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Hitzewelle Schwitzen für die Firma: ein Tag im Hochofen-Office 2022

Blick auf Köln in der Juli-Hitze
Blick auf Köln in der Juli-Hitze. Wenn Balkon- und Fieberthermometer unisono singen können, läuft irgendwas gewaltig falsch
© Rolf Vennenbernd / DPA
Während die Temperaturen steigen, leidet des Deutschen höchstes Gut: die Arbeitsmoral. Halbfiktive Ausschnitte aus dem Homeoffice-Sommer 2022. Eine Glosse.

8 Uhr morgens, früher Mittag in Mitteleuropa. Zumindest der drückenden Hitze nach zu urteilen, die sich durch das über Nacht aufgerissene Fenster schiebt und mich in Kaltblüter-Manier an die Matratze fesselt.

Als mir in der Dusche kaltes Wasser über die Schultern rollt, wird mir klar: Das sind die schönsten fünf Minuten des Tages. Besser wirds nicht, nur wärmer. Ich drehe den Hahn zu und sie ist vorbei, die Glückseligkeit. Das Schwitzen beginnt.

Es ist ein neuer Tag im Sommer 2022, ein neuer Tag in der Homeoffice-Wüste Deutschland.

Schweiß Pour Homme: der Duft im Homeoffice-Sommer 2022

Die rote Balkon-Marquise spannt sich wie ein Beduinenzelt über meinen schmalen Balkon im Kölner Norden, der in diesen Tagen bedeutend näher in Richtung Äquator gerückt ist. Während ich lauwarmen Kaffee und laukaltes Wasser trinke, klappe ich den Laptop auf, der – genau wie ich – jetzt schon schwitzt wie Scheiblettenkäse am Ballermannbuffet. Schweiß Pour Homme: der beliebteste Sommerduft im Homeoffice.

Ab wann wir denn hitzefrei machen könnten, möchte ich von meinem Chef wissen. "Wenn im Newsroom die Wasserkisten kochen. Vorher wird geschuftet bis zum Umfallen! Zwinkersmiley!", sagt der. Der hat leicht reden. Bei ihm in Hamburg soll die Elbe noch Wasser führen, ja sogar grünes (!) Gras soll es geben. Hier in Köln knirscht es unter den Schuhen, wenn ich mit dem Hund über die blassbraune Tundra schreite, die sich einst Park rühmte. Gras sollte nicht knirschen. Der Hund tut mir sowieso leid. Später am Abend sprinte ich mit ihr die schattenlosen 20 Meter bis zur "Wiese", damit sie sich die Pfoten auf dem Teflon, pardon, auf dem Asphalt, nicht verbrennt.

Ich versuche mich auf meinen Text zu konzentrieren. Es geht um Afghanistan. In Kabul ist es heute übrigens acht Grad kühler. Bis zum Mittag ist der Gedanke verflogen wie die nicht vorhandene Brise.

Ventilatorensurren: der Sommerhit 2022

Mittagspause, oder wie es eigentlich heißen sollte: Cooling Break. Hunger habe ich keinen, zum Kochen fehlt mir ohnehin die Energie. Obwohl, Moment. Ich könnte einfach einen Brühwürfel in mein Wasserglas werfen und schon hätt' ich eine Gemüsesuppe. Ganz ohne Wasserkocher. Habeck wäre stolz. Der Sodastream quietscht dieser Tage im Halbe-Stunden-Takt – Festivalbeats für Arbeitstiere. Während ich lustlos am 47-sten Glas Marke Eigensprudel nippe, klingelt es an der Tür. Meine Freundin schleppt sich keuchend und mit einem monströsen Karton beladen durch den zur Kälteschleuse mutierten Hausflur. Sie hat einen Ventilator gekauft. Das monotone Surren des bronzefarbenen Technikwunders legt sich malerisch über den Sodastream-Bass. Das wird definitiv mein Sommerhit.

Zurück vor dem Rechner. Mittlerweile hat Köln die 37 Grad geknackt. Wenn Balkon- und Fieberthermometer unisono singen können, läuft irgendwas gewaltig falsch. Gefühlte Temperatur: 43 Grad, heißt es in der Wetter-App. Nur gut, dass es zu heiß zum Fühlen ist. Trotzdem sollte man nicht vom bloßen Existieren schwitzen, meine Meinung (elf!).

Dabei hast du es doch noch gut, denke ich mir. Manche Leute müssen schließlich körperlich also "richtig" arbeiten. Beim Versuch, Mitleid zu empfinden, läuft mir ein dicker Schweißtropfen auf die Nase, also lasse ich es. Leid ist eben etwas Subjektives.

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Keine Sorge: nur noch fünf Monate bis Weihnachten!

Ich schaue auf die Uhr und wünsche mir, es wäre das Thermometer. Noch zwei Stunden, dann kann ich endlich in Freizeit schwitzen. Meine Schäferhündin tapert inzwischen in der Wohnung hechelnd auf und ab. Alle paar Minuten steht sie mit einem dicken Fragezeichen über der Schnauze vor mir, als wundere sie sich, warum die Heizung denn liefe. Ich wundere mich mit ihr. 

Pünktlich zum Feierabend tritt mein WLAN-Router in den Hitzestreik. Das Glasfaserkabel hat sich offenbar auf Nord-Stream-1-Niveau eingependelt. Nicht so schlimm. Wer braucht schon Mbits, wenn er Flutschfinger im Tiefkühlfach hat.

Aber keine Sorge, in fünf Monaten ist Weihnachten. Wenn das so weiter geht, sitze ich dann in Badehose vor dem Tannenbaum, trinke Piña Colada statt Eierpunsch und lausche Ikke Hüftgold statt Rolf Zuckowski. Immerhin wäre die Sache mit dem Gasmangel dann nur halb so schlimm. Schwitzen für den Frieden und so.

Bis es so weit ist, orientiere ich mich an einem der großen Denker unserer Zeit, Per Mertesacker: Ab in die Eistonne!

rw

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