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Rätsel von Aunjetitz: Falsche Zeit? Falscher Ort? Forscher-Streit um die Himmelsscheibe von Nebra

Die Himmelsscheibe entstamme einem mächtigen Reich, regiert von den ersten Königen Mitteleuropas. Mit dieser These hat der Archäologe Harald Meller für Furore gesorgt. Doch stimmt sie überhaupt? Ein Gespräch mit dem Experten Rüdiger Krause.

Um die Himmelsscheibe von Nebra ist ein Forscherstreit entbrannt: Stammt sie wirklich aus der Bronzezeit? Und ist sie tatsächlich der Aujentitz-Kultur zuzuordnen?

Um die Himmelsscheibe von Nebra ist ein Forscherstreit entbrannt: Stammt sie wirklich aus der Bronzezeit? Und ist sie tatsächlich der Aujentitz-Kultur zuzuordnen?

DPA

Der Landesarchäologe von Sachsen- Anhalt, Harald Meller, hat einen fesselnden Bestseller  über die Himmelsscheibe geschrieben. Für ihn ist dieses Meisterwerk der Bronzezeit der Schlüssel zu einer verlorenen Kultur, die sich mit den antiken Zivilisationen messen kann. Welche meint er?
Es handelt sich um die Kultur von Aunjetitz, die sich in der Frühbronzezeit von Mecklenburg-Vorpommern bis ins heutige Tschechien erstreckte. Eine wirklich faszinierende Erscheinung mit einem besonderen Schwerpunkt im Mittelelbe-Saale-Gebiet.

Was machte die Gegend so besonders?
Dort herrschte ein günstiges Klima, es gab hervorragende Böden, dazu Salz und gute Wegeverbindungen. Das führte zu einer bemerkenswerten kulturellen Blüte. Davon künden zahlreiche materielle Hinterlassenschaften – etwa überaus reiche Depotfunde und monumentale Großgrabhügel wie der Bornhöck in Schkopau. In ihnen wurden einflussreiche Personen mit üppigen Beigaben bestattet. Ein Dolch reichte ihnen nicht. Dort wurde geprotzt!

Rüdiger Krause, Experte für die Himmelsscheibe von Nebra

Experte Rüdiger Krause lehrt als Bronzezeit-Spezialist an der Universität in Frankfurt am Main.

Für Meller ist das ein Grund, diese Männer als die ersten Könige Mitteleuropas zu bezeichnen und die Aunjetitz-Kultur zum mächtigen Reich zu erheben. Stimmen Sie ihm zu?
Überhaupt nicht. In der Vorgeschichte Europas kann man weder von Reichen noch von Königen sprechen. Beides sind historische Begriffe aus sehr viel späteren Epochen, die wir durch schriftliche Überlieferungen kennen. Mit ihnen assoziieren wir zwangsläufig Dinge, die mit der Welt der Bronzezeit nichts zu tun haben, dafür aber sehr viel mit dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit. Wer diese so reich bestatteten Menschen wirklich waren, welche Funktion sie in Aunjetitz hatten  – all das wissen wir nicht. Sie als "Könige" zu betiteln ist für mich schlicht Wissenschaftspopulismus.

Das heißt, hier wird bewusst ein anachronistischer Begriff benutzt, weil er sich gut verkauft?
Zweifellos. Die Fachwelt diskutiert seit Jahrzehnten, wie man solche herausragenden Personen aus vorgeschichtlicher Zeit nennen soll. Archäologen bedienen sich bisweilen Begriffen aus der Ethnologie, etwa Häuptling oder auch "Big Man". Darüber kann man sich nicht einfach so hinwegsetzen.

Ist die Himmelsscheibe von Nebra nicht ein einzigartiger Fund, der eines Königs würdig wäre?
Für mich als Wissenschaftler ist sie vor allem ein höchst problematischer  Fund. Sie wurde ja nicht von Archäologen ausgegraben, die den Kontext sorgfältig dokumentiert hätten, sondern von Grabräubern ausgebuddelt. Harald Meller hat die Scheibe dann für überzogene Schlussfolgerungen genutzt, die sie gar nicht hergibt. Wir wissen noch nicht einmal genau, wie alt sie ist und in welches Umfeld sie einst gehörte.

Aber sie ist ja nicht allein gefunden worden. Es gibt ja zum Beispiel auch noch zwei Bronzeschwerter, die bei der Datierung helfen könnten.
Nun, es sprechen viele Indizien dagegen, dass diese Beifunde ursprünglich zur Scheibe gehörten. Ich glaube, dass sie später von den Findern zusammengestellt wurden, um das Ganze finanziell interessanter zu machen. Diese These ist schon häufiger formuliert worden, wir werden in Kürze auch dazu publizieren. Dass die Scheibe echt ist, daran zweifle ich nicht. Wir wissen nur nicht, woher sie stammt.

"Deutsches Stonehenge": Die hölzerne Kreisgrabenanlage der Aujentitz-Kultur in Pömmelte (Sachsen-Anhalt)

"Deutsches Stonehenge": Die hölzerne Kreisgrabenanlage der Aujentitz-Kultur in Pömmelte (Sachsen-Anhalt)

Getty Images

Kommt sie nicht vom Mittelberg, auf dem heute ein Aussichtsturm an den Jahrhundertfund erinnert?
Diese Verbindung ist höchst fragwürdig. Letztlich hängt sie an ein paar Körnchen Sediment – Bruchteile eines Gramms –, die an der Scheibe hafteten und über die ein Bodenkundler gesagt hat, sie stimmten mit dem Erdreich auf dem Mittelberg überein. Das Problem ist: Es gibt andere Expertisen, die feststellen, dass das da oben ein ganz geläufiger Boden ist, der sich auch in einem Umkreis von mehreren 100 Kilometern findet. So eindeutig, wie Meller es immer wieder darstellt, ist es also nicht. Als Wissenschaftler muss ich solche Geschichten hinterfragen.

Der exakte Fundort ist doch durch die hohe Konzentration von Goldionen im Boden nachgewiesen worden?
Diese Analysen sind trotz mehrfachen Ankündigungen bis heute nicht wissenschaftlich publiziert worden. Also können wir sie auch nicht nach wissenschaftlichen Kriterien kontrollieren oder nachvollziehen. Das ist das Problem mit der Scheibe: Überall werden von Meller Dinge verbreitet, die jeder glauben soll, weil sie ja überall stehen. Eine Masche. Tatsächlich ist das, was uns bisher geliefert wurde, nicht belastbar. Das gilt übrigens auch für die Klassifizierung als bronzezeitliches Objekt. Ihre Zeitstellung ist keinesfalls gesichert, vielmehr spricht ebenso viel dafür, dass die Scheibe aus der Eisenzeit stammt oder gar noch jünger ist.

Wie bitte?
Das ist gar nicht so neu. Mindestens zwei andere Kollegen haben ähnliche Thesen bereits publiziert – nämlich der Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt am Main, Wolfgang David, und der Österreicher Paul Gleirscher. Es ist auch nicht sonderlich überraschend: Denn auf dem Mittelberg gibt es nur eine kleine eisenzeitliche Befestigung – aber keine einzige bronzezeitliche Scherbe! Das hebt Meller natürlich nicht hervor. Klar, es passt ja auch nicht in sein Bild, das er entwirft. Ich kann das nur als totale Verschleierung und als klassische "Fake News" bezeichnen.

Welche Folgen hätte diese Neudatierung für Mellers Thesen?
Das ganze astronomische Gebilde, das er aufgebaut hat, basiert auf einer zeitlichen Verortung in die Phase um das Jahr 1800 v. Chr. Wenn die Scheibe jünger ist und in die Eisenzeit gehört – meinetwegen in die Epoche zwischen 600 v. Chr. und 300 v. Chr. –, dann bricht dieses Gerüst zusammen. Die astronomischen Bezüge müssten ganz neu berechnet werden – wenn es diese denn wirklich geben sollte (was ich bezweifle!).

Was spricht denn noch für Ihre Datierung – mal abgesehen von den Funden auf dem Mittelberg?
Die Ikonografie. Die charakteristische Darstellung der sogenannten Plejaden auf der Himmelsscheibe finden Sie auch auf keltischen Regenbogenschüsselchen, keltischen Blechen und keltischen Schwertscheiden. Also ganz klar auf eisenzeitlichen Objekten.

Meller stützt seine These vom ersten Reich Mitteleuropas unter anderem darauf, dass die Herren von Aunjetitz über Armeen verfügt hätten – und damit auch über das Gewaltmonopol.
Als Bronzezeit-Experte kann ich das nur als Unfug bezeichnen. Meller benutzt für seine Argumentation Depotfunde – also vergrabene Sammelfunde mit 100 und mehr Beilen – und interpretiert diese als Waffenlager. Dabei steht seiner Ansicht nach jeweils ein Beil für einen Krieger. Nur so kommt er auf den Begriff Armee. Man muss aber bei diesen Funden genau hinschauen: Die Beile sind nicht alle gleich, sondern zum Teil noch Gussrohlinge, abgenutzt oder zerbrochen. Man kann von ihnen also nicht automatisch auf die Zahl der Kämpfer schließen, wie Meller es tut. Da hat er die Grundlagen unseres Faches völlig falsch verstanden.

Wie deuten Sie solche Funde denn?
Wissen Sie, wir Archäologen haben lange geglaubt, dass es sich bei solchen Depots um Händlerverstecke oder Horte handelte, in denen Wertgegenstände in unruhigen Zeiten vor Plünderern geschützt waren. Erst seit den 1990er-Jahren hat sich die Sicht in der Fachwelt verbreitet, dass wir es eigentlich mit religiösen Deponierungen zu tun haben. Deren wahre Bedeutung werden wir in Ermangelung schriftlicher Quellen natürlich nie vollständig entschlüsseln können.

Mal angenommen, Sie haben recht und die Himmelsscheibe stammt aus der Eisenzeit. Würde diese Erkenntnis ihr den Glanz rauben?
Nein, nicht unbedingt. Sie bliebe dennoch einzigartig. Aber die unglaublichen Geschichten von Meller müssten alle revidiert werden.

Video: Das Geheimnis der Himmelsscheibe