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"Exodus 1947" Tausende Juden versuchten 1947, nach Palästina zu gelangen. Die Briten steckten sie in Lager – ausgerechnet in Deutschland

Passagiere der "Exodus 1947" in einem Auffanglager in Pöppendorf
Passagiere der "Exodus 1947" in einem Auffanglager in Pöppendorf
© akg-images / Picture Alliance
Palästina war ihr Ziel: Mehr als 4000 Juden brachen vor 75 Jahren an Bord der "Exodus 1947" ins gelobte Land auf. Doch ihr Weg führte erneut in Lager – weil Großbritannien die Einwanderer mit Gewalt aufhielt.

Sie hatten das größte Grauen in der Geschichte der Menschheit überstanden. Und nun, wo Hitler und Nazi-Deutschland besiegt waren, konnten sie sich nicht mehr vorstellen, weiter in den Ländern zu leben, in denen dieses Grauen möglich gewesen war. Tausende Holocaust-Überlebende wollten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Europa den Rücken kehren. Viele von ihnen zog es nach Palästina, dorthin, wo die Juden historisch ihre Heimat verorten. 

So ging es auch den 4500 jüdischen Flüchtlingen, die am 11. Juli 1947, vor genau 75 Jahren, an Bord des Schiffes "President Warfield" gingen. Zu Bekanntheit kommen sollte es später als "Exodus from Europe 1947" (kurz: "Exodus 1947") – benannt nach dem zweiten Buch Mose, in dem Moses das jüdische Volk aus der Sklaverei in Ägypten in das verheißene Land führt. Auch die Jüd:innen im 20. Jahrhundert suchten nach einem Weg in ein eigenes Land, in dem sie in Zukunft friedlich leben könnten. Doch der Weg dorthin gestaltete sich schwierig.

4515 Passagiere auf der "Exodus 1947"

Denn Palästina war seit dem Ende des Ersten Weltkriegs britisches Mandatsgebiet. Der Zustrom jüdischer Einwander:innen sorgte dort für erheblichen Unmut in der arabischen Bevölkerung, weshalb die Briten zuerst alles unternahmen, diese "illegale Einwanderung" zu unterbinden. So wurde die Fahrt der "Exodus 1947" zum Politikum. Das Schiff (Baujahr 1927) war unter dem Namen "President Warfield" in den USA erst als Vergnügungsschiff, dann im Zweiten Weltkrieg als Truppentransporter eingesetzt worden.

Nach dem Krieg kaufte die zionistische Untergrundorganisation Haganah es auf. Von der südfranzösischen Hafenstadt Sète aus brach es im Morgengrauen des 11. Juli 1947 Richtung Palästina auf. An Bord: 39 Mann Besatzung und 4515 jüdische Passagier:innen, darunter auch hunderte Kinder.

Keinen Tag zu früh, denn die britische Regierung arbeitete mit Hochdruck daran, das Auslaufen des Schiffes zu verhindern. Der Druck auf die Regierungen in Paris und Honduras, unter dessen Flagge die "President Warfield" unterwegs war, konnte aber nicht verhindern, dass sich die Jüd:innen auf die Reise machten. Unterwegs wurde in einer feierlichen Zeremonie die "President Warfield" in "Exodus 1947" umbenannt und die blau-weiße Flagge mit dem Davidstern gehisst – die spätere Nationalflagge des israelischen Staates.

Briten verhindern Einwanderung nach Palästina

Die ganze Zeit blieb ungewiss, ob das Schiff die Küste überhaupt erreichen würde. Auf offener See wurde es von Schiffen der britischen Flotte verfolgt. "Es war sehr interessant: Die ganze Strecke, da waren sechs Zerstörer mit uns und ein großes Kriegsschiff, und wir haben sie ausgelacht. Wir sagten, wir werden ankommen, macht nichts", erzählte der damalige Kapitän Ike Aronowicz. Von einem Ultimatum, die Fahrt abzubrechen, ließen sich Kapitän und Besatzung nicht einschüchtern. Die Situation eskalierte.

In der Nacht zum 18. Juni rammten die britischen Kriegsschiffe die "Exodus 1947" mehrere Male, britische Soldaten enterten das Schiff. Es kam zu vier Stunden langen, heftigen Kämpfen, jedoch mit extrem ungleichen Waffen: auf der einen Seite das britische Militär mit Waffen, auf der anderen Seite die jüdischen Flüchtlinge mit Holzlatten und Eisenstangen, die sich verzweifelt gegen die Übermacht zu wehren versuchten.

Zahlreiche Menschen wurden verletzt, es gab vier Todesopfer: ein britischer Soldat, ein Mitglied der Besatzung und zwei Passagiere. Als die Briten zu schießen begannen, ergaben sich die Jüd:innen schließlich – auch, weil das Schiff stark beschädigt war und zu sinken drohte.

Mit Gewalt in Lager gesteckt

Direkt darauf startete Großbritannien die "Operation Oasis": Die Geflüchteten wurden wieder in ihre Heimatländer zurückgebracht. Dort landeten viele Jüd:innen wieder in Lagern – und ausgerechnet wieder in Deutschland: Sie wurden im Hamburger Hafen teils gewaltsam von Bord gezerrt und mit Lastwagen und Eisenbahnwaggons in Lager in der Nähe von Lübeck transportiert.

Eine traumatische Erfahrung für viele Jüd:innen, die unter den Nazis sehr ähnliche Situationen durchgemacht hatten. Aber längst verfolgte die ganze Welt das Schicksal der Flüchtlinge, es hagelte internationale Kritik, sogar vom US-Präsidenten Harry S. Truman.

Der Holocaustüberlebende Daniel Hanoch

Die Briten ließen die Jüd:innen nach einigen Wochen wieder frei, außerdem zog sich Großbritannien aus Palästina zurück. Der mutige Einsatz der "Exodus 1947"-Passagiere trug entscheidend dazu bei, dass die Vereinten Nationen noch im gleichen Jahr dem Teilungsplan für Palästina, der einen jüdischen Staat und einen arabischen Staat für die Palästinenser vorsah, zustimmten. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion die Gründung des Staates Israel aus.

Quellen: Deutschlandfunk / “Welt” / Jewish Virtual Library


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