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an den Start geht.

Yusra Mardini ist nach Giardini-Naxos gereist an diesem Apriltag, um Menschen aus ihrem Leben zu erzählen. Menschen, die den Glauben an Wunder längst verloren haben.

Große Bühne: Mardini spricht in der Europa-Zentrale der Vereinten Nationen in Genf

Große Bühne: Mardini spricht in der Europa-Zentrale der Vereinten Nationen in Genf

35 Frauen aus Westafrika, die meisten von ihnen Nigerianerinnen, sitzen im Gemeinschaftsraum des Klosters. Sie alle sind über die Libyen-Route nach Italien gekommen. Bei den Nonnen haben die Frauen für einige Monate eine Unterkunft gefunden, doch niemand hier im Raum weiß, wie es danach weitergehen könnte.

"Es ist schwer, nicht den Mut zu verlieren", sagt Yusra Mardini zu Begrüßung, "ich bin selbst ein Flüchtling und kenne dieses Gefühl."

Mardini schildert ihre Überfahrt nach Lesbos. Wie sie das Wasser mit Schuhen rausschaufelten, als das Boot immer weiter volllief. "Wir lagen so tief im Wasser, wir hätten jeden Moment kentern können. Meine Schwester und ich sind schließlich ins Meer gesprungen, um das Gewicht im Boot zu reduzieren. Wir haben uns Seile geschnappt und versucht, den Rumpf in den Wellen stabil zu halten."

Mardini macht eine Pause. Es ist ganz still im Raum.

"Man darf nie aufgeben. Auch wenn es noch so aussichtslos scheint."

Dann erzählt sie vom glücklichen Ende. Wie nach zahllosen Versuchen der Bordmotor plötzlich wieder ansprang und alle im Boot "Lobe den Herren!" riefen. Und wie sie jubelten, als sie Lesbos erreichten am Morgen.

Viele Kräfte zerren an ihr

Yusra Mardini, wohnhaft in Berlin-Spandau, Aufenthaltsgenehmigung bis März 2019, ist Sonderbotschafterin des UNHCR, der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen. Sie reist als Mutmacherin um die Welt. Sie erzählt ihre Geschichte in Flüchtlingscamps, und sie spricht mit Politikern, so auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder mit dem japanischen Außenminister Taro Kono in Tokio.

Das Erzählen fällt ihr leicht. Sie spricht fließend Englisch, sie kann ihre Geschichte in einer halben Minute schildern oder in einer halben Stunde, je nachdem, wie es gewünscht ist. Sie beherrscht alle Formate.

Aber da gibt es eine Last, die sie mitunter zu erdrücken droht. Das sind die Geschichten, die ihr die Flüchtlinge erzählen, wenn Mardini ihren Vortrag beendet hat. Jeder will etwas loswerden, will verstanden werden, will Hilfe, will Erlösung.

Vier Frauen aus dem Kloster haben um Einzelgespräche mit Mardini gebeten. Anita, Gift, Joy und Glory sind 20 oder 21 Jahre alt und stammen aus Nigeria. Sie haben Schreckliches durchgemacht, das wird Mardini in der nächsten Stunde erfahren.

Sie berichten von ihrem Leben in Flüchtlingscamps; es sind Geschichten von Hunger, Vergewaltigung und Folter. Eine Frau sah ihre Freundin in der Sahara verdursten. Eine andere trägt Brandmale auf der Schulter, die ihr in einem libyschen Gefängnis mit einem Lötkolben zugefügt wurden.

Versteck im Maisfeld: Mardini (3. v. l.) während ihrer Flucht durch Ungarn im Sommer 2015

Versteck im Maisfeld: Mardini (3. v. l.) während ihrer Flucht durch Ungarn im Sommer 2015

Die Mitarbeiterin vom UNHCR, die Mardini zu den Gesprächen begleitet hat, sagt: "Yusra hat das wunderbar gemacht. Sehr ruhig, sehr einfühlsam." Sie habe den Frauen gesagt, dass sie sie für ihre Kraft bewundere. Dass sie etwas geschafft hätten in ihrem Leben, diese Flucht, gegen so viele Widerstände, das würde mancher Mann nicht packen.

Nach den Gesprächen, zurück im Kleinbus, der vor der Klosterpforte wartet, sackt Yusra Mardini in sich zusammen. Sie schlägt den Kragen ihrer Daunenjacke hoch, setzt sich Kopfhörer auf und spielt auf ihrem Smartphone. Sie macht Fotos von sich und malt Hasenohren dazu oder Katzenschnuten.

Erst am nächsten Tag, auf dem Rückflug von Catania nach Berlin-Tegel, ist sie in der Lage, über den Besuch im Kloster zu reden. "Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu weinen", sagt sie, "das habe ich geschafft. Trotzdem zerreißt es einen, wenn man diese traurigen Geschichten hört und nur mit Worten helfen kann."

Schon im Juli steht für Yusra Mardini der nächste Besuch von Flüchtlingscamps an, dann wird es nach Afrika gehen. Es ziehen und zerren im Moment viele Kräfte an ihr. Mardini ist der Weltstar unter den Flüchtlingen, spätestens seit sie bei den Sommerspielen in Rio das Gesicht des "Refugee Olympic Team" war.

Große Unternehmen haben Yusra Mardini entdeckt

Und der Trubel wird in den nächsten Monaten nicht abnehmen. Anfang Mai erscheint ihre Biografie "Butterfly" in Deutschland bei Droemer Knaur und in 16 weiteren Ländern. Fünf Tage wird Mardini in London sein, um Interviews zu geben. Journalisten aus aller Welt haben sich angekündigt.

Schon während der Schreibphase von "Butterfly" rangelten mehrere Produktionsfirmen aus Hollywood um die Filmrechte. Es entwickelte sich ein irres Wettrennen: Ein junges Mädchen, dem wenige Jahre zuvor noch nicht einmal ein trockener Pullover geschenkt wurde, als es Europa mit einem Schlauchboot erreichte, bekam plötzlich sechsstellige Summen geboten. Unter der Regie von Stephen Daldrey ("Der Vorleser", "Billy Elliot") soll Mardinis Reise nun fürs Kino inszeniert werden.

Sie kann nur mit Worten helfen: Mardini im Gespräch mit einer Afrikanerin in Sizilien

Sie kann nur mit Worten helfen: Mardini im Gespräch mit einer Afrikanerin in Sizilien

Auch große Unternehmen haben Mardini für sich entdeckt. Under Armour, einer der größten Sportartikelhersteller der USA, nahm sie im Herbst vergangenen Jahres unter Vertrag und startete eine eigene Werbekampagne mit ihr. Mardinis schwimmerische Leistung interessiert Under Armour kaum. Yusra Mardini wird niemals Olympiasiegerin oder Weltmeisterin werden, sie zählt international bloß zur Mittelklasse. Die Amerikaner wollen ihre Geschichte. Nur die.

Yusra Mardini genießt es, hofiert zu werden. Sie mag den Glitzer und auch das Posieren, dies ist zu spüren an einem blauen Sonntagnachmittag in Prenzlauer Berg, Berlin. Der Online-Modehändler Zalando hat zu einem Fotoshooting in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark geladen. Aus den Boxen stampfen Hip-Hop-Beats, und Yusra Mardini wippt im Takt mit. Zwei Models stehen an ihrer Seite, auch sie von Kopf bis Fuß in Under Armour gekleidet. Mardini kreist mit den Hüften, ihre Arme malen Kreise in die Luft.

"Gut so?", ruft Mardini der Fotografin zu.

"Ja, natürlich", antwortet die. "Sei einfach ganz du selbst."

Sommerspiele 2020 als Ziel

Während der Pausen zwischen den einzelnen Fotomotiven sitzt Mardini in der Umkleidekabine des Sportparks. Dort ist ein Schminktisch mit drei Spiegeln aufgebaut. Mardini prüft ihr Make-up, sie spitzt die Lippen, hebt die Augenbrauen und sagt zur Visagistin: "Hier bitte noch etwas Kajal, dann ist es perfekt."

Das Aufhübschen, die stundenlange Verwandlung mit Rouge und Nagellack, das ist wie früher in Damaskus.

"Unsere Nachbarin Leen hatte einen riesigen Schminkkoffer. Für mich war das ein Zauberkoffer: unendlich viele Farben, Lacke, Lippenstifte und Pinsel. Wir haben ganze Abende damit verbracht, den perfekten Lidstrich zu üben. Wir haben alles um uns herum vergessen. Dass wir in Syrien sind, dass hier Bomben fallen, dass es auch uns treffen könnte."

Yusra und ihre Schwester Sarah gingen oft aus in Damaskus. Lederjacke, High Heels, alles, was der Kleiderschrank hergab. Der Mutter gefiel das gar nicht, aber sie ließ ihre Töchter ziehen. Sie wollte ihnen das bisschen Leichtigkeit nicht nehmen, das das Leben in diesem vom Krieg gezeichneten Land noch bot.

Ausblenden, das konnte Yusra Mardini schon immer gut. Und das muss man als Leistungssportlerin auch beherrschen: Die Nervosität vor dem nächsten Wettkampf bezwingen, all die Versagensängste wegschieben, die einen überkommen können auf dem Startblock.

Sportler nehmen die Welt oftmals ausschnitthaft wahr. Sie erfinden eine Geschichte, in der sie groß und stark und berühmt sind. Und diese Heldengeschichte wird mit aller Macht beschützt. Was sie gefährdet, wird verdrängt. Was sie stützt, wird aufgeblasen.

Fotomodell: Mardini bei einem Modeshooting im Jahn-Sportpark in Berlin-Prenzlauer Berg

Fotomodell: Mardini bei einem Modeshooting im Jahn-Sportpark in Berlin-Prenzlauer Berg

So ein Modeshooting ist da natürlich willkommen. Von morgens um zehn bis in den Spätnachmittag dreht sich alles um Yusra Mardini; ständig wird nach dem besten Licht gesucht, um sie stark und schön aussehen zu lassen.

Mardini liebt das. Sie kiekst und kichert, und wann immer sich eine kleine Lücke im Shooting auftut, läuft sie zu ihrem Betreuer Sven Spannekrebs und lässt sich die Bilder zeigen, die er mit ihrem Smartphone aus dem Hintergrund macht.

"Okay, raus damit", sagt sie zu Spannekrebs, und dann lädt er wieder Fotos und Videoschnipsel auf Mardinis Instagram-Account hoch. Spannekrebs steht schwitzend auf der Tribüne des Sportparks. In seiner Jacke trägt er ein Ladegerät, das er an Mardinis Handy gesteckt hat. Ständig gibt es etwas zu fotografieren und zu senden.

Yusra Mardini könnte schon jetzt davon leben, nur ihre Geschichte zu erzählen. Sie brauchte das Schwimmen nicht mehr. Ihr Manager Marc Heinkelein bekommt zahllose Anfragen für Keynotes und Vorträge. Heinkelein muss das meiste aus Zeitgründen absagen.

"Yusras derzeitige Priorität liegt auf dem Schwimmen", sagt Heinkelein, "der Sport ist Teil ihrer Identität. Ihr Wille ist es, sich als Athletin zu verbessern."

Mardini trainiert bei den Wasserfreunden Spandau 04. Anfangs gab es Spannungen im Klub, weil Mardini so viel Aufmerksamkeit bekam. Ständig waren Kamerateams da, zudem beschwerten sich Eltern, ihre Kinder würden beim Training vernachlässigt, weil sich die Übungsleiter nur noch um Mardini kümmerten.

Sie liebt das Wasser

Jetzt hat Yusra Mardini einen Privatcoach. Sie hat die Schule nach der neunten Klasse abgebrochen und trainiert wie ein Profi: jeden Tag zwei Einheiten im Wasser, dazu Athletik- und Krafttraining und Physiotherapie. 30 Stunden in der Woche geht es nur ums Schwimmen.

"Ich will nach Tokio, zu den Sommerspielen 2020", sagt Mardini, "das ist mein großer Traum."

Wenn alles perfekt läuft, wird Mardini in Tokio unter die besten 30 Schwimmer kommen. Von der Weltspitze ist sie weit entfernt. Auf ihrer Paradestrecke, den 100 Meter Schmetterling, liegt sie etwa zehn Sekunden hinter den Besten zurück. Im Schwimmen sind das Lichtjahre.

Yusra Mardini lässt sich dadurch nicht entmutigen. Sie liebt das Wasser über alles. Sie liebt es, wenn es von den Wänden eines Schwimmbeckens umfasst wird. Wenn es sie nicht erinnert an ihren Kampf im Mittelmeer.

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