Emotionale Intelligenz Gehen Sie klug mit Ihren Gefühlen um?


Wer seine eigenen Gefühle kennt und die von anderen einschätzen kann, hat es leichter im Job, in der Beziehung und mit sich selbst. Diese Fähigkeit lässt sich testen. Die Psychologin Astrid Schütz arbeitet an der ersten deutschen Version eines solchen Fragebogens.

Frau Schütz, was genau kann der neue Test messen?

Im Kern ist emotionale Intelligenz die Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen zu erkennen und sie zu verstehen. Und das Geschick, sie je nach Situation angemessen zu nutzen und gezielt zu beeinflussen. Nachdem IQ-Tests eingesetzt wurden, gab es ja heftigen Streit: Viele beharrten darauf, dass es nicht nur diese eine auf das logische Denken beschränkte Vorstellung von Intelligenz geben könne. So entstand die Forschung zur sozialen Intelligenz, der Fähigkeit, in Beziehungen mit anderen Menschen klug zu handeln. Seit Beginn der 90er Jahre gibt es nun psychologische Forschung zur emotionalen Intelligenz (EI), der Fähigkeit, mit Gefühlen - den eigenen und denen der anderen - gut umzugehen. Die will der Test messen.

Haben Sie Beispiele für emotional intelligentes Verhalten?

Klar. Ein emotional intelligenter Mensch kommt nicht einfach schlecht gelaunt von der Arbeit und lässt seine Laune an der Familie aus, sondern sagt sich: Ich bin stinksauer, enttäuscht und verunsichert, weil ein Kollege mich heute vor versammelter Mannschaft bloßgestellt hat. Ich gehe jetzt erst mal eine Runde laufen, dafür bin ich gerade geladen genug, und hinterher geht's mir sogar besser. Oder: Ein emotional intelligenter Chef merkt, wenn ein Mitarbeiter Sorgen hat, bietet ein Gespräch und Hilfe an und setzt nicht noch mit harscher Kritik einen drauf, sodass sein Gegenüber erst recht keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Der Test prüft diese Fähigkeiten. Wem kann er dienen?

Einerseits setzen wir ihn in der psychologischen Forschung ein, um die emotionale Intelligenz überhaupt ergründen zu können. In der Praxis dient er außerdem als diagnostisches Instrument: um in der Psychotherapie Stärken und Schwächen zu erkennen und gezielt daran arbeiten zu können. Und genauso kann er auch in der Berufswelt genutzt werden. Bei Mitarbeiterschulungen, Führungskräfte-Coachings oder in Bewerbungsverfahren.

Sind Menschen, die in dem Test gut abschneiden, im Alltag wirklich die besseren Chefs oder Partner?

Ja. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass beispielsweise Vorgesetzte, die im EI-Test gut abschneiden, auch bei ihren Mitarbeitern besonders geschätzt sind. Oder dass die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren, mit der Arbeitszufriedenheit verbunden ist, außerdem mit der Wahrscheinlichkeit von Gehaltserhöhungen. Und in Liebesbeziehungen hilft emotionale Intelligenz, den Alltag zu meistern und Krisen zu überwinden.

Woran könnte man denn auch ohne Test erkennen, dass man in Gefühlsdingen auf dem Holzweg ist?

Dafür gibt es sichere Alarmzeichen. Ganz typisch ist zum Beispiel der Vorwurf: "Warum lässt du deinen Jobfrust an mir aus?" Oder wenn Freunde auffällig oft sagen: "Du merkst ja auch gar nicht, wie es mir geht." Ein Satz, der übrigens häufiger von Frauen an Männer adressiert ist als andersherum. Im Schnitt schneiden Frauen beim Test nämlich besser ab. Leider reagieren aber natürlich gerade emotional weniger sensible Menschen auf solche Vorwürfe mit völligem Unverständnis. Das macht es nicht leichter, daran zu arbeiten.

Ist emotionale Intelligenz nicht eine Frage der Persönlichkeit? Kann man überhaupt daran arbeiten?

Man kann die emotionale Intelligenz trainieren. In Deutschland ist das noch nicht so verbreitet, fließt aber immer öfter in Coachings und Psychotherapien ein. Manche Prinzipien aus solchen Trainings kann man sich aber auch selbst beibringen - beispielsweise, indem man im Alltag hin und wieder einen Schritt zurücktritt und das eigene Verhalten betrachtet. In vielen Situationen stellt man schnell fest: Es sind nicht nur die Ereignisse, die mich wütend machen, sondern vor allem auch meine Interpretationen dessen, was passiert. Dann sollte man sich fragen: Könnte man das nicht auch gelassener angehen?

Aber jeder empfindet doch ganz andere Dinge als belastend, mancher ist ein eher ängstlicher, ein anderer ein aufbrausender Typ. Bergen immer mehr Tests und Trainings dieser Art nicht auch die Gefahr, dass sich irgendwann alle nur noch so verhalten, wie es erwiesenermaßen am intelligentesten ist?

Ich hoffe nicht! Bei dem EI-Fragebogen gibt es übrigens nicht eine einzige "richtige" Antwort. Der Test beschreibt ganz unterschiedliche Situationen und stellt dann Reaktionsalternativen zur Wahl. Ein Beispiel: Der Test beschreibt das Szenario, dass eine Frau mit blendender Laune aufwacht, und fragt dann danach, mit welchem Verhalten sie diese Laune am wirksamsten aufrechterhalten kann. Unter anderem kann man darauf antworten, dass sie den Tag einfach genießen sollte, oder auch, dass sie die gute Laune nutzen sollte, ihre etwas deprimierte Mutter aufzuheitern. Ein Experte wertet diese Antworten aus und vergibt dafür Punkte. Es zählt aber nicht das Psychologenurteil allein. Das Testergebnis berücksichtigt auch, was andere Teilnehmer geantwortet haben - was also in der Gesellschaft offenbar am ehesten als angemessen gilt. Aber ein Standardverhalten, das immer und überall richtig ist, gibt es nicht.

Interview: Katharina Kluin print

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