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Kolumne "Kopfwelten" zum Thema Erziehung: Wie sag ich's meinem Kinde?

Die Frage, welcher Erziehungsstil richtig ist, lässt Elternherzen schneller schlagen. Die Forschung kann helfen. Zum Beispiel mit dem Tipp: Rechnen Sie nicht zu früh mit der Vernunft der Sprösslinge.

Von Frank Ochmann

Kekse sind ungesund? Wer will das schon hören, wenn die süße Versuchung lockt.

Kekse sind ungesund? Wer will das schon hören, wenn die süße Versuchung lockt.

Sehen die Kekse mit dem glänzenden Schokoladenüberzug nicht lecker aus? Unwiderstehlich geradezu! Und schon streckt sich ein Kinderarm, und ein Händchen angelt unbeholfen, aber zielstrebig nach der süßen Versuchung hoch oben auf dem Tisch. "Ich will alles und das sofort", scheint die Devise zu sein - nicht nur bei den Kleinsten. Und was machen Sie nun? Sie wissen nur zu gut, dass Kekse den Appetit des Kindes auf das verderben werden, was es wirklich essen sollte: Gemüse zum Beispiel. Sie wissen das. Aber wie bringen Sie das einem Kekssüchtigen von vielleicht drei oder vier Jahren bei?

Logisch gesehen haben Sie nur zwei Möglichkeiten, wenn Sie keinen Zwang anwenden wollen: Bei der ersten Alternative teilen Sie ruhig mit, was Sie über den Sachverhalt wissen, begründen Ihre Position in kurzen Sätzen und hoffen dann beim Kind auf die Einsicht, dass Gemüse schon wegen seiner gesunden Bestandteile ein viel größerer Genuss ist als ein verlockend süßer Schokokeks. Sie werden aus Ihrer Erfahrung heraus eine ziemlich klare Vorstellung davon haben, wie Erfolg versprechend dieser argumentative Weg ist. Bleibt also die zweite Möglichkeit: Tricksen.

Scheinwerfer an fürs Gemüse

Psychologen nennen das vornehmer und dazu englisch: "Priming". Will heißen: Das Köpfchen, das sich entscheiden soll, wird scheinbar wie zufällig auf die passenden Rahmengedanken gebracht. Wir könnten auch sagen, die Seelenbühne wird so eingeleuchtet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Entscheidung in der von außen gewünschten Richtung erheblich steigt. In unserem Fall: Spot-Scheinwerfer auf das Gemüse, während die Kekse in der Finsternis versinken. Die Aufnahmefähigkeit unseres Gehirns - der Arbeitspeicher - ist nicht sehr groß, weshalb wir uns nicht mit vielen Dingen gleichzeitig befassen können. Mit etwas Geschick ist es darum möglich, die geistige Bühne entsprechend zu gestalten und störende Kulissen ins Abseits zu schieben.

Wie wirkungsvoll solches "Priming" bei kleinen Kindern ist und wie sinnlos das Argumentieren "auf Augenhöhe", zeigte die Psychologin Amanda Kesek in einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität von Minnesota. Da ging es um das Warten und den höheren Genuss oder Gewinn, den das im Leben mit sich bringen kann. Nicht nur beim Rotwein oder beim Zocken an der Börse. Münzen, Gutscheine oder Bonbons konnten die kleinen Versuchspersonen einheimsen. Entweder wenig von alledem sofort oder eine zum Teil erheblich größere Menge "am Ende des Spiels".

Dass es ein Spiel war, zeigte sich für die Kleinen daran, dass bei jedem Durchgang eine Karte von einem verdeckten Stapel gezogen wurde, auf der das Verhältnis der Belohnungen für diese Runde angekündigt wurde. Zwei-, vier- oder gar sechsfach konnte sich der Profit für die Vierjährigen steigern - wenn sie denn Geduld aufbrachten. Und das gelang auffallend besser, wenn man ihnen zuvor eine Geschichte vorgelesen hatte, bei der ein gewisser Jamie - ein gleichaltriges Kind - sich ebenfalls geduldig gezeigt hatte. Zur Kontrolle gab es auch die andere Variante: den ungeduldigen Jamie, der es auf sofortigen Genuss abgesehen hatte.

Manipulation oder geschickte Verpackung?

Egal, wie sich Jamie in der Geschichte entschied, sein Vorbild zeigte bei den kleinen Probanden eine messbare Wirkung. Dabei spielte Jamie gar nicht das gleiche Spiel wie die Kinder. Was die Kleinen beeindruckte, die im Experiment von ihm hörten, war vielmehr seine innere Haltung und das Ziel, das er anstrebte. Beides wendeten die Teilnehmer dann in ihrer eigenen Situation an. Hatte man ihnen dagegen einfach nur sachlich und ohne jede emotionale Verpackung erklärt, welchen Vorteil das Warten mit sich brächte, blieb diese Information so gut wie wirkungslos.

Sollen Sie Ihren Kindern jetzt also beibringen, andere nachzuäffen? Und ist "Priming" letztlich nicht doch eine Form der Manipulation, bei der das Gegenüber nicht ernst genommen wird? Andere bewusst oder unbewusst zu beobachten und dann zu kopieren, ist eines der wichtigsten Grundmuster unseres Verhaltens. Darin ist nichts zu ändern. Die Frage, die sich Ihnen als Erzieher tatsächlich stellt, ist also nicht die, ob ihr Kind Vorbilder hat, sondern welche.

Viel Gefühl, wenig Verstand

Wie steht es um die Ethik des "Priming"? Einen Menschen ernst nehmen, bedeutet sicher auch, ihn so anzunehmen, wie er ist. Bei einem Kind heißt das, wir dürfen seinen sich noch entwickelnden und über viele Jahre reifenden Kopf nicht überfordern. Zum Beispiel mit Argumenten - "Gemüse ist gesünder als Schokolade" -, die selbst Erwachsene im konkreten Entscheidungsfall nur bedingt überzeugen können. Anders ist der Umsatz von Süßem kaum zu erklären. Der geistige Halt, den uns Erwachsenen der Teil unseres Gehirns gibt, der hinter der Stirn legt - der "präfrontale Cortex" - muss bei den Sprösslingen erst noch werden. Dieser Prozess dauert sehr lange und reicht bis ins dritte Lebensjahrzehnt, wenn mancher selbst schon Kinder hat. So beginnt das Leben mit sehr viel Gefühl und sehr wenig Verstand. Deshalb sind Kinder nicht dumm, sondern einfach nur jung und vor allem keine kleinen Erwachsenen.

"Priming" als Mittel der frühen Erziehung ist also keine pädagogische Sünde, sondern eher wohl eine ziemlich erfolgreiche Methode, die Nerven von Eltern und Kindern zu schonen. Und wenn Sie diese Form der Beeinflussung Ihrer Kleinen aus welchen Gründen auch immer nicht anwenden wollen, tun es andere derweil ganz sicher: Durch entsprechende Fernsehwerbung konnten Grundschulkinder im Experiment zum Beispiel ohne Mühe dazu gebracht werden, ihren Snack-Konsum um satte 45 Prozent zu steigern.

Literatur:

  • Bargh, J. A. et al. 2010: Motivation. In: Fiske, S. T. et al. (Hg.): Handbook of Social Psychology (5. Aufl.). New York: Wiley, 268-316
  • Harris, J. L. et al. 2009: Priming Effects of Television Food Advertising on Eating Behavior. Health Psychology 28, 404-413
  • Kesek, A. et al. 2011: Indirect goal priming is more powerful than explicit instruction in children. Developmental Science 14, 944-948
  • Zelazo, P.D. et al. 2008: The development of executive function in childhood. In: Nelson, C. & Luciana, M. (Hg.): Handbook of developmental cognitive neuroscience (2. Aufl.). Cambridge, MA: MIT Press, 553-574
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