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stern-Kolumne "Winnemuth": Entspannt euch

Die Post bietet einen Service, der uns das Leben leichter macht. Das findet nicht jeder gut. Aber warum suchen wir bei Neuem immer erst mal ein Haar in der Suppe?

Von Meike Winnemuth

Neulich war ich zu einem Podiumsgespräch namens "Wo mein Laptop steht, bin ich zu Hause“ eingeladen, hinterher stand man noch zu Häppchen herum, und jemand fragte mich: "Wenn Sie nun jeden Monat in einer anderen Stadt wohnen, wie machen Sie das denn mit Ihrer Post?"

Ganz einfach: Die Deutsche Post benutzt mich netterweise als Versuchskaninchen für ihren E-Postscan-Service. Meine Briefe gehen automatisch an ein Digitalisierungszentrum in Mannheim, werden dort eingescannt und mir als PDF in mein elektronisches Postfach geschickt. Ich kann sie auf dem Laptop oder in einer Handy-App lesen, speichern, weiterleiten … "Stopp. Irgendein Fremder macht Ihre Post auf?" Ja. Um sie einzuscannen. "Alles? Rechnungen, Steuerbescheide, Liebesbriefe?" Alles. Bis auf undigitalisierbar Mehrseitiges wie Manufactum-Kataloge, Belegexemplare des stern und so. "Ja, haben Sie denn gar keine Bedenken? Was ist mit dem Briefgeheimnis?"

Auf eine weitere Hand kommt es nicht an

Das Briefgeheimnis hat mich vermutlich nie sonderlich geschert, sonst wäre ich keine Kolumnistin geworden. Was ich in den vergangenen Jahrzehnten freiwillig an Persönlichem in die Welt geblasen habe, übersteigt um ein Tausendfaches alles, was je in Briefen stehen könnte. Hat mir bislang nicht geschadet, nicht meinem Seelenheil und auch nicht dem Abendland. Ferner gehe ich davon aus, dass auch Steuerbescheide und Honorarrechnungen durch die Hände vieler Leute gehen, bevor sie in meinen landen – auf eine weitere Hand, nämlich diejenige mit dem Brieföffner darin, kommt es da nun wirklich nicht an. Wer auch immer die arme Seele ist, die im Akkord Briefe aufschlitzt, den Inhalt scannt und ihn anschließend wieder in den Umschlag stopft, um die gesammelte Post einmal wöchentlich an meine Eltern zu schicken – viel Zeit zum gemütlichen Lesen wird da nicht sein.

Und selbst wenn, würde er von mir in den vergangenen Wochen höchstens erfahren haben, dass ich in Potsdam 36 statt 30 km/h gefahren bin (15 Euro) und ein Konto bei der GLS Bank habe, dass ich mich offensichtlich für Wein interessiere (nicht beim 36-km/h-Fahren) und bei mir kürzlich neue Heizkostenverteiler montiert wurden, was 110,67 Euro kostete, davon 47,85 Euro Lohn- und/oder Fahrtkosten inklusive Mehrwertsteuer.

Dass all das zwar sonst niemanden interessiert, mich aber doch, weswegen ich mir die Post einscannen lasse, ist offensichtlich: 15 nicht gezahlte Euro Verwarnungsgeld verdreifachen sich dank zusätzlicher Gebühren, wenn man sie nicht zackig überweist. Und sollte doch mal einer einen Liebesbrief schicken, würde ich das auch gern zügig wissen.

823 km bis zum Briefkasten

"Ja, guuut", sagte mein Gesprächspartner, "nützlich ist es sicher, aber trotzdem … Ist doch nicht schön, alles so digitalisiert zu kriegen. Ist doch schade, wenn man nicht an den Briefkasten gehen und die Post beim Kaffeetrinken aufmachen kann." Ja. Wahnsinnig schade, dass ich auf diesen Höhepunkt meines Tages verzichten muss: mit einem winzigen Schlüssel einen klapprigen Briefkasten zu öffnen (der übrigens derzeit 823 Kilometer entfernt ist), um dann Rechnungen und Werbepost aufzuschlitzen.

Ich finde es immer wieder verblüffend, dass die Leute bei jeder Verbesserung ihres Lebens erst mal bejammern, worauf sie jetzt verzichten müssen, auch wenn es noch so verzichtbar ist. Stimmt, dank Anästhesie muss man leider auf Whisky und einen Stock zwischen den Zähnen verzichten, und Gott weiß, wie viel lebenswerter das Leben mit Wählscheibentelefonen und Pferdedroschken war, aber können wir bitte aufhören, jede Neuerung reflexhaft für bedenklich zu halten? Ach, können wir nicht? Dann schreiben Sie mir das bitte in einem erbosten Brief, ich werde ihn irgendwann dieser Tage dann auf dem Handy lesen.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(