HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne "Winnemuth": Sie sind einfach … Raaahhh!

Warum können wir Liegeradfahrer oder Nail-Art-Fans nicht ausstehen? Um das zu verstehen, hilft es, mal selbst zum Hassobjekt zu werden.

Von Meike Winnemuth

Für Meike Winnemuth waren Liegeradfahrer, die Veganer unter den Radlern - bis sie sich selbst hinters Steuer legte

Für Meike Winnemuth waren Liegeradfahrer, die Veganer unter den Radlern - bis sie sich selbst hinters Steuer legte

Gestern ging ich in Konstanz an einem Spezialhändler für Liegefahrräder vorbei. Der Laden heißt "Radium" und ist eine Filiale von "Radieschen", einem Geschäft für normale Räder, die von den Liegeradlern "Uprights" genannt werden. Auf einem Hirnscan hätte man in diesem Moment meine Region für Boshaftigkeit giftgrün aufflackern sehen können. Radladen-Namen, die Friseursalon-Namen der 2000er! Liegeräder mit ihren albernen Kinderrad-Wimpeln, die dann trotzdem von 7,5-Tonnern übergemangelt werden! Permaschlechtgelaunte Liegeradfahrer, die Veganer unter den Radlern, mit ihrem endlosen Gerede von cw-Werten und davon, dass ihre Hoden beim Fahren nicht gequetscht werden!

Stopp. Zu billig. Dieses Fressen ist so gefunden, dass mir sofort der Appetit vergeht: Wer schon am Boden liegt bzw. fährt, sollte nicht noch getreten werden. Deutlich interessanter ist da schon, woher eigentlich die kollektive Aggression kommt, die einige Menschen auf sich ziehen. Denn ich bin ja weiß Gott nicht die Einzige, für die Liegeradfahrer Witzfiguren sind, die … nein, hör schon auf, Winnemuth.

Verachtet wie Veronica Ferres

Also: Wie kommt es, dass Liegeradfahrer so verachtet werden? Oder Leute wie Markus Lanz oder Veronica Ferres oder Gwyneth Paltrow oder Frauen mit sogenannter Nail Art auf den Fingernägeln, Lack in mehreren Farben mit aufgeklebten Glitzersteinchen/Federchen/Blümchen/Schmetterlingchen, gern eckig gefeilt und am allerschlimmsten, wenn nur das vordere Weiße bemalt ist mit schwarzem Glimmer oder … Raaahhh! Ganz ruhig. Der Blutdruck. Also wieso findet man die so doof? Wieso die und nicht andere, die doppelt so doof sind?

Gut, die tun auch was dafür. Gwyneth Paltrow jüngst wieder mit der absurd prätentiösen Verkündigung ihrer Trennung, die sie per Pressemeldung als "bewusste Entpaarung" glorifizierte, Ferres mit ihrem Auftritt bei "Wetten dass ..?", als sie Cameron Diaz zu ihrem "Werk" beglückwünschte und beiläufig einflocht, dass sie ja auch schon mal mit John Malkovich gedreht habe. Ach, all diese Leute mit ihrer angestrengten Großartigkeit, ihrer Selbstgerechtigkeit, ihrer Humorlosigkeit, ihrer … Nein. So kommen wir nicht weiter.

Exorzismus der Vorurteile

Es gibt nur eine Art des Exorzismus: selbst einer von denen werden. Ich ging zu "Radium" und lieh mir ein Liegerad aus. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, doof gefunden zu werden, vielleicht, dachte ich, höre ich dann mit dem Dooffinden auf.

Hinter der Theke stand einer, der perfekt gecastet wirkte für einen Liegeradladen: die Rastalocken zum lockeren Dutt geschlungen. "Man muss sich erst mal entspannen. Wer nicht entspannt fährt, fährt gefährlich." Ich fuhr eine wacklige, komplett unentspannte Probestrecke mit einem Zweirad und entschied mich weise für ein Trike: vorn zwei Räder, hinten eins, breit wie eine Harley, Kostenpunkt 4000 Euro.

Und was soll ich sagen? Es war tatsächlich sehr gemütlich. Nach zwei Minuten hat man raus, wie man Kurven fährt, nach drei, dass es ganz lustig sein kann, in Hundeschnauzenhöhe an der Ampel zu stehen, nach zehn Minuten bin ich von drei Leuten angesprochen worden und habe eine ältere Dame auch mal fahren lassen. Es ist sehr kommunikativ, so einen Tieflieger zu fahren. Zudem hat man einen schönen Blick auf die Welt von unten, was vielen von uns ja mal ganz guttut, mir besonders. Jeden Tag eine halbe Stunde Vorurteilsüberprüfung, das wäre eigentlich ein guter Lebensplan.

Morgen dann mal Nail Art, mit Sternchen und blauem Glitzer. Ich werde das so lange machen, bis ich nur noch die wirklich wichtigen Dinge doof finde.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

print
Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.