HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolummne Winnemuth: Urlaub vom Selbst

Eine Reise eröffnet die Möglichkeit, mal für ein paar Wochen im Jahr jemand anderer zu sein: das spontanere, das wagemutigere Ich, das im Alltag keine Chance bekommt.

Von Meike Winnemuth

Vor Kurzem entwickelte der britische Philosoph Alain de Botton in einem Blog die hübsche Idee einer Reisetherapie. Vor jedem Urlaub solle man erst mal herausfinden, wo man gerade steht im Leben, und wo man gern hinwill. Wie will ich werden, und welcher Ort könnte mir dabei helfen? Brauchte ich vielleicht die totale Leere einer Wüste, um meinen Kopf zu entrümpeln? Müssten wir als Paar nicht dringend mal wieder ein gemeinsames Abenteuer überstehen, um aus der lähmenden Langeweile herauszukommen? Wo könnte ich finden, was mir fehlt, ob Geduld oder Mut oder Verspieltheit? Reisen seien, folgt man de Botton, Pilgerfahrten zu einem besseren Selbst, und da komme es auf die Wahl des richtigen Wallfahrtsortes an.

Die Idee ist mir zwar eine Spur zu sehr aus dem Geist des Selbstoptimierungswahns geboren, ansonsten hat de Botton aber natürlich recht: Das Tolle am Reisen ist die Chance, zumindest für ein paar Wochen im Jahr ein anderer zu werden – vernachlässigte Bedürfnisse auszutoben, matte Facetten zum Funkeln zu bringen, zu experimentieren. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? (Und welchen Sonnenschutzfaktor brauchen die alle?) Es ist die einmalige Gelegenheit, Selbstbilder und Selbstbezichtigungen über den Haufen zu werfen. Das kann ich nicht, das traue ich mich nicht, das ist nichts für mich – woher will man das wissen, wenn man es nie probiert hat?

Probefahrten durch andere Lebensarten

Reisen sind Probefahrten durch andere Lebensarten: Wer zu Hause komplett durchgetaktet ist, darf planlos werden, wer sich verzagt fühlt, hat die Chance, die eigene Kühnheit zu entdecken. Und wer immer für andere da ist, muss nicht auch noch im Ferienapartment die perfekte Hausfrau geben, sondern darf ganz allein den Nachtzug nach Paris nehmen, drei Stunden lang vor dem Café de Flore sitzen und einfach nur gucken.

Ich schreibe dies aus dem Iran, wo ich gerade für zwei Wochen im Auftrag des stern-Schwesternblatts "Geo Saison" unterwegs bin. (Ja ja, ich wollte endlich mal zu Hause bleiben, habe ich neulich vollmundig verkündet. Niemand hat mir je Konsequenz vorgeworfen.) Gleich am ersten Tag schlug meine Führerin Homeyra vor, alle Pläne über den Haufen zu werfen und hinaus aufs Land zu fahren, sie habe da Freunde, wir könnten dort übernachten.

Das Checker-Ich hat Pause

Über Nacht, wirklich? Doch doch, kein Problem, meinen Koffer könne ich im Teheraner Hotel lassen. Hm, okay … Ich packte eine Zahnbürste und was zum Wechseln in einen Schuhbeutel, und wir fuhren raus aus der versmogten Stadt. Je weiter hinaus es ging, desto mulmiger wurde mir. Worauf hatte ich mich nur wieder eingelassen? Eine Frau, die ich nicht kenne, nimmt mich zu Leuten mit, die ich nicht kenne, in ein Dorf, das sich nicht mal bei Google Maps findet. Bin ich eigentlich bescheuert? Und wie viel Lösegeld würde die Redaktion lockermachen?

Irgendwann bogen wir ab, es ging eine steile, staubige Straße hinauf, höher und höher. Und plötzlich tauchten am Hang luxuriöse Villen auf, umgeben von üppigen Gärten. Vor einem standen lachend Alireza und Alaleh, umarmten uns, schoben uns auf ihre Sandelholzterrasse mit weitem Blick über das Land, brachten Tee, Datteln und Nüsse und zeigten mir dann eines der schönsten Gästezimmer, die ich je sah. Es wurde ein langer Abend.

Nie habe ich besser geschlafen als in dieser Nacht, mit einer weiteren Lektion unterm Kopfkissen: Mein Checker-Ich, Wissenwoller-Ich, Kontrolletti-Ich darf gern mal Ferien machen. Vertrauen zu haben, dass das Leben und die Leute es gut mit einem meinen, nicht immer krampfhaft alles in der Hand haben zu müssen – anscheinend war es das, was mir diese Wallfahrt beibringen wollte. Mr de Botton würde sagen: ein lupenreiner Therapieerfolg.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

print
Themen in diesem Artikel