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Hirnforschung: Macht Armut dumm?

In den USA belegen Studien, dass sich die Gehirne von Kindern aus sozial schwachen Familien deutlich schlechter entwickeln als die aus wohlhabenderen. Das birgt politischen Zündstoff.

Von Alexandra Kraft

Forscher in Amerika haben untersucht, wie sich der soziale Status von Kindern auf ihre Hirnentwicklung und ihre geistigen Leistungen auswirkt. Die Ergebnisse sind alarmierend.

Forscher in Amerika haben untersucht, wie sich der soziale Status von Kindern auf ihre Hirnentwicklung und ihre geistigen Leistungen auswirkt. Die Ergebnisse sind alarmierend.

Hängt Intelligenz vom Einkommen ab? Vor allem in den USA sind in den vergangenen Jahren Neurowissenschaftler, Psychologen und Mediziner dieser Frage in zahlreichen Studien nachgegangen. Sie wollten herausfinden, wie sich der soziale Status von Kindern auf ihre Hirnentwicklung und geistigen Leistungen auswirkt. Schon lange ist bekannt, dass arme Schüler in der Schule schlechter abschneiden als reiche Kinder. Doch woran liegt das? Dank bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomografie können Forscher heute immer genauer den eigentlichen Ort des Geschehens untersuchen und vermessen: das Gehirn. Die bislang größte Studie, die den Zusammenhang zwischen Armut und Hirnentwicklung erforscht, hat die Neurowissenschaftlerin Kimberly Noble von der Columbia University durchgeführt. Der stern traf sie in New York.

Frau Noble, für eine Pilotstudie haben Sie die Gehirne von mehr als 1000 Kindern und Heranwachsenden von 3 bis 20 Jahren aus Familien mit sehr unterschiedlichen Einkommen untersucht. Was haben Sie festgestellt?
Wir konnten auf unseren Scans sehr klar sehen, dass die Gehirne von Kindern aus ärmeren Verhältnissen kleiner sind als die von Heranwachsenden mit wohlhabenden Eltern.
Wie groß waren die Unterschiede?
Im schlimmsten Fall reden wir von etwa sechs Prozent.
Das hört sich nicht sonderlich dramatisch an.
Das mag sein, aber es ist wirklich gravierend.
Weil vor allem der zerebrale Cortex betroffen ist.
Das ist die äußere, an Nervenzellen sehr reiche Schicht des Großhirns.
Ja, bei Ärmeren hat sie deutlich weniger Runzeln, Furchen und Kerben. Diese Gehirne verfügen dann über ein geringeres Volumen und weniger Leistungsfähigkeit. Außerdem ist der Hippocampus kleiner, also der tief im Gehirn liegende Bereich, der Gedächtnisinhalte und Emotionen verarbeitet.
Welche Folgen hat das?
Die Kinder und Jugendlichen sind impulsiver und können sich schlechter konzentrieren. Wir sehen, dass sie bei Tests, die das Denkvermögen untersuchen, nicht gut abschneiden. Sie sind in der Schule keine Glanzlichter, sie schließen selten mit einer höheren Schulbildung ab.
Und danach?
Das reicht bis ins Erwachsenenalter. So verdienen sie später weniger Geld und sind öfter arbeitslos als die Vergleichsgruppe aus wohlhabendem Hause.                                                                        Aber was macht Sie so sicher, dass das einzig die Auswirkungen von Armut sind? Beeinflussen nicht auch Gene die geistige Leistungsfähigkeit?
Ja, diese Vermutung gibt es. Aber wir haben bei allen unseren Probanden auch die DNA untersucht und so ausgeschlossen, dass es sich um eine vererbte kognitive Schwäche innerhalb von Familien handelt.
Überraschten die Ergebnisse Sie?
Nein, überhaupt nicht. Ich war da sehr realistisch. Schon seit Jahren beobachten wir, dass Kinder in öffentlichen Schulen, die zur Mehrheit aus ärmeren Familien kommen, von den reicheren akademisch abgehängt werden. Die Lücke wächst beständig. Unsere Studie war im Grunde nur die logische Folge. Traurig ist es aber trotzdem.
Das komplette Interview lesen Sie im stern. Darin geht es unter anderem darum, warum Armut die Hirnentwicklung beeinflusst und wie betroffene Kinder gezielt gefördert werden können.