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stern-Kolumne Winnemuth: Chronische Listeritis

Das Fernsehen hat geschummelt. Die Affäre rückte eine Seuche in den Blick, von der nicht nur die Programmdirektoren befallen sind. Die Zuschauer sind noch viel schlimmer infiziert.

Von Meike Winnemuth

Bei der Sendung "Deutschlands beste Männer", moderiert von Johannes B. Kerner, wurde gepfuscht. ZDF-Gesichter wurden auf bessere Plätze geschoben.

Bei der Sendung "Deutschlands beste Männer", moderiert von Johannes B. Kerner, wurde gepfuscht. ZDF-Gesichter wurden auf bessere Plätze geschoben.

Vor ein paar Wochen flog auf, dass die ZDF-Rankingshow "Deutschlands Beste!" die Wahlergebnisse nach dem ADAC-Prinzip manipuliert hatte (Franz Beckenbauer, Gast der Sendung, rückte von Platz 31 auf einen schmeichelhafteren Platz 9, ZDF-Moderator Claus Kleber von 39 auf 28, sein RTL-Konkurrent Peter Kloeppel dafür von 27 auf 39, Helene Fischer, ebenfalls ein ZDF-Gesicht, von 10 auf 5).

Als daraufhin alle öffentlich-rechtlichen Anstalten Untersuchungskommissionen zur Klärung eigener Verfehlungen einsetzten, kam ans Licht: Auch WDR, NDR, RBB und HR hatten Umfragen frisiert. So schockierte der NDR mit der Enthüllung, dass der Rhododendronpark im Ammerland um seinen verdienten zehnten Platz unter "den schönsten Gärten und Parks des Nordens" betrogen wurde, weil von Planten un Blomen in Hamburg bessere Bilder im Archiv waren – wie sollte ein Fernsehsender auch zu neuen Bildern kommen? Etwa ein Kamerateam losschicken? Jetzma nicht übertreiben! –, und dass das Dümmer Meer bei der Wahl der "spannendsten Seen Norddeutschlands" aus bislang unbekannten Gründen von 13 auf 11 befördert wurde. All das sei nicht hinnehmbar, sagte der Intendant und meinte damit nicht sein Programm. Jetzt müssen Leitlinien entwickelt werden! Damit meinte er immer noch nicht sein Programm.

Jede Art von Rankingshow erzielt hohe Quoten

Seitdem ist viel von Betrug und Vertrauensverlust die Rede. Skandal! Und das von unseren Zwangsgebühren! Undsoweiter! Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Mein Vertrauensverlust gilt den Zuschauern. Anscheinend ist das Bedürfnis, die Welt nur noch in Form von Listen und Hitparaden zu sich nehmen zu wollen, so groß, dass noch die absurdeste Rankingshow beachtliche Einschaltquoten erzielt, ob "Die beliebtesten Talsperren", "Die beliebtesten Trecker Norddeutschlands", "Die beliebtesten Dialekte der Hessen" oder "Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere" (Platz 1: die Promenadenmischung).

In den letzten drei Jahren hat allein der NDR 212-mal sein Programm damit gefüllt, selbst bei Viertausstrahlung findet sich an einem Sonntagabend zur Primetime eine Million leidensfähige Zuschauer vor den Geräten ein, so der unermüdliche Chronist des laufenden Schwachsinns, der Medien-Blogger Stefan Niggemeier. Es würde sich nicht lohnen, sich über die Realsatire aufzuregen, die das deutsche Fernsehprogramm oft ist, wenn die Hitparaden des Scheißegalen nicht überall virulent wären.

Die 30/50/100 schönsten/besten/ größten/erfolgreichsten/bewegendsten Irgendwasse – die Welt muss nur sortiert werden, so scheint es, und schon ist sie interessanter, zumindest erträglicher. Ordnung muss sein, und Rankings scheinen zu zeigen, dass dieses verwirrende, überfordernde Leben doch noch irgendwie auf die Reihe zu kriegen ist und wir alle darüber mitbestimmen dürfen.

Ergebnisse sehen, ohne selbst abzustimmen

Das Verrückte ist: Das tut fast keiner. Es. Interessiert. Keine. Sau. Howard Carpendale siegte in der NDR-Online-Abstimmung um „den spektakulärsten Rücktritt“ mit 64 Klicks klar vor Margot Käßmann (48 Klicks), die ihrerseits Karl-Theodor zu Guttenberg deklassierte (47 Klicks). Man möchte also keine Meinung haben, nicht wählen, sondern nur die Wahlergebnisse präsentiert bekommen – im Zweifel auch nur die der gelangweilten Redakteure, die per Handzeichen darüber abstimmen, welcher Praktikant ins Archiv steigt, um die nötigen Filmschnipsel hochzuholen. Und das ist es, was mich am meisten an dieser Geschichte aufregt: das Bedürfnis, die Welt in Form von Hitlisten vorgekaut zu bekommen, und keinen eigenen Gedanken darauf zu verwenden. Es ist die Tchibo-Doktrin: Solange nur irgendjemand anderes für einen die Auswahl trifft, wird alles gekauft.

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